Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Hier fällen statt anderswo plündern

In den Schweizer Wäldern wächst seit langem mehr Holz nach, als gefällt wird. Gleichzeitig importiert die Schweiz mehr als die Hälfte des Holzes, das sie konsumiert. Es ginge auch anders.

Von Bettina Dyttrich

Beat Narr steht vor einem Stapel Holz. Ein Dutzend Stammstücke liegen da, Ulme und Erle. «Das ist kein Topholz, es hat recht viele Seitenäste. Aber ich arbeite gern damit. Gut, dass es kein Brennholz wird.»

Narr ist Schreiner in St. Gallen. Einen Teil der Bäume, die er verarbeitet, bezieht er direkt aus dem Park des Schlosses Wartegg bei Rorschach. Der Park ist riesig, die Bäume sind alt, da muss immer wieder einmal einer gefällt werden. Manche Stämme kauft er bei Bauern, andere an der regionalen Holzversteigerung. «Ich kann den Kunden sagen, wo ihr Tisch gewachsen ist. Das ist cool.»

Der St. Galler führt eine Einzelfirma und kann vieles: Möbel schreinern, Innenausbau, Küchen bauen, Parkett legen. «Viele machen das. Aber ich mache es ökologisch und mit Massivholz, das ist eine Nische und läuft nicht schlecht.» Seine Kundschaft legt Wert auf Umweltschutz – «die anderen kommen gar nicht zu mir». Aber manchmal stösst auch Narr an Grenzen. Teilweise verarbeitet er vorgefertigte Platten, «sonst explodiert der Preis». Die stellt in der Schweiz fast niemand mehr her. Er hat es versucht und bei einer Schweizer Firma eine Charge Platten aus Schweizer Holz verleimen lassen. Das Endprodukt kostete dreimal so viel: «Das muss man sich leisten können, so etwas funktioniert nur bei grösseren Aufträgen.»

Überhaupt: die Preise. «Das Material hat keinen Wert mehr», das wurmt ihn. Alle wollen Eichenparkett, das Holz kommt aus Osteuropa, unglaublich günstig. Auf dem Tisch in Narrs Büro liegt der Katalog einer deutschen Holzlieferfirma, bei manchen Produkten steht die Herkunft, anderes ist einfach «Konstruktionsvollholz» ohne Angabe. «Da kannst du alles bestellen, günstig und mit super Service – und das ist für die meisten das Wichtigste.» Schweizer Sägereien könnten da nicht mithalten: die Löhne, die Grundstückpreise, die Transportkosten.

Beat Narr ist in der ehemaligen Stadtsägerei St. Gallen eingemietet, die heute ein Nebenstandort der Thurgauer Firma Thurholz ist. Seine Werkstatt ist in den ersten Stock der grossen Sägereihalle eingebaut. Er arbeitet eng mit Thurholz zusammen, darf ihren Stapler mitbenutzen – ein Gefährt in der Grösse eines Kleinlastwagens –, und die Firma zersägt seine Stämme in Bretter. Das macht sie allerdings im Thurgau, denn die grosse Sägemaschine in St. Gallen ist nicht mehr in Betrieb. In etwa zwei Jahren wird sich Narr einen neuen Standort suchen müssen. Die St. Galler Ortsbürgergemeinde, der das Gelände gehört und die früher auch die Sägerei besass, will Wohnungen für StudentInnen bauen lassen. Narr vermisst den weiten Blick auf das St. Galler Hochtal, den er aus seiner Werkstatt hat, schon jetzt. «Ich finde, das Gewerbe gehört in die Stadt. Aber eine Sägerei ist natürlich nicht sehr lukrativ für die Eigentümer.»

Holz nach Asien, Holz aus Asien

Die Schweiz ist holzhungrig. Alles eingerechnet, vom Bau- übers Brennholz bis zu Papier und Karton, verbraucht jede Bewohnerin dieses Landes rund 1,3 Kubikmeter Holz pro Jahr. Das macht elf Millionen Kubik. In den Wäldern gefällt werden nur rund fünf Millionen Kubik – obwohl genug Holz nachwachsen würde, um ohne Raubbau acht Millionen zu ernten. Doch in schwierig zugänglichen Berggebieten kostet das Holzen mehr, als es einbringt: Hier wird der Wald vor allem noch als Schutzwald gepflegt, wo es nötig ist. Dafür gibt es zwar Geld vom Bund, wie auch für die Biodiversitätsförderung. Trotzdem schreibt die Mehrzahl der Schweizer Forstbetriebe rote Zahlen.

Die Schweiz versorgt sich also nicht einmal zur Hälfte selbst. Sie importiert jährlich Holz und Holzprodukte im Wert von 7,3 Milliarden Franken. Da wäre es doch vernünftig, wenigstens den selbst produzierten Anteil auf möglichst direkten Wegen zu den Verarbeitern und Verbraucherinnen zu bringen. So läuft es aber nicht: Die Schweiz exportiert Baumstämme und importiert im Gegenzug geschnittenes Holz. Zwanzig Prozent des Stammholzes gehen ins Ausland, davon ein Drittel, vor allem Laubholz, nach Asien – von wo gleichzeitig Holzprodukte im Wert von 352 Millionen Franken stammen. Die Gründe sind vertrackt. Zum einen wachsen in den Schweizer Wäldern wieder mehr Laubbäume als vor hundert Jahren. WaldökologInnen freut das – und aus Buche und anderen Laubhölzern lassen sich faszinierende, filigrane Konstruktionen bauen. Aber Laubholz braucht andere Maschinen, andere Verarbeitungstechniken – ein grosser Teil der Branche ist nach wie vor auf Nadelholz eingestellt.

Gleichzeitig haben die Schweizer Sägereien gar nicht mehr die Kapazitäten, alles Schweizer Holz zu verarbeiten. In der Branche findet ein brutaler Strukturwandel statt. Vor vierzig Jahren gab es hierzulande noch 1500 Sägereien. Heute sind es 250, und die Zahl sinkt weiter. Der Holzmarkt ist vollständig liberalisiert.

Anton Bürgi kennt die Waldwirtschaft aus der Nähe. Er ist Waldmanagementspezialist an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und führt einen Forstbetrieb im Aargau. Die Schweizer Sägereien seien der EU-Konkurrenz nicht gewachsen, sagt auch er – nicht nur wegen der höheren Löhne, sondern vor allem, weil in der EU im Gegensatz zur Schweiz Industriebetriebe direkt subventioniert würden. «Zur Förderung von Randregionen, zum Beispiel in Ostdeutschland, können Firmen über dreissig Prozent ihrer Bruttoinvestitionen bekommen. Daneben gibt es auch indirekte Subventionen, etwa im italienischen Trentino, das ein Zollsondergebiet ist.» Dazu kommt noch: In vielen EU-Ländern baut man Sägereien mitten im Wald – in der Schweiz ist das verboten. «Wer in Ostdeutschland eine Sägerei baut, zahlt vielleicht dreissig Rappen pro Quadratmeter. In der Schweiz muss man in die Industriezone und zahlt 120 Franken.»

«Nur der Durchlauferhitzer»

Der Interessengegensatz zwischen WaldbewirtschafterInnen und Sägereien macht das Ganze nicht einfacher: Die einen möchten hohe Holzpreise, die anderen tiefe. Ganz ähnlich wie etwa bei der Milch. «Die Subventionen an die Waldwirtschaft haben einen ähnlichen Effekt wie die Direktzahlungen an die Landwirtschaft», sagt Anton Bürgi. «Sie ermöglichen tiefe Rohstoffpreise. Wir sind nur der Durchlauferhitzer.» Das sind nicht die einzigen Parallelen zwischen Land- und Forstwirtschaft. Dass die beiden Branchen zu kämpfen haben, hat wenig mit mangelnden «Innovationen» zu tun: Die Schweiz ist ein auf (Finanz-)Dienstleistungen und hoch spezialisierte Industrienischen ausgerichtetes Hochlohnland. Die sogenannte Primärproduktion kann in diesem Umfeld gar nicht rentieren. Wären Felder und Wälder nicht standortgebunden, wären die Land- und die Forstwirtschaft längst ausgelagert.

Das Wort «Nachhaltigkeit» kommt in seiner ursprünglichen Bedeutung aus der Waldwirtschaft: nicht mehr Bäume fällen, als nachwachsen. Im Gegensatz zu den meisten Produkten, die heute mit dem Wort angepriesen werden, ist Nachhaltigkeit beim Holz tatsächlich möglich. Die Schweiz setzt sie in ihren Wäldern um: Das strenge Waldgesetz verbietet Kahlschläge, und die Waldfläche darf nicht abnehmen. Gleichzeitig ist die Forstwirtschaft global eine der zerstörerischsten Branchen: Von Sibirien bis in den Kongo werden Wälder geplündert, bis nichts mehr übrig ist. Das Material, das für eine umweltfreundliche Kreislaufwirtschaft so wichtig wäre, wird für kurzfristige Gewinne verscherbelt.

Anton Bürgi fasst zusammen: «Das Dach über unserem Kopf ist überlebensnotwendig – aber darf nichts mehr kosten. Das Gleiche gilt für das, was wir auf dem Teller haben. Wie haben wir es fertiggebracht, dass alles Überlebensnotwendige nichts mehr kosten darf? Die Holz- und Lebensmittelpreise werden tief bleiben, bis zu wenig Holz und zu wenig zu essen da ist. Dann werden sie steigen – aber das ist zu spät. Dann wird es ungemütlich.»

Es wäre möglich: Wenn die BewohnerInnen dieses Landes langlebigere Häuser bauen, ihre Möbel länger behalten und ihren Papierverbrauch eindämmen würden – der Onlinehandel braucht Unmengen von Karton – dann wüchse in der Schweiz genug Holz für den hiesigen Verbrauch. Die Wälder müssten intensiver genutzt werden, aber das geht auch umwelt- und bodenschonend, und Platz für Waldreservate hätte es immer noch genug. Viele versuchen, in diese Richtung zu arbeiten: SchreinerInnen wie Beat Narr, KMUs etwa im Emmental und Entlebuch, die ganze Häuser aus lokalem Holz konstruieren. Dass ihre Produkte mehr kosten, ist nicht ihre Schuld: Plünderung ist immer billiger.

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