Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Ende des Bürgerkriegs

Annette Hug liest Max Aub und denkt an Sri Lanka

Von Annette Hug

Es ist jetzt genau zehn Jahre her. Der Krieg kam erst nach der Sitzung zur Sprache. Zuerst ging es um Lernende in der Pflege, um eine Kündigung und Schichtpläne, dann erzählte ein tamilischer Kollege, was im Nordosten Sri Lankas gerade vor sich ging: Die Regierungstruppen hatten die Liberation Tigers of Tamil Eelam eingekesselt und 290 000 ZivilistInnen in Lager gesperrt. Am 19. Mai 2009 verkündete die Regierung das Ende des Bürgerkriegs; was mit den Menschen in den Lagern geschah, drang nicht an die Öffentlichkeit. Die Uno-Spitze zögerte. Privat würden Nachrichten über Verwandte, die in Not seien, die Schweiz erreichen, erzählte der angehende Krankenpfleger – Tausende von tamilischen Familien müssen auch hierzulande in jenen Wochen ausser sich gewesen sein. An der Oberfläche alles wie gewohnt: Gewerkschaftssitzung, Schichtplan, der Frühling.

Bis heute ist nicht klar, wie viele Leute damals im abgesperrten Kriegsgebiet starben, von den Tigers an der Flucht gehindert oder von Regierungstruppen getötet wurden. 70 000 zivile Opfer? Die Regierung in Colombo blockiert eine Untersuchung – das Dunkel, das sich über die Lager für tamilische ZivilistInnen gelegt hat, verbindet sich in der Erinnerung mit Max Aub.

Im Mai 2009 ging mir der Roman «Bittere Mandeln» nicht aus dem Kopf. Der spanische Autor hat ihn 1968 im mexikanischen Exil veröffentlicht, 2003 ist er auf Deutsch herausgekommen – als letzter Band eines sechsteiligen Zyklus über den Spanischen Bürgerkrieg. Dessen Ende war verzweifelt: Unter den verbliebenen Truppen der Spanischen Republik ging das Gerücht um, französische und britische Schiffe würden in Alicante einlaufen, um Bedrohte zu evakuieren. Also sammelten sich im März 1939 im Hafen von Alicante rund 30 000 Flüchtlinge. Francos Truppen umzingelten sie, aber die Rettung blieb aus. Der Hafen wurde zur Falle.

Max Aub war selber Kulturattaché der Spanischen Republik in Paris gewesen, später sammelte er Geschichten von Leuten, die sich an Alicante erinnerten. Im Roman «Bittere Mandeln» lesen wir von etwa zwölf Hauptfiguren, wie sie sich zu den rettenden Schiffen aufmachen. Aufgrund der historischen Fakten ist von Anfang an klar, dass wir vergeblich mit ihnen hoffen. Die meisten werden erschossen werden.

Das könnte ein Grund sein, das Buch gleich wieder zu schliessen. Max Aub schafft es aber, der Logik des Ereignisses mit einem gegenläufigen Drall zu begegnen. Seine Prosa sperrt sich gegen den historischen Ablauf: Hier verschwindet niemand in der Monstrosität einer Opferzahl. Die Überforderung angesichts des Schreckens wird in kreisenden Erzählungen eine Weile aufgehoben, und die einzelnen Geschichten, die sich immer mehr verweben, gewinnen an Dringlichkeit. Das ganz Persönliche – sei es die Liebe oder ein politisches Zerwürfnis – spielt sich in Erinnerungen nochmals ab. Irgendwann wollte ich genau wissen, was Ambrosio Villegas oder Juan Valcarcél noch erlebt hatten, bevor sie ermordet wurden.

Im Mai 2019 belegen verschiedene Berichte die Kriegsverbrechen am Ende des Bürgerkriegs in Sri Lanka. Eine detaillierte Dokumentation und Aufarbeitung fehlt – individuelle Geschichten, die sich im Mai 2009 abgespielt haben, dringen kaum über die tamilische Community hinaus.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Als Gewerkschaftssekretärin hat sie Spitäler als globale Oasen schätzen gelernt.

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