Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

«Wir beten, dass es friedlich bleibt»

Sechs Monate nach den Osteranschlägen herrscht Unruhe im Land. Zudem reisst ein aktueller Präsidentschaftskandidat die Wunden des Bürgerkriegs wieder auf.

Von Natalie Mayroth (Text und Foto), Batticaloa und Mumbai

«Jede Familie ist direkt oder indirekt betroffen»: Die Opfer der Osteranschläge auf einem Plakat bei der Zionskirche in Batticaloa.

Sie war im Pfarrhaus, als der Sprengsatz zündete. Michelle Mahesan ist die Frau des Pastors der protestantischen Zionskirche in Batticaloa, einer kleinen Gemeinde an der Ostküste Sri Lankas. Als Ende April am Ostersonntag mehrere islamistische Selbstmordattentäter drei Luxushotels und drei Kirchen angriffen, war eine davon die Kirche von Mahesan. Sie und ihre Familie überlebten das Attentat; noch am Ort des Geschehens halfen sie den Verletzten.

Insgesamt wurden bei den Anschlägen über 250 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt. Auch die kleine Gemeinde am Golf von Bengalen traf es hart: 31 Menschen kamen bei den Anschlägen in Batticaloa ums Leben. «Jede Familie ist direkt oder indirekt betroffen», so Mahesan. Für das Sonntagsgebet trifft sich die Zionsgemeinde nun in der Halle einer benachbarten Kirche – bis das eigene Gotteshaus fertig renoviert ist.

Trümmer und Glauben

Blanke, verfärbte Wände und Trümmer hat der Sprengsatz hinterlassen. Von der Kirche und Mahesans Wohnhaus ist nicht mehr viel geblieben. Das sei eine prüfende Zeit gewesen, aber der Glaube gebe ihr Kraft, sagt die 54-Jährige. «Das Leben geht weiter. Die Menschen setzen sich mit dem auseinander, was passiert ist.» Dass viele allmählich mit der Trauer zurechtkämen, ermutige sie. Mahesan trägt ein T-Shirt und Jeans. Ihre leicht gelockten Haare sind zu einem Zopf gebunden.

Michelle Mahesan, Seelsorgerin.

Im improvisierten Pfarrbüro gegenüber der Kirche hält Mahesan die Stellung, zusammen mit ihrem Mann, Pastor Roshan Mahesan, und anderen freiwilligen HelferInnen. Als Seelsorgerin besucht sie morgens und abends Angehörige der Kirchengemeinde. Ein halbes Jahr nach den Anschlägen sind die Mahesans noch immer auf Ausweichorte für die Büroarbeit und die Messe angewiesen. Bis ihr Haus wieder aufgebaut ist, leben sie bei ihrer ältesten Tochter.

Dabei hatte der Wohnungs- und Kulturminister Sajith Premadasa im Juni die Zionsgemeinde besucht und einen raschen Wiederaufbau versprochen. Premadasa kandidiert am 16. November für die anstehenden Präsidentschaftswahlen. Er ist der Sohn des Expräsidenten Ranasinghe Premadasa, der das Land bis 1989 regiert hat. Sajith Premadasas Partei UNP gilt zwar als konservativ, hat sich aber zuletzt immer mehr für Reformen und liberaleres Denken geöffnet. Und sie hat die Unterstützung der grössten politischen Allianz der tamilischen Minderheit (TNA). Im Wahlkampf verspricht der 52-Jährige, gegen religiösen Extremismus, Korruption und illegalen Drogenhandel vorzugehen sowie sich für die Gleichberechtigung der Minderheiten einzusetzen – etwa Muslime, Christinnen und Tamilen.

Der Kriegsverbrecher im Wahlkampf

Die Osteranschläge lösten viel Unruhe im Land aus, seitdem nehmen interreligiöse Spannungen zu. Zudem wurden die Erinnerungen an den blutigen Bürgerkrieg wieder lebendig, der erst vor zehn Jahren zu Ende gegangen war. Von 1983 bis 2009 kämpfte die Guerillaarmee Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) im Norden und Osten Sri Lankas für einen unabhängigen tamilischen Staat. Während des Bürgerkriegs zwischen den Tamil Tigers und der singhalesischen Regierung kamen Zehntausende ZivilistInnen ums Leben. 2009 wurde die LTTE zerschlagen, doch der Krieg ist bis heute kaum aufgearbeitet.

Dies zeigt sich am zweiten aktuellen Präsidentschaftskandidaten, Gotabaya Rajapaksa von der buddhistisch-nationalistischen SLPP. Rajapaksa gilt als Hardliner. Von 2005 bis 2015 hatte bereits sein Bruder Mahinda das Land regiert – unter ihm war der heutige Präsidentschaftskandidat Rajapaksa Verteidigungsminister. Im Krieg gegen die Tamil Tigers unterstand ihm also die staatliche Armee. Ihm werden bis heute schwere Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen, Folter und das Verschwindenlassen von missliebigen JournalistInnen vorgeworfen.

Doch ebenso wird der Siebzigjährige als «Kriegsheld» gefeiert – insbesondere von radikalen BuddhistInnen. Im Wahlkampf verspricht Gotabaya Rajapaksa mehr Sicherheit, die Stärkung des Militärs und Straferlass für sri-lankische Soldaten, die wegen Bürgerkriegsverbrechen in Haft sitzen.

Der Menschenrechtsaktivist Herman Kumara, Leiter der Solidaritätsbewegung für Fischer, ist besorgt: «Niemand kann vorhersagen, wer gewinnen wird.» Gewinnt Rajapaksa die Präsidentschaftswahlen, würde die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen künftig deutlich erschwert werden. Kumara befürchtet zudem, dass unter Rajapaksa erneut die Menschen- und Freiheitsrechte stark eingeschränkt würden.

Während der Exverteidigungsminister Rajapaksa im überwiegend buddhistisch geprägten Süden AnhängerInnen hat, findet sein Kontrahent Premadasa vor allem im hinduistisch-tamilisch geprägten Norden und Osten Unterstützung – so auch in der Stadt Batticaloa. Religion sei das vereinende und zugleich teilende Element der sri-lankischen Gesellschaft, sagt Michelle Mahesan. Die Pastorenfrau versucht, zuversichtlich zu bleiben: «Der liebe Gott wird jenen an die Macht bringen, den er vorherbestimmt hat», sagt sie. «Wir beten dafür, dass es friedlich bleibt.»

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