Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Im Krebskorridor gibt es kein Entkommen

Ein weltweit einzigartiges Sumpfgebiet vor dem Kollaps, Krebs in fast jeder Familie und Behörden, die wegschauen: Ölkonzerne und Chemiefabriken haben den US-Bundesstaat Louisiana zu einer Kolonie ihrer Interessen gemacht. Doch die Menschen beginnen, sich zu wehren.

Von Daniel Stern (Text) und Julie Dermansky (Fotos), Freetown

Es ist die grösste Sumpflandschaft Nordamerikas: Das Atchafalaya Basin im südlichen Teil des US-Bundesstaats Louisiana erstreckt sich über eine doppelt so grosse Fläche wie der Kanton St. Gallen. Jetzt im Vorfrühling stehen die Sumpfzypressen zwei Meter tief im Wasser. Zwischen den tiefbraunen Baumstämmen schwimmen leuchtend grüne Wasserlinsen: ein märchenhaftes Bild. Gespenstische Stille herrscht, als Dean Wilson mit seinem Motorboot in einer kleinen Lichtung anhält. Hin und wieder Vogelgezwitscher, sonst nichts. Selbst die normalerweise hier allgegenwärtigen Alligatoren haben sich verkrochen, das Wasser ist noch zu kalt.

Wilson ist Geschäftsleiter der Atchafalaya Basinkeeper, einer Umweltorganisation, die sich dem Schutz dieser einzigartigen Landschaft verschrieben hat. Bevor er sich der Organisation anschloss, war er Berufsfischer. Doch immer mehr empörte er sich über die Waldrodungen, die im Gebiet überhandnahmen, nachdem bereits im 19.  Jahrhundert die ganze Gegend dem Raubbau zum Opfer gefallen war. «Diese Bäume hier können Tausende von Jahren alt werden», erzählt Wilson, «doch wir sehen hier nur hundertjährige Babys.»

Die Sumpflandschaft ist extrem fragil. Damit die Zugvögel hier zu ihrer Nahrung kommen, darf das Wasser höchstens knietief sein. Im Normalfall ist das Ende Sommer der Fall. Doch dieser Kreislauf funktioniert nicht mehr richtig. Wegen der vielen Hochwasser im Mississippi werden immer wieder die Schleusen des eingedeichten Stroms geöffnet und Wasser Richtung Atchafalaya abgeleitet. Kanäle und zehn Meter breite Schneisen durchschneiden die Landschaft: für den Holzschlag, die Ölsuche und für Pipelines. Sie stören den natürlichen Wasseraustausch und den Abfluss Richtung Golf von Mexiko, wo sich seit Jahrtausenden Sand abgelagert hat und neues Land entstanden ist. Dieses Neuland war immer auch ein Schutzschild gegen Stürme und Flutwellen. Doch der Aushub und die Baumreste, die an den Rändern der Kanäle abgelagert werden, führen jetzt zu einer Verlandung innerhalb des Sumpfes, während das Meer Boden zurückgewinnt.

Verlauf der Bayou Bridge Pipeline (grosse Ansicht der Karte).

Wilson fährt mit seinem Boot zu einem neuen Kanal, der für den Bau der sogenannten Bayou Bridge Pipeline erstellt wurde. Ein grosses Schild ist da zu sehen: «Warnung: Ölpipeline. Nicht ankern oder baggern.» Nicht auszudenken, eine Pipeline würde leckschlagen und Rohöl würde sich in diesem Sumpf ausbreiten.

Pipeline im Hochwasser

Die Bayou Bridge Pipeline sollte Anfang 2019 eigentlich fertig gebaut sein. Doch es kam zu Verzögerungen und Gerichtsklagen. Protestaktionen blockierten die Bauarbeiten immer wieder: WasserschützerInnen eines Protestcamps unter dem Namen «L’eau est la vie» stellten sich den Baggern entgegen. Dann war der Wasserstand zu hoch, die Bagger konnten nichts mehr ausrichten.

Doch seit ein paar Wochen ist die Pipeline betriebsbereit. Bei Vollauslastung wird sie auf 260 Kilometern Gesamtlänge täglich 280 000 Fass Rohöl durch Louisiana verschieben, von der texanischen Grenze zum westlichen Ufer des Mississippi. Betreiber der Pipeline ist ein Konsortium der beiden Firmen Energy Transfer und Phillips 66. Energy Transfer betreibt in den USA über 100 000 Kilometer Pipelines und ist in den letzten Jahren in die Kritik geraten, weil sie mit dem Bau ihrer Dakota Access Pipeline in North Dakota die Landrechte der Sioux missachtet haben soll. Aus den Pipelines von Energy Transfer leckt oft Öl und Gas. 527 solche Vorfälle sind laut Erhebungen der Umweltorganisation Greenpeace zwischen 2002 und 2017 bekannt geworden. Gegen KritikerInnen ihres Pipelinebaus geht Energy Transfer mit rüden Mitteln vor: Der Konzern liess Widerstandscamps von der privaten Sicherheitsfirma Tiger Swan infiltrieren; Greenpeace wurde mit einer 900-Millionen-Dollar-Klage eingedeckt. Energy Transfer wie auch Phillips 66 erhalten für ihre Projekte Milliardenkredite der Grossbanken, darunter auch prominent von der Schweizer Credit Suisse.

Perfide Umzonung

Enden wird die Pipeline ganz in der Nähe von Eve Millers Haus. Die Familie der 62-Jährigen lebt seit Generationen da. Ihre VorfahrInnen kauften hier nach dem Bürgerkrieg als frei gewordene SklavInnen Land. Es war die erste sogenannt gemischtrassige Siedlung zwischen New Orleans und Baton Rouge, der Hauptstadt von Louisiana. Sie nannten den Ort Freetown – freie Stadt. An der Hauptstrasse steht eine Gedenktafel, auf der dieses Ereignis gewürdigt wird. Wer die Tafel lesen will, muss allerdings ins sumpfige Gras stehen.

Freetown ist noch immer afroamerikanisch geprägt – wie die meisten Siedlungen hier am Mississippi. Sie bilden keine eigenen Gemeinden mit politischer Autonomie, sondern werden von St. James verwaltet, dem zuständigen Parish, wie in Louisiana die Bezirke genannt werden. Dass gerade hier nahe dieser ärmlichen Wohngegend die Bayou Bridge Pipeline endet, ist alles andere als ein Zufall.

Vor ein paar Jahren hat das Parish St. James die ganze Gegend um Freetown zum Industriegebiet erklärt. Auf den ebenen Feldern, wo früher im grossen Stil Zuckerrohr angepflanzt wurde, begannen nun Öltanks und petrochemische Fabriken, aus dem Boden zu schiessen. «Die haben das beschlossen, ohne uns auch nur zu fragen», empört sich Miller. «Später fanden wir heraus, dass auf den Plänen, die die Behörden den Unternehmen zukommen liessen, noch nicht einmal Wohnhäuser, Kirchen und Schulen verzeichnet waren.» Innert weniger Jahre wurden die BewohnerInnen, die in ihren Gärten Gemüse anpflanzten und Hühner hielten, von Industrieanlagen umzingelt. Sie leben nun an einem Ort, wo es oft penetrant stinkt und dröhnt.

Direkt vor Millers Haus stehen Öltanks. Hinter ihrem Haus wurde ein Eisenbahnterminal errichtet, daneben eine Fabrik, die den Alkohol Methanol produziert. Er wird aus Erdgas hergestellt, für die Plastikproduktion gebraucht oder Benzin beigemischt. Zwei weitere Methanolfabriken sind in der näheren Umgebung bereits errichtet worden, eine vierte ist in Planung. Das alles hat System. Nur wenige Meilen nördlich von Millers Haus plant der taiwanesische Konzern Formosa den Bau einer Plastikfabrik. 9,4 Milliarden Dollar sollen investiert werden, die Fabrik ein Gelände von 1300 Fussballfeldern umfassen. Die BewohnerInnen von Freetown erleben eine feindliche Invasion.

Bald häuften sich die gesundheitlichen Probleme. Eve Miller hat Brustkrebs. Sie sagt, sie kenne vier Leute mit Krebs allein in ihrer Strasse; eine Person ist bereits gestorben. Dazu kommen Kopfschmerzen und Atemwegsbeschwerden. Die Gesundheitsbehörden interessiere das nicht: «Die sagen, wir seien hier im Durchschnitt mit unseren Krankheiten.» Das belege auch das staatliche Krebsregister. Doch dessen Arbeit wird von UmweltaktivistInnen kritisiert: Die bereitgestellten Daten seien zu ungenau. Auch werde nicht berücksichtigt, dass ärmere Leute oft gar nicht zum Arzt gingen. Schon länger wird die Gegend am Mississippi zwischen New Orleans und Baton Rouge «Cancer Alley» genannt, Krebskorridor.

Wie freiwillig sind Grenzwerte?

Ein Dienstagabend Ende Februar. Eine lokale Bürgerorganisation hat in Reserve, einer Siedlung auf der anderen Seite des Mississippi, zu einer Versammlung geladen. David Gray wird sprechen. Er ist Vizedirektor der Environmental Protection Agency (EPA), der Bundesbehörde, die sich um die Umwelt kümmert. Es geht um die an Reserve angrenzende Chemiefabrik, die lange im Besitz des US-Konzerns Dupont war und jetzt der japanischen Denka gehört. Diese Fabrik produziert Chloropren, ein Zwischenprodukt, das für die Herstellung von Neopren gebraucht wird. Durch die Schornsteine der Fabrik gelangt Chloropren auch in die Luft. 2015 hat die EPA – damals unter der Regierung von Barack Obama – Chloropren als krebserregend eingestuft. Sie postulierte einen Grenzwert von 0,2 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. 2016 begann die EPA in der Umgebung von Reserve mit Messungen und stellte eine bis zu 800-fache Überschreitung ihres Grenzwerts fest.

David Gray ist nicht ganz wohl in seiner Haut, wie er da auf dem kleinen Podium steht und zur etwa vierzigköpfigen Menge spricht. Viele der Anwesenden, mehrheitlich ältere AfroamerikanerInnen, tragen rote T-Shirts, auf denen die Zahl 0,2 gross zu lesen ist. Gray streicht das Positive hervor: «Wir werden auch 2019 weitere Messungen vornehmen», sagt er und erhält Applaus. Dann schiebt er nach, dass die Kadenz der Messungen aus finanziellen Gründen um die Hälfte gekürzt werde. Niemand scheint den Satz zur Kenntnis zu nehmen. Gray erklärt weiter, dass der Grenzwert von der Chemiefirma bestritten werde und die EPA keine Macht habe, ihn durchzusetzen. Sie könne nur messen. Er sei sich bewusst, dass das hier eine Risikozone sei. «Wir arbeiten dran, ich kann darüber aber nicht im Detail in der Öffentlichkeit sprechen.»

Tatsächlich ist es nicht nur Denka, die den Grenzwert bestreitet, sondern auch der Staat Louisiana. Dieser Wert sei «eine Empfehlung und kein Limit», heisst es in einer Erklärung der Louisianer Umweltbehörde. Denka habe zudem bedeutende Schritte unternommen, um ihre Emissionen zu reduzieren. Ziel sei es, den Ausstoss um 85 Prozent zu senken. Die neusten Messungen zeigten, dass sie damit auf dem richtigen Weg sei. Die Behörde sehe deshalb keinen Grund, einzuschreiten und etwa die an die Fabrik angrenzende Schule zu verlegen.

Gray stellt sich nach seinem Referat den Fragen der ZuhörerInnen. Eine Frau fragt: «Wieso muss die Fabrik ihre Produktion nicht einstellen, bis der Grenzwert unten ist?» Gray: «Gute Frage. Es geht um die Kontrolle des Prozesses. Wir arbeiten daran.» Die Frau: «Derweil sterben wir.» Gray: «Es ist ein herausfordernder Prozess.»

Ein Mann: «Wieso schreitet die EPA nicht ein?» Gray: «Wir regulieren. Doch es fehlt an den Rahmenbedingungen. Das macht es für uns schwierig.» Der Mann: «Aber ihr seid doch die Polizei für die Umwelt!» Gray: «Ja, das sind wir. Aber wir müssen aufpassen. Wir wollen keinen Gerichtsprozess verlieren. Wir folgen dem Gesetz.»

Ein anderer Mann: «Okay. Sie kommen wenigstens hierher. Aber wieso kommt niemand vom Staat Louisiana? Wir werden doch einfach umgebracht.» Gray: «Wir arbeiten mit dem Staat und der Fabrik zusammen, um die Emissionen zu reduzieren. Ich wünschte mir, ich könnte das alles beschleunigen, aber es geht nicht.»

Die Fotografin Julie Dermansky: «Wird die EPA einen verbindlichen Standard für Chloropren festlegen?» Gray: «Wir sind zu beschäftigt, wir haben noch anderes zu tun.»

Ein dritter Mann: «Hier kommt doch die Fabrik zuerst und erst am Schluss das Volk.» Gray: «Nein, bei uns gilt ‹people first›.»

Nun steht Robert Taylor auf, der zu den führenden Köpfen gehört, die sich hier gegen die Fabrik wehren. Er sagt: «Mein Herz bleibt fast stehen, wenn ich das alles höre. All das Unheil, das diese Fabrik schon über uns gebracht hat. All die Leute, die an Krebs gestorben sind. Sie starben im Stillen, weil man hier nicht über Krebs sprach.» Taylor hat Mühe, die Fassung nicht zu verlieren: «Es ist klar: Der Grenzwert wird 800-fach überschritten, und es ist wegen der Fabrik. Hier leben 99 Prozent Schwarze. In der Schule sind alle schwarz. Das ist ein Genozid.»

Die Veranstaltung klingt mit einem Gebet des afroamerikanischen Pastors Harry Joseph aus, der auf der anderen Flussseite in der Nähe von Freetown eine Baptistenkirche betreibt.

Robert Taylor wohnt nur einen Steinwurf von der Denka-Fabrik entfernt. Das Quartier besteht aus kleinen Wohnhäusern, verbunden durch eine kleine, löchrige Strasse. Einige der Häuser gleichen eher grösseren Wohnwagen und sind in einem erbärmlichen Zustand. Andere wie das von Taylor sind frisch gestrichen und herausgeputzt. Viele BewohnerInnen sind hier tagsüber draussen anzutreffen und pflegen untereinander Kontakt. «Die meisten hier sind Hausbesitzer», sagt Taylor. «Sie haben hart gekämpft, um sich ein Haus bauen zu können, und dann macht die Fabrik alles kaputt.» Er bekomme oft den Rat, sein Haus zu verkaufen und wegzuziehen. Doch: «Meine Bank sagt mir, das Haus habe wegen der Fabrik die Hälfte an Wert verloren. Und wem soll ich das Haus denn verkaufen? Ich kann doch nicht guten Gewissens jemandem sagen: ‹Komm her mit deinen Kindern›, wenn sie hier vergiftet werden.»

Taylor ist 79 Jahre alt und hat inzwischen so viele Enkel und Urenkelinnen, dass er aufgehört habe zu zählen. Er ist in Reserve geboren und erlebte noch die sogenannte Rassentrennung. In der Kirche musste er hinten sitzen, im Restaurant sich in der für «Farbige» reservierten Zone bedienen lassen, in eine schwarze Schule gehen. «Das mit der Schule hat sich nie geändert», sagt er. «Nach dem Ende der Rassentrennung haben die Weissen einfach eine Privatschule gegründet und ihre Kinder dorthin geschickt.» Eine Tochter von ihm leidet an einer Autoimmunkrankheit, seine Ehefrau ist nach einer Brustkrebsoperation nach Kalifornien gezogen. Seine Mutter starb 1994 an Knochenkrebs, ein Bruder und ein Neffe an Lungenkrebs. Alle lebten hier im Ort. Von den NachbarInnen hört er Ähnliches.

Die Demokratie als Geisel

Louisiana sei zum Kolonialstaat der petrochemischen Industrie geworden: Diesen Satz hört man immer wieder. Die Industrie könne in die Luft lassen, was sie wolle, und erhalte noch Steuererleichterungen. Der ehemalige Armeegeneral Russel Honoré, ein Louisianer, der nach den Verheerungen des Hurrikans Katrina von 2005 den Oberbefehl bei den Rettungsarbeiten erhielt und seither einen Heldenstatus geniesst, sagt es gegenüber der «New York Times» so: «Wir erlauben der Öl- und Gasindustrie, unsere Demokratie als Geisel zu nehmen. Die Industrie sagt immer, sie bringe unsere Wirtschaft voran. Aber wieso sind wir dann der zweitärmste Staat der USA?» Für Sue Lincoln, eine jahrzehntelange Beobachterin der Politik Louisianas, kann in diesem Staat die Industrie nach Gutdünken «Gesetze und Verordnungen durchsetzen, um ihren Status zu zementieren», wie sie in einem Zeitungsartikel schreibt. Gesetze zum Schutz des Grundwassers seien genauso verhindert worden wie Bestrebungen zu systematischen Messungen der Luftqualität. Die Ölindustrie habe so lange lobbyiert, bis Louisiana ein Steuererleichterungsprogramm für die Installation von Solaranlagen abgeschafft habe.

Wieso lässt die Bevölkerung das zu? Für Anne Rolfes von der Umweltorganisation Bucket Brigade gibt es dafür keine rationale Erklärung: «Es ist eben diese Kultur, in der man alles macht, was die Industrie will. Sie reden von Jobs, doch sie schaffen gar keine für die lokale Bevölkerung.»

Das Vertrauen der BewohnerInnen der «Cancer Alley» in den Staat ist entsprechend schwach. In Freetown spricht die 75-jährige Geraldine Mayho vom Gas, das hier in der Gegend seit geraumer Zeit zu riechen sei. Sie habe schon bei der Parish-Verwaltung angerufen, doch nichts sei passiert. Auf der Fahrt mit Mayho zur Stelle, wo sie das Gas gerochen hat, zeigt sie auf die Wohnhäuser, deren BewohnerInnen sie kennt. Kaum ein Haus, in dem niemand an Krebs gestorben ist. Auch ihr Mann ist dadurch umgekommen. Ihren Garten könne sie auch nicht mehr nutzen, die Bäume trügen keine Früchte mehr.

Schliesslich erreichen wir die Stelle, wo es penetrant nach Gas stinkt. Sie liegt mitten in einem Wohnquartier. Der Gestank plage sie schon seit dem letzten Sommer, bestätigt die Anwohnerin Joann Dennis. Die meisten Wohnstätten hier sind alte Trailer. Dass die Behörden hier, in einer afroamerikanischen Armensiedlung, dagegen einschreiten müssten, wird gar nicht erst erwartet. Wir gehen zusammen mit Dennis’ Nichte Johinyan Florence durch den Regen, um den Ort des Lecks zu suchen. Entlang der kleinen Quartierstrasse sehen wir, wie am Rand Bläschen aus den Regenpfützen aufsteigen. Es blubbert unaufhörlich. Wir haben das Gasleck gefunden.

Später erzählt Mayho von ihrer Angst, dass hier etwas explodieren könnte. Sie habe immer einen Koffer gepackt, um fliehen zu können. Doch das ist gar nicht so einfach. Es gibt nur noch eine einzige Verbindungsstrasse, die in Nord-Süd-Richtung dem Mississippi folgt. Hinter den Wohnquartieren, wo man früher auf Feldstrassen Richtung Westen gelangte, stehen jetzt überall Industrieanlagen. Es gibt kein Durchkommen mehr.

Lavieren im Wahlkampf

Immerhin: Der Kampf gegen die Kolonialisierung hat begonnen. Die Kampagne gegen die Bayou Bridge Pipeline hat unterschiedliche Gruppen zusammengebracht, die sich nun gemeinsam gegen den Bau neuer Industrieanlagen wehren. An einem Samstag Ende Februar treffen sich rund vierzig Leute zu einem Gedankenaustausch im Gemeindesaal der katholischen Kirche von St. James. Der Baptistenpfarrer Joseph spricht das Gebet. Gekommen sind AnwohnerInnen von beiden Seiten des Mississippiufers. Auch Clyde Cooper, ein Abgeordneter des Parish-Rats, ist aufgetaucht und begründet wortreich, dass er im Genehmigungsverfahren für die Plastikfabrik Formosa gestimmt habe, weil er dafür im Gegenzug verschiedene Zugeständnisse durchgebracht habe, wie etwa regelmässige Luftmessungen. Babeh Washington von der anderen Flussseite sagt: «Es ist im Osten wie im Westen das Gleiche. Unsere gewählten Vertreter im Parish sitzen seit zwanzig Jahren nur rum, und wir lassen das geschehen. Es heisst, man könne den Staat nicht bekämpfen, es sei, wie wenn man gegen den Wind pisst. Doch genug ist genug. Jetzt kämpfe ich.» An die Versammlung sind auch UmweltschützerInnen aus New Orleans gekommen. In der kulturellen Metropole Louisianas kämpfen derzeit AktivistInnen gegen den Bau eines neuen Gaskraftwerks. Auch mehrere VertreterInnen des Widerstandscamps L’eau est la vie haben die zweistündige Autofahrt hierher auf sich genommen. Das Camp steht auch für den Kampf der indigenen Bevölkerung, die sich um den Schutz des Wassers und um ihre wirtschaftliche Basis, den Fischfang, sorgt. AnwältInnen der Organisation Earthjustice klären über den Stand der Gerichtsklagen gegen die Pipeline und die Formosa-Plastikfabrik auf. Sharon Lavigne von der lokalen Organisation Rise leitet die Versammlung. Die Lehrerin will sich im Sommer pensionieren lassen und dann Vollzeit gegen die geplante Plastikfabrik kämpfen.

Es ist nicht einfach, die unterschiedlichen Leute an einen Tisch zu bringen. Es gibt Missgunst, Machtkämpfe, Misstrauen. Doch die Zeit ist günstig: Im Herbst werden in Louisiana Parlament und Regierung neu besetzt. Die PolitikerInnen sind im Wahlkampfmodus. Der Gouverneur John Edwards, ein Demokrat in diesem so tief republikanischen Staat, will wiedergewählt werden und muss zwischen den Interessen der Industrie und jenen seiner Basis lavieren, die Umweltthemen zunehmend ernster nimmt. Wie weit er zu Zugeständnissen bewegt werden kann, ist offen. Anfang April hat sich aus über einem Dutzend NGOs und AnwohnerInnenvereinigungen die «Koalition gegen den Todeskorridor» gebildet. Ende Mai ist ein Marsch auf Baton Rouge geplant. Robert Taylor wird genauso dabei sein wie Sharon Lavigne und Pastor Harry Joseph. Allen ist klar: Nur zusammen kann man etwas erreichen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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