Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Unberechenbar, umstritten, unpopulär

Die Krönung des neuen thailändischen Königs war mehr als nur eine verschwenderische Zeremonie – es war eine feudalistische Inszenierung im von Militärs beherrschten Land.

Von Nicola Glass

Nach dem Tod seines Vaters, Thailands König Bhumibol Adulyadej, im Oktober 2016 erklärte Maha Vajiralongkorn, er wolle sich nicht sofort zum neuen Monarchen ausrufen lassen – sondern erst mit dem Volk trauern. Damals wurde spekuliert, ob der dreifach geschiedene, als unberechenbar geltende Lebemann überhaupt den Thron besteigen würde. Am vergangenen Wochenende wurde er nun offiziell zum thailändischen Monarchen gekrönt.

An die Popularität Bhumibols reicht der 66-Jährige nicht heran, im Gegenteil: Vajiralongkorn – nun «Rama X» – gilt als verhasst. Wegen des «Gesetzes gegen Majestätsbeleidigung», das Beschuldigten pro Anklagepunkt bis zu fünfzehn Jahre Haft einbringen kann, darf dies aber niemand öffentlich äussern.

Dabei ist er selbst unter UltraroyalistInnen umstritten. Vor allem, weil er seine Zeit lieber in Bayern verbringt, als seinen königlichen Pflichten in Bangkok nachzukommen. Auch wurden Vajiralongkorn Kontakte zu Expremier Thaksin Shinawatra nachgesagt, der 2006 vom Militär gestürzt wurde und bei Konservativen als Erzfeind gilt. So ist der 98-jährige Exgeneral und Kronratsvorsitzende Prem Tinsulanonda – nach dem Tod Bhumibols kurzzeitig Interimsregent – als erbitterter Gegner Vajiralongkorns bekannt.

Wie der «Guardian» Ende 2010 unter Berufung auf von Wikileaks veröffentlichte US-Dokumente berichtete, hatte Prem in kleinem Kreis deutlich gemacht, dass man den Kronprinzen für unwürdig erachte. 2015 publizierte die auf südostasiatische Politik spezialisierte Website «New Mandala» zudem einen Kommentar, in dem es hiess, Prem betrachte Vajiralongkorn nicht nur «als Risiko für die Monarchie, sondern auch als existenzielle Bedrohung für den Reichtum, die Macht und die Privilegien der Ultraroyalisten». In vertraulichen Interviews mit der WOZ hatten Bhumibol-VerehrerInnen ebenfalls zugegeben, dass sie Vajiralongkorn ablehnen und lieber dessen Schwester, Prinzessin Sirindhorn, auf dem Thron sähen.

Die wahre Macht ist die Armee

Insbesondere dass Vajiralongkorn Änderungen an der jüngsten Verfassung forderte, hat die seit dem Militärputsch im Mai 2014 herrschende Junta kalt erwischt. Dabei ging es ihm nicht um den undemokratischen Inhalt der Verfassung, die im April 2017 in Kraft trat und darauf abzielt, die Herrschaft des Militärs selbst nach Wahlen zu sichern. Vielmehr wollte er seine Befugnisse als Monarch ausdehnen. So forderte er etwa, während seiner häufigen Abwesenheiten keinen Stellvertreter einsetzen zu müssen. Juntachef Prayuth Chan-ocha dürfte insgeheim vor Wut gekocht haben, musste sich aber fügen. Schliesslich waren die Machthaber auf die königliche Unterschrift angewiesen.

AkademikerInnen sind sich uneins, ob mit Vajiralongkorn eine neue absolute Monarchie heraufdämmert, wie sie Thailand 1932 abgeschafft hatte, oder ob er die Verfassung nur seinem hedonistischen Lebensstil anpassen wollte. Doch damit nicht genug: Mittlerweile hat er nicht nur den königlichen Sicherheitsapparat, sondern auch das milliardenschwere Vermögen des Palasts unter seine Kontrolle gebracht. Als wahre Macht im Land gilt allerdings weiterhin die Armee.

Letztere wird nicht müde, sich auch mit dem unpopulären Vajiralongkorn an der Spitze weiter als Wächterin der Monarchie aufzuführen, in deren Namen sie in der Vergangenheit wiederholt Putsche gerechtfertigt hat. Ein mit dem Palast verbundenes Netzwerk aus Militärs, Aristokratie, Technokratie und altem Geldadel, das den Mythos eines «politisch neutralen» und «gottgleichen» Monarchen kultiviert hat, schützt auf diese Weise eigene Privilegien. Vajiralongkorn selbst hat ebenfalls nicht erkennen lassen, dass er sich für Demokratie, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit interessiert.

Gelbhemden gegen Rothemden

Am Vorabend der Wahlen vom 24.  März forderte er die Bevölkerung mit einem Zitat aus einer Rede Bhumibols auf, nur für «gute Leute» zu stimmen. Wer mit Thailands «Rot-Gelb-Konflikt» vertraut ist, interpretiert das als Rückendeckung für das juntatreue Lager um Prayuth. Nach Auffassung der konservativen Eliten, deren UnterstützerInnen allgemein als «Gelbhemden» bezeichnet werden, waren es immer die «schlechten» PolitikerInnen des Shinawatra-Clans und deren «Rothemden», die für Chaos gesorgt hatten.

Das amtliche Endergebnis will die als inkompetent und parteiisch kritisierte Wahlkommission bis zum 9.  Mai bekannt geben. Eines hat die Abstimmung schon gezeigt: Das Land bleibt tief gespalten. Während die einen weiterhin eine Diktatur unterstützen, wollen die anderen einen nachhaltigen demokratischen Aufbruch. Indes hat der seit Oktober 2018 amtierende Armeechef Apirat Kongsompong geschworen, nur eine Regierung anzuerkennen, die loyal zum Königshaus stehe. Ein Ende staatlicher Repressionen ist nicht in Sicht, Opfer von politischer Gewalt warten bis heute auf Gerechtigkeit. Dennoch darf eines nicht vergessen werden: Immer wieder haben sich Teile der Bevölkerung ein Stückchen Demokratie erstritten – viele haben dafür mit ihrem Leben bezahlt.

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