Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Das Machtspiel oder: Wer verliert zuerst die Nerven?

Die Bankräuber Walter Stürm und Hugo Portmann versetzten einst die Schweiz in Angst und Verzückung. Gentlemengauner oder Grosskriminelle? Letzter Teil: Wie sich der Zeitgeist ändert, Stürm zerbricht und sich Portmann im Technorama auf das Leben im 21. Jahrhundert vorbereitet.

Von Margrit Sprecher (Text) und Alexander Elsaesser, Opak (Illustration)

1992 hat Walter Stürm an der Gerichtsverhandlung im Schloss von Porrentruy seinen letzten grossen Auftritt. Sein Bart ist weiss, seine Erscheinung gebrechlich. Er wirkt verloren – und ist es auch. Seine linke Gefolgschaft distanziert sich zusehends von ihm. Stürm ist nicht mehr Mode. Die Zeiten haben sich geändert, Stürm aber nicht.

Auch hat der Staat den Spiess umgedreht. Stürm und Portmann kommen ihm gerade recht. Man kann sie als Täter präsentieren, die an den Grundfesten des Staats rütteln und vom Rest der Menschheit ferngehalten werden müssen. Stürms Ausbrüche beweisen: Das Regensdorfer Gefängnis ist ein «Sieb» und der Kredit für den Neubau deshalb zwingend. Portmanns ohnmächtiges Rütteln an den Gitterstäben zeigt, wie rigoros heute der Strafvollzug gehandhabt wird. Solche Argumente bedienen den Zeitgeist: Das Volk will Schutz und Rache statt «Kuscheljustiz». Und der Boulevard hält die Wut über rückfällige Straftäter am Kochen.

Lange will Stürm das nachlassende Interesse seiner Fans nicht wahrhaben. Nach wie vor verfasst er launige Berichte an befreundete Medien. Am 100. Tag seines 110-tägigen Hungerstreiks im Jahr 1987 schreibt er: «Ich liege weiter hier, sehe mir dreimal täglich das Futter an, das sie mir auf den Tisch stellen, und werde dabei immer dünner. Die Fähigkeit, mit dem Kopf zu arbeiten, hat sich verringert.» Doch weder seine Hungerstreiks noch seine späteren Selbstmordversuche bewirken das erwartete Echo. Beim ersten Versuch schluckt er Rohypnol. Die benötigte Menge «Bettmümpfeli», wie er sie nennt, sind rasch gehortet: «Im Gefängnis wird alles mit Riesenmengen von Medikamenten geregelt.» Beim zweiten Versuch reisst der Gürtel seines Morgenrocks. Man lässt ihm Morgenrock wie Medikamente. Als hoffte man, Stürm würde das Problem Stürm selbst aus der Welt schaffen.

Statt junge Verehrerinnen schreiben ihm jetzt ältere Damen, er solle doch an Gott glauben. In der Psychiatrischen Uniklinik Bern empfindet man ihn als «nachdenklicher als früher». Und seine Aussagen klingen immer verzagter: «Ich passe nicht mehr in die Knastszene. Ich bin zu alt.» Weit schlimmer freilich: Niemand nimmt ihn mehr ernst. Ein Schauspieler. Ein Narzisst. Ein Simulant. Alles, was ihm bleibt, ist der Kick des nächsten Coups. Ein Gefängniswärter erinnert sich: «Sobald er etwas Neues plante, begannen seine Augen zu glänzen.» Dann wird auch sein letzter Überfall auf die Thurgauer Kantonalbank Horn zum Fiasko. Game over. Am 13. September 1999 stülpt er sich im Gefängnis Frauenfeld einen Kehrichtsack über den Kopf. Seine Familie begräbt ihn in aller Stille.

Genug von der Outlawrolle

Nach Stürms Tod fehlt Hugo Portmann ein Gesprächspartner. Seine Mitgefangenen scheinen ihm «von Tag zu Tag primitiver». Ja, sie beklauen sich sogar gegenseitig. Nicht besser die Gesellschaft in der Bündner Realta, meist Drogenkriminelle: «Lauter kaputte Leute, die jammern, wenn sie zu Fuss gehen müssen.»

Er beschliesst, seine Taktik zu ändern. Seine Outlawrolle kommt ihm immer «dümmer und blöder» vor, die Fluchten haben sich als «falsche Vorwärtsstrategie» erwiesen. Jetzt schafft er es nicht mehr allein, er braucht Hilfe von aussen: den besten Anwalt, den es gibt. Fündig wird er bei der Durchsicht der Bundesgerichtsurteile. Am meisten Prozesse gewinnt der Zürcher Anwalt Bruno Steiner.

«Noch nie», sagt dieser, «habe ich einen wie Portmann erlebt. Weder unterwirft er sich, noch lässt er sich brechen.» Obwohl – irgendwann wird er aufgeben. «Das ist ein Machtspiel: Wer verliert zuerst die Nerven? Jeder, der lange genug im Gefängnis sitzt, dreht durch.»

Steiner hat alle Karrieren durchlaufen, die ein Jurist durchlaufen kann: Staatsanwalt, Richter – und jetzt, nach seiner Pensionierung, besitzt er eine Anwaltspraxis. Sein Bart ist schlohweiss, sein Vokabular das eines 25-jährigen Revoluzzers. Er staunt über den «wahnwitzigen Glauben des Volkes an die Psychoschamanen» und das «pseudowissenschaftliche Brimborium». Statt juristische Kriterien bestimmen jetzt schwammige psychologische Prognosen die Strafdauer. «Wenn es dem Psychiater gefällt, bleibt ein Täter hinter Gittern, bis man ihn als menschliche Masse von der Wand kratzen kann», sagt Steiner.

Die Justiz versucht, Portmann mit immer neuen Verzögerungstaktiken zu zermürben. Vier Jahre muss er auf eine Antwort auf sein Gesuch für die ordentliche, bedingte Entlassung warten. 2010 lehnt man sie ab. Als Grund genannt werden «querulatorische und rechthaberische Züge» sowie «fehlende Reue». Doch Portmann findet es schwer, nach dreissig Jahren Knast die verlangte frisch sprudelnde Reue für längst vergangene Taten zu produzieren: «Irgendwann muss Schluss sein. Ich habe Fehler gemacht, und ich habe dafür bezahlt.»

Auch seine ordentliche Entlassung am 17. Juli 2018 will man mit immer neuen Vorbehalten torpedieren. Die Fotres-Prognosemaschine des Psychiaters Frank Urbaniok schliesst einen Rückfall nicht aus. Zudem sei Portmann wegen seiner «völlig ungenügenden Schulbildung» und seines langen Gefängnisaufenthalts von der Freiheit überfordert. Portmann müsse erst ein soziales Netz aufbauen, einen Kurs gegen seine Legasthenie und ein Seminar für berufliche Weiterbildung besuchen.

Portmann lächelt ob so viel Lebensfremdheit. Wer stellt schon einen fast Sechzigjährigen ein, der sein Leben im Knast verbracht hat? Er selbst sieht seine Zukunft realistischer: «Entweder auf dem Bau oder im Wald, dort, wo Maschinen nicht einsetzbar und Hände gefragt sind.» Ebenso absurd scheint ihm die Frage nach einer Beziehung. «Da wollen Sie aber lustige Sachen wissen», verspottet er den Psychiater.

Eine Luxusuhr fürs Gefängnis

2016 der K.-o.-Schlag: Das Bundesgericht verfügt, dass in Zukunft selbst verwahrte TäterInnen, die ihre Strafe voll abgesessen haben und unbestreitbar gesund sind, nur entlassen werden, wenn sie das Nadelöhr der «freiwilligen deliktpräventiven Therapie» durchlaufen haben. «Gleich drei Lügen auf einmal», spottet Steiner. «Weder kann von freiwillig und präventiv, schon gar nicht von Therapie die Rede sein.»

Manche Gefangene begehen in solch ausweglosen Situationen Selbstmord. Portmann denkt nicht daran: «Das wäre eine Kapitulation.» Stattdessen kauft er für 995 Franken eine Tissot, die alles besitzt, was man im Gefängnis garantiert nicht brauchen kann. Einen Höhenmesser. Einen Kompass. Und ein Barometer. Seither sitzt die Uhr, voll sportlicher Wucht, an seinem Handgelenk wie eine Komplizin. Betrieben wird sie mit Sonnenlicht. Doch dass jemals Sonnenlicht auf sie fällt, scheint unwahrscheinlicher denn je. In Portmanns Worten: «Die Leute kommen und gehen, und ich bin immer noch da.» Inzwischen hat er 33 seiner 56 Jahre fast ununterbrochen im Beton des geschlossenen Vollzugs gelebt – vermutlich Schweizer Rekord für einen Mann, der niemanden getötet hat.

Am 11. November 2016 betritt der Basler Klinikdirektor Dr. Marc Graf das Regensdorfer Besucherzimmer. Anwalt Steiner hatte nach einem Gutachter ausserhalb des Urbaniok-Klüngels gesucht. Graf beschreibt Portmann als «ausgesprochen aufgeweckt und analytisch denkend». Freilich auch als «müde und erschöpft vom Widerstand gegen die Verwahrung». Und er schreibt: «Er bewegte sich nie in einem kriminogenen Milieu. Er handelte stets aus finanzieller Notsituation und nicht als Ausdruck eines eingeschliffenen delinquenten Verhaltensmusters.» Dann, als Seitenhieb auf die Zürcher Therapiemanie: «Auch ohne Therapie zeigt er ein erhebliches Mass an Selbstreflexion.»

Die Entlassungsempfehlung der Basler Koryphäe empfinden die Zürcher Behörden als Beleidigung. In ihrem Rückzugsgefecht geben sie zu bedenken, dass Portmann lieber auf dem Boden als im Bett schlafe. Das sei ganz offensichtlich noch immer eine Verherrlichung seiner Fremdenlegionszeit. Auch halte er sich von seinen Mitgefangenen fern. Der Beweis für sein weiterhin zelebriertes Outlawwesen. Dass er sich nicht an den Schultern des Gefängnispersonals ausweinen mag, gilt als bedenkliche «Privatisierung intimer Lebensbereiche». Insbesondere wird beklagt, dass er dem Personal nichts über diese Frau aus Santo Domingo erzählt, die ihn mit ihren beiden Kindern regelmässig besucht.

Es nützt nichts. Am 4. April 2018 verfügt das Gericht in Horgen Portmanns Freilassung.

Gegen die Zwangspsychiatrie

Von nun an geht es Schlag auf Schlag. Portmann kauft neue Hosen für seinen ersten begleiteten Ausgang. Weder weiss er, wie man ein Tramticket löst, noch, wie ein Bankomat funktioniert. Um seinen Wissensrückstand aufzuholen, will er mit seinem Begleiter zuerst ins Technorama. Danach legt er auf dem jüdischen Friedhof Blumen auf das Grab des Herrn Weil, der ihn regelmässig im Gefängnis besucht hatte. Auf der Rückkehr in die Anstalt fasst er seine ersten Eindrücke aus dem 21. Jahrhundert zusammen: «Jetzt weiss ich, warum der Mensch zwei Augen hat. Mit dem einen checkt er den Weg, mit dem andern das Handy.»

Der Gefängnissozialdienst rührt keinen Finger für Portmanns Wiedereingliederung. Eine Wohnung vermittelt ihm sein Anwalt. Den Rest schafft er selbst: Occasionscomputer, -möbel und -mountainbike findet er im Internet. Bei der Postfinance eröffnet er ein Lohnkonto. Bei seinem Anblick beginnen die SchalterbeamtInnen zu tuscheln. «Keine Angst», beruhigt er sie. «Ich will kein Geld, ich bringe Geld.» Auch zu seiner Stelle kommt er ohne Sozialdienst. «Klar ist die Kehrichtabfuhr ein Knochenjob. Aber ich bin draussen!»

Über Stürm redet er nicht gern. Natürlich hat er die professionelle Raffinesse bewundert, mit der dieser seine Taten plante. Die ging so weit, dass er ein «Atomkraft? Nein danke» ans Heck des Deux-Chevaux klebte, um dessen Fahrer noch harmloser erscheinen zu lassen. Doch im Nachhinein wundert er sich über manches. Stürm verkehrte im Gefängnis «mit dem Abschaum». Und durchkreuzte Unvorhergesehenes seine Pläne, verlor er die Nerven. Stürms Panik beim letzten gemeinsamen Coup in Sirnach brachte Portmann neun Jahre Zuchthaus ein. Doch er trägt es ihm nicht nach: «In den Kehrichtsack, und weg damit!» Weniger leicht entsorgen lässt sich eine andere Frage: War auch er nur eine Schachfigur im grossen Stürm-Spiel? «Er wollte halt der genialste Verbrecher sein. Unsterblich werden im Olymp der Kriminellen.»

Stürms Nachruhm freilich fällt gemischt aus. Lange blieb es still um ihn. Jetzt wird ein Film über sein Leben gedreht. Als Vorlage dient Reto Kohlers Stürm-Biografie, die das Verhältnis zwischen Stürm und seinen AnhängerInnen als einziges Missverständnis sieht, geboren aus dem 68er-Zeitgeist.

Auch über Portmann wird ein Buch geschrieben, im Fernsehen ist er Dauergast. Auftreten bei Talkshows tut er nur, wenn dabei sein Kampf gegen die psychiatrische Zwangsbehandlung zur Sprache kommt. Dann sagt er Sätze wie: «Laut Uno-Menschenrechtsbestimmungen sind Experimente an gesunden Menschen ohne deren Zustimmung verboten.»

Wahrscheinlicher als Portmanns Sieg gegen die Psychiatrie ist das Erreichen seines zweiten Lebensziels: ein eigenes Wohnmobil. Um diesen Traum wahr zu machen, hatte er als Zwanzigjähriger seine erste Straftat verübt. Sie war der Beginn einer Kettenreaktion, die von Gefängnis zu Gefängnis, von Flucht zu Flucht, von Bankraub zu Bankraub führte. Heute, vierzig Jahre später, steht er endlich vor dem Ziel. Bis zu seiner Pensionierung in vier Jahren, sagt er, hat er die 50 000 Franken zusammengespart.

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