Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Das Monster erkennen

Von Lennart Laberenz

Er müsste eigentlich nicht nach Belgrad reisen, denkt sich der Erzähler. Vor zehn Jahren war er mit der Hilfe der Grossmutter nach Wien geflohen, vor schwärendem Nationalismus, tropfender Männlichkeit: «Vielleicht aber wollte ich nur die Gewissheit, dass alles noch so war, wie ich es verlassen hatte, nur noch einmal den Ekel spüren, den dieses Drecksland mit seinen sengenden Sommern in mir hervorzurufen vermochte. Ich wollte meinem Vater in die Augen blicken und das Monster erkennen, das mich nachts nicht schlafen liess, und dann mit wehenden Fahnen nach Wien zurückkehren, bereit für den Neuanfang – nochmal von vorn, den Neuanfang vom Neuanfang sozusagen.» Zehn Jahre auf Wiener Baustellen, Mutter-Telefonate, Abneigung gegen Menschen, schliesslich Barkeeper: ein Provisorium. Aber er war nach der Schule der Aussichtslosigkeit entkommen, geifernden Lehrern, der Karikatur eines Vaters, dessen Kriegspropaganda und Opportunismus. Nun ist die Grossmutter tot und wird begraben, also fährt er doch zurück.

Marko Dinic, 1988 in Wien geboren, in Belgrad aufgewachsen, schaut in seinem ersten Roman, «Die guten Tage», auf den Balkankrieg als Kindheitsereignis, mehr noch aber auf dessen Vernarbung als beklemmenden Prozess. Die literarische Konstruktion ist bunt und ambitioniert, könnte manchmal präziser sein: Zeitschichten drängen aneinander; FreundInnen, MitschülerInnen, Frühmafiosi illustrieren die Zustände.

In Belgrad entgleitet dem Erzähler dann der Faden: Konfrontationen mit den alt gewordenen Eltern, vermisste Freunde. «Ich hatte den warmen Asphalt unter meinen Füssen und den Geruch angebrannter Mülltonnen verloren, die smogbeschichteten Sonnenuntergänge über der Save und den Dächern zerbeulter Neu-Belgrader Häuserblocks. Ich hatte den Wald meiner Kindheit verloren, die von mir eigens gestampften Wege im Dickicht.» Es begleitet ihn die Erkenntnis: Die Zeit schlägt Wunden, indem sie vergeht.

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