Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Stimuli für Euphorie

Von David Hunziker

Sie können auch nerven, diese smarten Eliteuniabgänger mit ihrem makellosen Indiepop, der um kein Zitat verlegen ist und jedem Abgrund der Gegenwart noch eine fröhliche Katharsis abringt. Vampire Weekend mussten sich nicht nur bei ihrem gleichnamigen Debüt, das stark von Afropop beeinflusst war, den Vorwurf übertriebener Aneignung gefallen lassen. Nun ist mit «Father of the Bride» das lang ersehnte vierte Album erschienen. In «Rich Man» sinniert Sänger Ezra Koenig über seine Privilegien als gut situierter, weisser Amerikaner – aber man kann nicht so genau sagen, wie viel Ironie darin steckt. Immerhin: S. E. Rogie, der Musiker aus Sierra Leone, von dem im Song eine elegante, verträumte Gitarre gesampelt wird, wird als Songwriter gewürdigt.

Wie auch immer: Es ist hinreissend anzuhören, was in diesen achtzehn Songs alles an guten Ideen und Stimuli für Euphorie drinsteckt. Es trifft bei diesem Album noch stärker als sonst zu, was bei der Band fasziniert: Die Songs klingen unbeschwert und locker dahingespielt, doch je genauer man hinhört, desto mehr stilistische Schichten und raffinierte Studiotricks werden erkennbar. Fast immer überzeugend verbaut sind hier Elemente aus Folk, Country, Soul, Flamenco, R&B und sogar Achtziger-Rave. Samples und Effekte fügen sich nahtlos in den organischen, direkten Sound, was nach Handarbeit klingt.

Nach dem Abgang des wichtigen Bandmitglieds Rostam Batmanglij hat Koenig sich stärker am Produzenten Ariel Rechtshaid orientiert – einem Chamäleon, das für jede Kapriole des zeitgenössischen Pop zu haben ist. Das hört man dem dichten, fast ausufernden «Father of the Bride» auch an. Was fehlt, ist der strenge Fokus, aber auch die düstere Note von «Modern Vampires of the City» (2013), immer noch ihr bestes Album. Doch bei so vielen starken Songs – man höre etwa «Hold You Now», «Harmony Hall» oder «Sympathy» – ist das in Ordnung.

Live: Mo, 8. Juli 2019, 20 Uhr, Volkshaus, Zürich.

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