Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Sie lebt noch, aber liest schon ihre Todesanzeige. Menschen verschwinden spurlos, das gehört in Dima Wannous’ Heimatland Syrien zum Alltag. Die Autorin beschreibt das Überleben mit dieser Angst.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Dima Wannous ist gegangen. Die syrische Autorin hat ihr Land 2011 verlassen. Nachdem der Sicherheitsdienst sie wegen ihrer Texte bedroht hatte, floh sie nach Beirut. Heute lebt sie in London. Doch nicht nur der Sicherheitsdienst drohte ihr, auch die eigenen, regimetreuen Verwandten wurden zur Gefahr: Noch heute schreiben sie ihr in Briefen, dass sie nach London kommen würden, um sie und ihren Sohn zu töten. Obwohl Wannous überzeugt ist, dass die Verwandten dies nie wirklich tun würden, lebt sie in Angst.

Auch in Syrien sei die Angst ihre ständige Begleiterin gewesen, sagte die Autorin kürzlich in einem Radiointerview, doch durch die Flucht sei es nicht besser geworden: «In England lebe ich nun eine andere Angst, denn hier habe ich nichts: Ich habe kein Land, keine Heimat, keine Familie, keine Freunde, keine Identität. Ich habe nichts … Ich bin nichts.»

Schatten über der Familie

Um das Leben in ständiger Angst in einem Land, in dem das Verschwinden der Menschen zum traurigen Alltag gehört, geht es auch in ihrem neusten Roman, «Die Verängstigten». Die Erzählerin Sulaima lebt mit ihrer Mutter in Damaskus. Ihre Familie stammt aus Hama, wo Spezialkräfte der syrischen Armee 1982 einen Aufstand der Muslimbrüder mit einem Massaker niederschlugen. Es war eine brutale Machtdemonstration des Präsidenten Hafis al-Assad, der sich 1971 als Generalleutnant mit einem Militärputsch zum Präsidenten Syriens gemacht hatte und das Land danach diktatorisch regierte. Assad gehörte der Minderheit der alawitischen Religionsgemeinschaft an.

Er begann, die Religionsgemeinschaften im Land gegeneinander auszuspielen und alle politischen Schlüsselpositionen mit Alawiten zu besetzen. Die Muslimbrüder reagierten mit Anschlägen, so auch 1982 mit jenem in Hama. Die Reaktion der Regierung war grausam: Die Armee bombardierte die Stadt und schoss mit schwerer Artillerie auf ihre BewohnerInnen. Noch heute ist unklar, wie viele Menschen damals ums Leben kamen, Schätzungen gehen von mehreren Hunderttausend aus.

Sulaimas Mutter verlor beim Massaker ihren Bruder. Doch fast mehr als unter dem Verschwinden ihres Bruders scheint die Mutter unter der – aus ihrer Sicht feigen – Entscheidung ihres Mannes zu leiden: Er beschloss damals, mit der Familie Hama zu verlassen und in Damaskus ein neues Leben anzufangen. Und dies, obwohl er sich als Arzt in Hama hätte nützlich machen können.

Die Schatten von Gewalt, Verlust und Schuld liegen auch dreissig Jahre später, kurz nach dem Arabischen Frühling, noch auf der Familie. Seit 2000 ist mit Baschar al-Assad der Sohn des verstorbenen Diktators an der Macht, Syrien ist unter ihm ein autoritär regiertes Land geblieben. Als es 2011 auch in Syrien zu Protestaktionen kommt, lässt Assad die Aufstände niederschlagen – ein paar Jahre nach diesem kurzen Moment der Hoffnung spielt «Die Verängstigten».

Sulaimas Erzählung fängt an, als ihr Geliebter schon weg ist: Nassim hat das Land verlassen und schickt ihr das Manuskript seines vierten Romans. Ein Roman jedoch, den er nicht fertig geschrieben hat. «Ging er davon aus, dass ich ihn zu Ende schreibe? Wurde er, nachdem er ihn begonnen hatte, von der Angst überwältigt, sodass er nicht imstande war, ihn fertig zu schreiben?», fragt sich Sulaima. Bei der Lektüre beschleicht sie ein unheimliches Gefühl: «Nassim stahl die Geschichte meines Vaters und unserer angsterfüllten Kindheit und stülpte sie seiner Protagonistin über.»

Nassims Roman handelt von einem Mädchen, das als Vierzehnjährige ihren geliebten Vater verliert und vor Schmerz kaum mehr weiterleben kann. Er erzählt von der schwierigen Beziehung des Mädchens zu ihrer Mutter und vom komplizierten Leben in der Diktatur und in einer Familie, in der ein Elternteil der Religion der machthabenden Minderheit angehört und der andere nicht: Der Vater der Protagonistin ist Alawit, und die meisten seiner Verwandten sind regimetreue Assad-AnhängerInnen – nicht so die Mutter und deren Familie. Die vielen Ähnlichkeiten im Leben der Protagonistin von Nassims Roman mit ihrem eigenen Leben verwirren Sulaima. Ist es ihre eigene Geschichte, die sie hier liest?

Ein komplexes Erzählspiel beginnt, mit dem Dima Wannous die LeserInnen zu packen vermag, ihnen jedoch auch einiges abverlangt. Der Roman ist so aufgebaut, dass wir abwechselnd Sulaimas Geschichte sowie Kapitel aus Nassims Roman lesen. Wir lesen also mit Sulaima im Roman und erfahren anschliessend ihre Gedanken zum Roman sowie Auszüge aus ihrem eigenen Leben. Immer wieder legen sich die Leben von Sulaima und Salma – wie Nassims Protagonistin heisst – wie Folien übereinander, um eins zu werden und dann wieder voneinander abzuweichen. Als dritte Folie legt sich zusätzlich die Biografie der Autorin Dima Wannous darüber: Wie ihre beiden Protagonistinnen hatte auch sie einen alawitischen Vater, der starb, als sie vierzehn war. Und wie Salmas Vater war Wannous’ Vater ein bekannter syrischer Autor.

Sulaima, Salma, Dima Wannous – vielleicht spielt es auch gar keine Rolle, wessen Geschichte hier erzählt wird, denn, wie Wannous an einer Stelle schreibt: «Wir sind zu einer einzigen Geschichte geworden, kranke Abbilder voneinander.» Drei von 23 Millionen verängstigten SyrerInnen.

Treffen im Wartezimmer

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist die Praxis des Psychiaters Kamil. Hier im Wartezimmer lernte Sulaima fünfzehn Jahre zuvor Nassim kennen, und hier ging anscheinend auch Salma ein und aus, wie man gegen Ende erfährt. Kamil ist die einzige Konstante in Sulaimas Leben und auch der einzige Mann, der nicht verschwindet. Ein paar Jahre nach dem Tod ihres Vaters verschwindet nämlich auch ihr Bruder Fuad. Er arbeitete als Dozent für Theaterwissenschaften und beteiligte sich 2011 an den Demonstrationen – eines Tages kam er nicht mehr von der Arbeit zurück. Seither kann Sulaima nicht mehr schlafen. Beim Lesen von Nassims Roman hofft sie, ihn wenigstens im Buch wiederzufinden, doch er bleibt verschwunden – Nassims Protagonistin Salma ist ein Einzelkind.

Als auch noch Nassim weggeht, fürchtet Sulaima, völlig den Boden unter den Füssen zu verlieren und an ihrer eigenen Angst zu ersticken. Ganz anders ihre Mutter: «Meine Mutter hat sich noch nie nach ihm erkundigt. Sie scheint davon auszugehen, dass es das Schicksal der Männer in diesem Krieg sei, zu verschwinden. Entweder an der Front, im Gefängnis oder im Exil.» Das Schlimmste für Sulaima, die diesen Zustand anders als ihre Mutter nicht einfach als Schicksal hinnehmen will, ist die Ungewissheit: nichts zu wissen über den Verbleib ihres Bruders – weshalb sie jeden Tag betet, dass er tot ist – und nicht zu wissen, wer als Nächstes verschwinden wird. Vielleicht sogar sie selber? Als sie eines Tages in Nassims Wohnung geht, macht sie eine gruselige Entdeckung. Nassim hat in seinem Schreibtisch einen Stapel von selbstgeschriebenen Todesanzeigen von Menschen, deren Tod er vorweggenommen hat. Mit Schrecken entdeckt sie auch ihre eigene – Nassim hat sie bereits sterben lassen.

Es ist eine verstörende Szene, wie Sulaima ihre eigene Todesanzeige entdeckt, diese mit nach Hause nimmt und vergräbt. Später erinnert sie sich an das Tattoo, das sich Nassim auf den Rücken hat stechen lassen: seinen Namen, sein Geburtsdatum, seine Adresse in Damaskus sowie die seiner Familie in Homs, damit er nicht zu einem unbekannten Leichnam werden würde, falls er im Bombenhagel ums Leben käme. «Ich sagte ihm nicht, dass sein Körper bei einer Explosion oder im Bombardement umkäme, nur noch aus Einzelteilen bestehen und das Tattoo niemand mehr würde entziffern können.»

Verhaftet, vertrieben, getötet

Seit der Niederschlagung der Revolution von 2011 wurden Tausende SyrerInnen von der syrischen Regierung verhaftet, Hunderttausende befinden sich auf der Flucht, Hunderttausende kamen ums Leben. Rund 45  Prozent der syrischen Bevölkerung wurden vertrieben. Dima Wannous sagt: «Wenn man wissen möchte, was in einem Land passiert, muss man nicht die Geschichte über dieses Land lesen, sondern man muss die Literatur aus diesem Land lesen.»

Auch darum sollte man Wannous’ Roman lesen.

Veranstaltungen in Solothurn: Fr, 31. Mai 2019, 12 Uhr; So, 2. Juni 2019, 13 Uhr.

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