Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Syriens Rosa Luxemburg kämpft gegen das Vergessen

In ihren Romanen schreibt Rosa Yassin Hassan über die Unterdrückten der syrischen Gesellschaft. Bis zu ihrer Flucht aus dem Krieg dokumentierte sie in einem Blog die Erlebnisse der Menschen während der Revolution. Dieses Wochenende tritt die Schriftstellerin in Zürich auf.

Von Meret Michel

Rosa Yassin Hassan: «Wenn ich aufschreibe, was geschehen ist, fühle ich mich danach ganz leicht, als würde ich fliegen.» Foto: Larissa Bender

Rosa Yassin Hassan muss sich wieder befreien. Diesmal von ihrer Nostalgie. Von den Erinnerungen an ihr früheres Leben in Syrien, an ihre Familie, ihre Liebhaber, ihre FreundInnen. Von ihren Ängsten und Hoffnungen, vom Guten und Schlechten. Sie befreit sich, wie immer, indem sie schreibt. «Schreiben kann den Schmerz nicht lindern», sagt sie, im Gegenteil: «Es verstärkt ihn, macht ihn tiefer. Aber wenn ich aufschreibe, was geschehen ist, fühle ich mich danach ganz leicht, als würde ich fliegen. Ich fühle mich frei.»

Rosa sitzt in einem türkischen Restaurant nahe des Hamburger Hauptbahnhofs und zieht an einer Shisha. Schon im E-Mail-Austausch vor dem Treffen war ihre herzliche Art zu erahnen – benutzte sie doch sofort die Du-Form. Seit drei Jahren lebt sie in Deutschland, nachdem sie zusammen mit ihrem Sohn vor der Verfolgung durch das syrische Regime und den Bomben des Kriegs geflohen war. Sie sitzt da, doch ihre Gedanken, ihr Herz sind in Syrien geblieben. Diesem Mosaik aus vielen ethnischen und religiösen Minderheiten, das gerade in seine Einzelteile zerfällt. Oder besser: zerschlagen wird, vom Regime, von radikalen islamistischen Gruppen und all den Staaten, die das Chaos nutzen, um in Syrien ihren eigenen Krieg zu führen.

In ihrem nächsten Roman will Rosa die Geschichte ihrer Familie erzählen, anhand der vierzig Fotos, die sie bei ihrer Flucht nach Deutschland mitgenommen hat. Es sind die einzigen Erinnerungsstücke, die ihr neben den Gedanken von ihrer Vergangenheit geblieben sind. Über ihre Familiengeschichte will sie die Geschichte Syriens erzählen und die Frage beantworten, die sie selber im Moment so sehr beschäftigt: Wie konnte ihr Land an diesen Punkt kommen, an dem es heute ist?

Marx und Luxemburg

Die Revolution sei nicht der Auslöser gewesen für das Chaos heute, sagt Rosa Yassin Hassan, eher das Resultat davon, wie sich die syrische Gesellschaft die letzten fünfzig Jahre entwickelt habe. Die Unterdrückung und die systematische Trennung der verschiedenen Minderheiten im Land durch das Regime der alawitischen Assad-Familie sowie das militarisierte Schulsystem, das die syrischen Kinder in Uniformen steckte und sie von der ersten Klasse an auf den vermeintlich drohenden Krieg gegen Israel einschwor – all das diente dem Regime dazu, die eigene Bevölkerung unter Kontrolle zu halten.

Rosa Yassin Hassan wuchs in einer alawitischen Familie in der Nähe der Küstenstadt Latakia auf. Selber sei sie nicht religiös, sagt sie. Vermutlich verdankt sie das ihrem Vater. «Er ist die Person, die mich am meisten beeinflusst hat.» Vor fünfzehn Jahren ist er gestorben, doch für Rosa ist es, als wäre er ständig bei ihr. Ihr Vater, Yassin Hassan, war Marxist, er hatte in Frankfurt studiert und war ein grosser Fan von Rosa Luxemburg. Nach ihr benannte Yassin Hassan seine Tochter. Auf einer ihrer Fotografien sieht man ihn, zusammen mit seinem Bruder. Das Bild entstand 1982 – schon damals ging das Regime gnadenlos gegen Aufständische vor. In jenem Jahr flog es mehrere Bombenangriffe auf die Stadt Hama, als Antwort auf vorangegangene gewaltsame Proteste der Muslimbrüder. Ungefähr 30 000 Menschen kamen beim Vergeltungsschlag des Regimes ums Leben.

Bereits Hafis al-Assad, der Vater des heutigen Machthabers, verstand es, die einzelnen Minderheiten in Syrien gegeneinander auszuspielen, um sich danach als einziger Anker der Stabilität präsentieren zu können. Den AlawitInnen erging es dabei nicht besser als allen anderen – sie wurden vom Regime quasi in Geiselhaft genommen, indem das Regime sie vermeintlich vor anderen Ethnien beschützen sollte. «Fünfzig Jahre lang gehörte Syrien nicht den Syrern», sagt Rosa, «sondern der Familie Assad.»

Als die Revolution 2011 losbrach, sei das für die SyrerInnen wie eine Befreiung gewesen. «Niemand hätte das gedacht: dass dieses Volk, das so lange stillgehalten und alles ertragen hat, plötzlich auf die Strasse geht und sagt: Es reicht.» Rosa war Teil dieser Bewegung, sie demonstrierte friedlich und begleitete die Aufstände mit ihrem Schreiben. Sie schrieb gegen das Vergessen an, zum Beispiel von jenem zwölfjährigen Jungen, der vor seiner Schule verhaftet und in den Monaten in Haft mehrmals vergewaltigt wurde. Seine Geschichte war eine von vielen, die sie während der Revolution in ihrem Blog niederschrieb. «Für die Politik und für viele Medien sind Menschen nichts als Zahlen», sagt sie. Rosa macht aus den Zahlen wieder Menschen mit einem Schicksal, einer Geschichte, Träumen und Hoffnung.

Menschen, keine Zahlen

Doch das Regime knüppelte die Proteste nieder, die intellektuellen Köpfe der friedlichen Bewegung wurden einer nach dem anderen verhaftet und umgebracht. «Als die Opposition begann, sich mit Waffen zu verteidigen, wusste ich: Das ist nicht mehr meine Revolution», sagt Rosa. Ihre Waffe ist nicht Gewalt, es sind ihre Worte. Doch die Worte gingen in den Gewehrsalven und dem Donnern der einschlagenden Bomben unter.

«Wir waren sehr naiv», sagt sie heute rückblickend. «Wir begriffen das politische Spiel nicht, das das Regime mit uns spielte.» Heute sei jener Teil der Opposition, der für ein demokratisches Syrien kämpft, in der Minderheit. Umzingelt vom Regime und von den erstarkten radikalen Islamistengruppen.

Rosa verlor ihre Hoffnung, als ein Freund von ihr von den Milizen des Regimes gefangen genommen und nach zwei Monaten im Gefängnis getötet wurde. Er hatte als Doktor in der Nähe von Damaskus die Menschen versorgt, die vor der Gewalt aus der Stadt geflohen waren. Als vier Monate später in Damaskus nur wenige Meter neben ihrem Sohn eine Bombe in eine Schule einschlug, entschied sie sich zu fliehen. «Ich allein wäre geblieben», sagt sie. «Doch das Leben ist wichtiger als der Tod. Ich wollte, dass mein Sohn ein würdiges Leben führen kann.»

Sie flohen über die Grenze in den Libanon, illegal, denn das Regime verfolgte sie, und die sunnitischen Rebellen im Norden hätten sie als Alawitin sofort getötet, hätte sie Syrien Richtung Türkei verlassen. Im Gegensatz zu anderen, die über das Mittelmeer und den Balkan nach Europa zu gelangen versuchten, hatte sie Glück: Dank eines Stipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung konnten sie und ihr Sohn per Flugzeug und mit einem Visum nach Deutschland reisen. Mittlerweile ist sie Gast bei der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, lebt in Hamburg und unterrichtet arabische Literatur an der Universität.

Dostojewski statt Physik

Rosas Lieblingsfotografie entstand 1994. Sie zeigt ihre Familie, die vereint im Haus ihrer Eltern bei Raki, gutem Essen, Gesang und Tanz versammelt ist. «Das waren glückliche Zeiten», sagt Rosa. Als das Bild aufgenommen wurde, war sie zwanzig Jahre alt, studierte Architektur in Damaskus und hatte soeben den Literaturpreis «Beirut 39» für Kurzgeschichten gewonnen. Geschichten waren schon als Kind ihre Leidenschaft, sodass sie während der Schule, statt für die Physikprüfung zu lernen, lieber «Der Idiot» von Fjodor Dostojewski las. Architektur studierte sie ihrer Mutter zuliebe, die sich wünschte, dass Rosa Ingenieurin werde, ein angesehener Beruf. «Meine Mutter», sagt Rosa, «war eine sehr traditionelle Frau», ein grosser Fan des ehemaligen ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser und sehr nationalistisch. Ganz anders Rosas Vater, der als Marxist und Internationalist am liebsten sämtliche Grenzen aufgelöst hätte. Wie passte das zusammen? Rosa zuckt die Schultern und lächelt: «Liebe hat nichts mit Ideologie zu tun.»

Fünf Jahre arbeitete Rosa Yassin Hassan als Architektin, bevor sie sich ganz aufs Schreiben konzentrierte. 2004 erschien ihr erster Roman, «Ebenholz», 2009 der Roman «Wächter der Lüfte». Dazwischen ein Tatsachenroman über die Erfahrungen weiblicher Gefangener in syrischen Gefängnissen. Rosas Geschichten sind Geschichten über die Unterdrückten der Gesellschaft, die «Loser», wie Rosa sie nennt. Sie nimmt den Kugelschreiber, der vor ihr auf dem Tisch liegt, und zeichnet eine Linie am Rand eines weissen Blattes. Mit dem Stift deutet sie auf den schmalen Streifen neben der Linie: «Als Frau habe ich die Erfahrung gemacht, stets zum unterdrückten Teil der Gesellschaft zu gehören. Deswegen schreibe ich nicht über die Gewinner, über sie schreiben schon die Zeitungen. Meine Geschichten handeln von den Unterdrückten.»

Irgendwann, hofft Rosa, werde sie nach Syrien zurückkehren. Sie will durch die Altstadt von Damaskus gehen und die Gräber ihrer Eltern in ihrem Heimatdorf besuchen. «Ich bin froh, dass sie vor Ausbruch der Revolution gestorben sind», sagt sie. Dass ihnen das ganze Leid erspart geblieben sei. «Für sie blieb Syrien ein schöner Ort.»

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