Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Duterte und die GIs

Annette Hug über antichinesische Sentiments auf den Philippinen

Von Annette Hug

Die Abkürzung GI steht nicht nur für US-amerikanische Soldaten, sie kann auch «echte Chinesin» oder «echter Chinese» bedeuten. Anders gesagt: «genuine intsik». Die Historikerin Caroline Hau schreibt, dass sich heute einige junge Filipinos chinesischer Herkunft in diesem Sinn als GI bezeichnen. Das Wort «intsik» hört man auf den Philippinen allerdings oft mit abwertendem Unterton. Dagegen hat «Hey, G. I. Joe!» freundlich geklungen, wenn Kinder in den frühen neunziger Jahren in Manila so nach mir riefen, weil sie dachten, ich sei ein amerikanischer Mann.

Woher GI ursprünglich kommt, ist fraglich. Unbestritten ist, dass die Abkürzung mit dem amerikanischen Militär zu tun hat. Ob die zwei Buchstaben für «general infantry» stehen oder für «government issued», die Kinder in Manila wussten genau, was sie meinten: «G. I. Joe» war eine Spielfigur aus Plastik, ein muskulöser weisser Mann mit Knarre und Uniform. US-Soldaten sahen sie vielleicht auch live, denn die ehemalige Kolonialmacht hatte noch Truppen im Land stationiert. Das Wort «intsik» ist Tagalog und möglicherweise eine Verballhornung von «sein Onkel» im südchinesischen Dialekt Hokkien. Ein Chinese, so ging das Gerücht, bringe stets noch einen andern mit und stelle ihn als Verwandten vor.

Wenn sich chinesische Filipinos und Filipinas heute diese Fremdbezeichnung aneignen, dann klingt das etwa so, wie wenn ein Italoschweizer in Zürich die Cafeteria Tschingg eröffnet. Viele ChinesInnen wanderten mausarm auf die Philippinen ein, einige von ihnen waren aber so erfolgreich, dass sie in Wirtschaft und Politik bald eine wichtige Rolle spielten. Das musste dann stets als Begründung herhalten, wenn es in der Vergangenheit zu Ausschreitungen gegen die chinesische Minderheit kam.

In ihrer historischen Studie «The Chinese Question» zeigt Caroline Hau, dass sich in den letzten dreissig Jahren die rechtliche und kulturelle Situation von ChinesInnen auf den Philippinen verändert hat. Die ethnischen Zuschreibungen scheinen lockerer, das Selbstverständnis der Nation offener geworden zu sein. Seit einigen Jahren ist es denkbar, dass jemand chinesischer Herkunft und gleichzeitig echt philippinisch ist.

Doch das könnte sich wieder ändern. Am 13. Mai sind die Wahlberechtigten der Philippinen zu Zwischenwahlen angetreten. Präsident Duterte wird neu auch den Senat kontrollieren, er kann seine Macht ausbauen. KritikerInnen seines mörderischen «Krieges gegen Drogen» werden es noch schwerer haben. Doch in den sozialen Medien dominieren neben möglichen Wahlfälschungen ganz andere Themen: die territorialen Übergriffe Chinas im Südchinesischen Meer und die Verträge mit chinesischen Firmen zum Bau von Eisenbahnlinien – durch Zehntausende von ArbeiterInnen aus der Volksrepublik. Verschiedene AnalystInnen sehen die Willfährigkeit Dutertes gegenüber Beijing als seine Achillesferse. Die zerstrittene Opposition könnte in antichinesischen Positionen an Fokus gewinnen. Dabei drohen auch rassistische Ausfälle gegen chinesische Filipinos und Filipinas wieder salonfähig zu werden. Zu beobachten ist das zum Beispiel am Doyen der philippinischen Gegenwartsliteratur, F. Sionil José, der in einer Kolumne die massenhafte Vertreibung von ChinesInnen aus Vietnam nach 1975 als beispielhaft preist.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Sie empfiehlt den Blog der Historikerin Caroline Hau auf ikangablog.wordpress.com.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch