«Ich bin eine Wortfängerin» Sie hat ein Problem mit Archiven und würde am liebsten anonym schreiben – die palästinensische Autorin Adania Shibli über die Unmöglichkeit des Erzählens.

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Adania Shibli Foto: Wiktoria Bosc

WOZ: Adania Shibli, Ihr Buch «Eine Nebensache» erzählt von einer Massenvergewaltigung und dem Mord an einem Beduinenmädchen durch israelische Soldaten im Negev 1949. Sie erzählen von dieser schrecklichen Tat, ohne sie direkt zu schildern. Stattdessen konzentrieren Sie sich auf die Details drumherum. Warum haben Sie sich für diese Form des Erzählens entschieden?
Adania Shibli: Die Fragen, die ich mir schon länger stelle, sind: Was kann überhaupt geschrieben werden, und wie? Und was kann nie erzählt werden? Die Unmöglichkeit der Erzählung treibt mich schon lange um. Die Herausforderung, die sich mir beim Schreiben stellte, war: Verbündet sich die Sprache mit der Gewalt und dem Verbrechen, oder schafft sie es vielmehr, die Gewalt zu unterwandern oder gar aufzuheben?

Ein schwieriger Schreibakt.
Für mich ist Literatur der ultimative Akt der Liebe. Die Liebe zur Sprache ist eine Liebe zu etwas, das ich nicht halten und nie besitzen kann. Ich liebe die arabische Sprache so sehr, sie ist wie ein grosses Meer, in das ich meine Hand halten kann, und schon habe ich Hunderttausende von Wörtern, mit denen ich spielen kann. Die Sprache ist für alle da, egal ob du Fehler machst. Doch die Sprache sagt mir auch, du musst mich nicht nur lieben, du musst auch meine Unmöglichkeit, mich zu besitzen, lieben. Im Herzen dieser Unmöglichkeit liegt die Unmöglichkeit des Erzählens.

Hat diese Unmöglichkeit auch etwas mit der Unvereinbarkeit von Sprache und Schmerz zu tun?
Welche Sprache kann es geben für Schmerz, welche Sprache macht mehr, als einfach zu informieren, was geschehen ist? Und was passiert, wenn der Schmerz die Sprache jagt? Im Arabischen haben wir eine sehr spezielle Beziehung zu Sprache im Zusammenhang mit Kolonialisierung und Besatzung. In vielen kolonialen Kontexten wie etwa in Nordafrika wurde das Arabische oder das Berberische durch Französisch ersetzt: Es ist der Kompass der Sprache einer Kolonialmacht, der auch unser Denken lenkt. Und auch im Kontext von Israel und Palästina offenbart dich die Sprache.

Wie meinen Sie das?
Israelis und Palästinenser:innen sehen ja fast gleich aus – abgesehen von ihren Kleidern, wenn sie religiös sind –, und so ist es erst die arabische Sprache, die dich verrät und dich als Subjekt der Besatzung offenbart. Dieser Moment, in dem du merkst, dass dich deine Geliebte, die Sprache, in ein Subjekt von Demütigung und Rassismus verwandelt, ist eine Erfahrung tiefer Entfremdung.

Im Buch gibt es diese Szene: Das beduinische Mädchen wird von den israelischen Militärs gefangen genommen, sie schneiden ihm die Haare ab und kleiden es mit Militärkleidern ein. Das Mädchen sieht fast aus wie eine von ihnen. Erst als es zu sprechen beginnt, wird es wieder zur Fremden.
Was lustig ist: Ich erinnere mich nicht an diese Szene. Womöglich ist das deshalb, weil ich mir des Schreibprozesses in keiner Weise bewusst bin, während ich schreibe.

Wirklich?
Ich kann mich nicht daran erinnern, weil ich nicht das Gefühl habe, dass ich dieses Buch selber geschrieben habe. Sondern ich war da, als es geschrieben wurde, um die Worte aufzufangen. Ich bin eine Wortfängerin.

Und wie kommen die Worte zu Ihnen?
Das ist der Punkt: Das weiss ich nicht. Es gibt so viele Wörter, die im Nebel sind, und wenn ich eines klarer sehe, dann fange ich es ein und hoffe, dass ich es nicht lähme, sondern ihm ein neues Leben gebe in Beziehung mit anderen Wörtern. Diese zwölf Jahre, in denen ich an meinem Buch gearbeitet habe, habe ich oft damit verbracht, zu warten, bis sich mir die Worte offenbarten. Ich sehe die Wörter tatsächlich sich vor mir bewegen, und ich muss sehr ruhig sein, damit ich sie richtig sehe – es ist ein nicht ganz durchschaubarer Prozess. Manchmal ist es wie Magie. Ich habe keine Kontrolle über den Prozess, wie die Worte kommen oder welche anderen Wörter sie einladen. Es ist auch eine beängstigende Erfahrung, denn alles hängt von diesen Wörtern ab.

Das klingt verrückt.
Ja, das ist es. Ich bezeichne mich deswegen auch nicht als Schriftstellerin, denn ich schreibe das Buch nicht allein. Es gibt so viele Stimmen, über die die Worte ihren Weg zu mir finden. Schreiben ist ein wunderschöner Akt der Grosszügigkeit. Doch in der Moderne entstand die Idee des Schriftstellers als Individuum, und damit entstand auch die Vorstellung des Plagiats. Das Zynische daran ist: Man erkennt das sogenannte Plagiat ja nur, wenn der Autor den Text aus einem Buch übernimmt, das selber ein Copyright hat. Das ist der Kapitalismus der Literatur.

Mein Buch ist aus einer gemeinsamen Schreibarbeit mit vielen anderen und ihren Wörtern entstanden. Für mich ist das jedoch nicht ein Akt des Plagiats, sondern ein gemeinschaftlicher Akt, der die Sprache am Leben erhält.

Inwiefern?
Die Sprache gehört niemandem. Und auch wenn ich schreibe, besitze ich sie nicht. Deswegen ist es lächerlich, ein Copyright an einem Text zu haben – selbst wenn ich das natürlich auch habe wegen des Geldes. Allerdings wünschte ich, dass ich anonym schreiben könnte oder dass die Namen ganz vieler anderer das Buch zeichnen würden.

Plagiieren wir etwa Luft, wenn wir Luft einatmen, die schon andere ein- und ausgeatmet haben? Es gibt doch die Idee des geteilten Wissens …

Wissen bedeutet immer Macht. In Ihrem Buch zeigen Sie auf, welches Wissen als wichtig definiert wird und welches nicht: Das Wissen um die Geschichte des Mädchens ist irrelevant. Anders als die Geschichte der Armee, die das Land erobert, wird sie nicht überliefert, nirgends erzählt.
Die Frage ist: Wie kannst du dieses Schweigen aushalten? Dieses Schweigen derjenigen, die keinen Zugang zur Sprache haben? Wir werden nie ihre Stimme, nie ihre Worte hören können. Wo sollten wir diese auch finden? Das Narrativ des Mädchens liegt im Tod. Die einzige Möglichkeit, Zugang zu ihrer Geschichte zu bekommen, wäre, selber zu sterben. Denn jeder Versuch, so zu tun, als ob man die Stimme für sie erheben könnte, um von ihr zu erzählen, ist Gewalt. So bleibt uns schliesslich nur das Wissen um diese Unmöglichkeit des Erzählens. Diese müssen wir anerkennen.

In Ihrem Buch wird klar, dass auch Archive bei der Suche nach der Geschichte des Mädchens nicht weiterhelfen.
Es gibt diese Vorstellung, dass man diese Spuren einer unzugänglichen Sprache in Archiven auffinden könnte. Aber ich habe ein Problem mit Archiven: Wer gründet sie? Was bewahren sie auf, und was bewachen sie? Wessen Spuren? Und aus welcher Position heraus wird gesammelt? Die Mächtigen bewachen ihre Spuren, doch hinter diesen Spuren liegt eine Auswahl, die zwar gemacht wurde, die aber nicht sichtbar ist.

Im zweiten Teil des Buchs besucht Ihre Protagonistin rund siebzig Jahre nach dem Vorfall von 1949 Archive, um Informationen darüber zu finden. Sie veranschaulichen dabei sehr eindringlich, wie die Geschichtsschreibung in Archiven auf der Seite der Mächtigen ist, und auch, wie gewalttätig solche Archive sein können.
Es ist ein Spiel, das die Archive spielen. Sie behaupten, dass sie dir eine wahre Geschichte erzählen. Doch natürlich gibt es all die Geschichten, die dahinter liegen, die geheim sind, unzugänglich; und manchmal wurden auch schlicht keine Materialien und Informationen über etwas gesammelt. Trotzdem sollst du glauben, dass die Wahrheit im Archiv liegt und dass diese Wahrheit mit Archivmaterial belegt werden kann. Das finde ich sehr problematisch. Doch der Punkt ist, dass die Mächtigen nebensächliche Dinge nicht beachten und deshalb Fehler machen. Wo die Mächtigen Archive kontrollieren und Verbrechen verstecken, übersehen sie manchmal ein Detail und vergessen, es zu verstecken, weil sie denken, es sei unwichtig. Und da findest du dann die Spuren.

Wenn wir diesen Spuren folgen würden, könnten wir dann Geschichte anders erzählen oder uns anders erinnern?
Mir geht es nicht um Geschichte, mir geht es um Literatur – für mich sind das zwei völlig unterschiedliche Kategorien. Geschichte mag in meinem Buch vorkommen, so wie Möbel in einem Buch auftauchen. Geschichte basiert auf einem linearen Narrativ, das auf Fakten baut. Literatur kommt und zeigt: Mein Narrativ braucht keine Fakten, sondern Fiktion. In der Literatur würde ich immer darauf vertrauen, dass die Fiktion viel inspirierender ist und auch viel essenzieller, um gegen den Schmerz anzukämpfen, als Fakten.

Aber Ihr Buch ist ganz klar an historische Fakten gebunden.
Das ist genau der Trick. Wir sind es gewohnt, dass die Geschichten aus Palästina immer an die News oder an historische Fakten gebunden sind – deshalb möchten viele mein Buch auch in diesem Kontext lesen. Doch für mich ist das Buch nur an Literatur gebunden. Ich würde nicht sagen, das Buch handelt von Palästina, und ich würde auch nicht sagen, ich habe ein Buch über Palästina geschrieben. Überhaupt mag ich dieses Adverb «über» nicht. Warum sagen wir nicht einfach, es ist ein Buch «aus dem Innern von etwas» oder «mit etwas»?

In diesem Sinn ist Ihr Buch «mit» Landschaften, Tieren und Zeit oder «aus deren Innern heraus»?
Wenn wir über die Unmöglichkeit der Sprache reden, sind Tiere und die Natur plötzlich auch die Möglichkeit eines Narrativs, das sich ausserhalb der Sprache abspielt. Ausserdem stellt sich die Frage, ob die Dünen, die Steine oder die Strassen einfach nur Orte sind oder Figuren im Buch. Und was ist, wenn die Zeit oder die Daten die wichtigsten Protagonist:innen im Buch sind?

Die Zeit ist in der Tat sehr wichtig: Da der Mord an dem Mädchen auf den Tag genau 25 Jahre vor der Geburt der Frau im zweiten Teil passierte, interessiert sie sich überhaupt dafür.
Ja, die Zeit ist die Falle, in die sie tappt.

Die Falle des israelischen Soldaten ist ein Tier: Ein Biss von – wahrscheinlich – einer Spinne wird zu einer hässlichen Wunde. Obwohl er ein totaler Hygienefreak ist und sich dauernd wäscht, desinfiziert er die Wunde erst nach zwei Tagen. Warum?
Diese Wunde ist etwas Neues für ihn. Er kann sie nicht einfach eliminieren. Er kann zwar die Gerüche eliminieren, das Rote in seinem Gesicht oder den Staub. Er kann die Araber in der Wüste eliminieren, aber nicht diese Wunde. Sie ist in seinem Körper drin, und er wird sie nie zum Verschwinden bringen können. Er hat alles unter Kontrolle, aber das nicht. Hier zeigt sich, wie dominant Tiere und die Natur sein können.

Eine wichtige Funktion im Buch spielen auch Landkarten: Die israelische Armee brauchte eine, um die Wüste zu erobern. Die palästinensische Frau fährt siebzig Jahre später mit drei verschiedenen Karten im Auto durch Palästina …
Es sind sogar mehr. Vier oder fünf Karten. Und jede zeigt etwas anderes. Für Palästinenser:innen ist es eine Urszene, dieser Moment, in dem du merkst, dass das Wort «Palästina» von der Landkarte gelöscht wurde. Als du ein Kind warst, hat dir nie jemand erzählt, was los ist. Die meisten Eltern sagen dir einfach nichts. So wirst du schon als Kind zu einer Art Privatdetektiv:in und merkst: Dieses Wort ist nicht da. Es geht nicht so sehr darum, dass es ausradiert wurde, sondern dass du merkst, dass du selber eliminiert wurdest: deine Geschichten, dein Sein, deine Intimität, deine Empfindsamkeit, deine Wahrnehmungen, deine ganze Welt und wie du sie mit Sinn ausgestattet hast.

Haben Sie das auch selber so erfahren?
Als ich ein Kind war, gingen wir oft mit unseren Eltern zu den palästinensischen Dörfern, die vom neuen israelischen Staat nach 1948 zerstört worden waren und auch von den Karten gelöscht wurden. Es gab dort immer noch die von den Palästinenser:innen gesetzten Pflanzen: Trauben, Oliven, Kakteen … Wir kannten die Namen dieser Dörfer, selbst wenn sie nicht mehr auf der Karte auftauchten, und es war uns klar, dass das Orte gewesen waren, an denen einst Hunderte von Menschen gewohnt hatten. Aber wir wussten nicht genau, was mit ihnen passiert war.

Doch in diesen Landschaften öffnete sich für uns eine neue Art der Vorstellungskraft. Meine Schwestern, Freundinnen oder Cousins und ich spielten, dass wir Leute seien, die da gelebt hatten. Wir wussten nichts über den Krieg, aber hier begannen unsere Imaginationen. Und das ist Literatur: eine unverzichtbare Form, um die Gewalt des Realen umzustürzen, um neue Empfindsamkeiten und Möglichkeiten zuzulassen. Die Möglichkeiten einer Welt, in der man nur in der Vorstellung leben kann und die einzig von Worten geformt wird, von nichts anderem.

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