Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Kleiner Mann mit grosser Stimme

Von Ulrike Baureithel

Sein «Lied ging um die Welt», er füllte Konzertsäle und bannte Radiohörer, charmierte die Frauen und erzählte als singender Schauspieler im gleichnamigen Film seine eigene Geschichte: die des klein gewachsenen Joseph «Jossele» Schmidt aus Czernowitz, Sohn eines orthodoxen Juden, der zum Star aufstieg. Von den Nazis verfolgt und hängen geblieben im Räderwerk der schweizerischen Flüchtlingspolitik, starb er im November 1942 im Internierungslager Girenbad im Kanton Zürich.

Lukas Hartmann verfolgt diesen letzten Lebensabschnitt des Ausnahmetenors, beginnend mit der Flucht aus Vichy-Frankreich nach Zürich, wo der bereits schwer kranke und fast stimmlose Schmidt um Asyl bittet. Zwar trifft er auf hilfreiche Geister, doch die offizielle Politik in Bern beschliesst, «den Deutschen zu zeigen, dass der berühmte Joseph Schmidt gleich behandelt werde wie ein x-beliebiger deutscher Viehhändler» – dieser Schmidt, der Goebbels einen Korb gab, als dieser ihn zum «Ehren-Arier» machen wollte.

Der für seine historischen Romane bekannte Hartmann beweist auch in «Der Sänger» viel Einfühlungs- vermögen, wenn er sich in diesen kleinen Mann mit der grossen Stimme hineindenkt, seine tödliche Verzweiflung, die überblendet wird von den Erinnerungen an die Kindheit in der Bukowina, die grossen Triumphe und Lieben, in diesen von der Musik beflügelten und getriebenen Mann.

Auf einer zweiten Ebene beleuchtet Hartmann die unrühmlichen Hintergründe der zeitgenössischen Migrationspolitik und offenbart, wie auch ausserhalb des Zugriffs des «Dritten Reiches» Juden und Jüdinnen schikaniert und gedemütigt wurden – eine Folge der eingefleischten schweizerischen Konsenshaltung.

Die wohl erfundene Geschichte der beiden Mädchen, die versuchen, dem berühmten Tenor in Girenbad näherzukommen, mag vielleicht etwas konstruiert anmuten, sie verweist indessen auf eine Generation, die Joseph Schmidt bis heute nicht vergessen hat.

Veranstaltungen in Solothurn: Sa, 1. Juni 2019, 13 Uhr; So, 2. Juni 2019, 11 Uhr.

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