Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Semesterarbeit

Michelle Steinbeck lässt sich von Thomas Hobbes nicht mehr stressen

Von Michelle Steinbeck

Wenn wir an der Uni die antiken Denker (ja, es sind alles Männer) zur Frage der Gesellschaft lesen und ihre Vorstellungen mit unserer heutigen Gesellschaft vergleichen, kommen wir bald zum Schluss: Damals wurde hierarchisiert nach Geist, heute nach Geld. Das antike Athen rühmt im Vergleich mit dem paranoid-kriegerischen Sparta stolz seine Weltoffenheit und sein Kapital: Intelligenz und Kreativität. So schreiben es auch gern die linken Regierungen gewisser Schweizer Städte in ihre Marketingbroschüren – tatsächlich agieren aber auch sie zuerst einmal nach ökonomischen Richtlinien. So häufen sich beispielsweise in Basel – trotz viermaligem Abstimmungs-Ja zu besserem Mietschutz – die Massenkündigungen, und reihenweise werden ganze Strassenzüge mit vormals bezahlbaren Mietwohnungen abgerissen, um teuren Neubauten zu weichen. Der Wohnraum wird für Studierende und KünstlerInnen, für geringverdienende Familien und ältere Menschen knapp. Intelligenz und Kreativität, die nicht direkt der Pharmaindustrie in die Kassen klingelt, wird geradezu vertrieben.

Wir lesen weiter in Thomas Hobbes und John Locke und erkennen darin die Grundsätze der heutigen Denke: Ein guter Mensch handelt ökonomisch. So können wir uns erklären (ohne dass es uns einleuchten muss), weshalb die Reichsten noch Privilegien erhalten, während die Ärmsten um ihr schieres Überleben kämpfen – es seien schliesslich die Tüchtigen, die fürs «Gemeinwohl» arbeiteten (sie schaffen schliesslich Arbeitsplätze und zahlen auch ein bisschen Steuern).

Selbst das ist manchen zu viel: Der 2002 verstorbene libertäre US-amerikanische Philosoph Robert Nozick positioniert sich gegen «erzwungene Umverteilung» wie Steuern und erklärt die Selbstbestimmung zum Grundrecht. Aber was ist das für eine Selbstbestimmung? Wenn wir uns an eine gescheiterte Schweizer Volksinitiative mit demselben Namen erinnern, erkennen wir, für wen diese Selbstbestimmung gelten soll – und für wen nicht. Aber was ist mit dem Recht der Besitzlosen?

Wir verstehen doch gar nicht mehr, was überhaupt passiert. Wenn wir uns umschauen, befinden wir uns grossflächig zurück im Goldenen Zeitalter, als Kronos Götter und Menschen mit allem versorgte und sie in umfassender Unwissenheit und Unselbstständigkeit hielt: Im Südsudan fällt seit einer Generation Essen vom Himmel, Nothilfe, abgeworfen von Flugzeugen; in Smart Homes in Lörrach bestellt der Kühlschrank derweilen die Milch selber, und das Kind befiehlt Alexa, das Badewasser einzulassen – weder es noch seine Eltern denken daran, dass die moderne Dienerin künstliche Intelligenz gleichzeitig eine gottgleiche Überwachung darstellt.

So merke ich bei der antiken Lektüre auch, wie ich in einen Konflikt komme, wenn ich mich in die platonische «Knecht»-Rolle begebe. Zum Beispiel, wenn ich Kolumnen schreibe – da bin ich unter Zeitdruck und möchte gefallen, am liebsten mit messerscharfen Analysen, Erkenntnissen, am besten gleich Lösungen für eine bessere Welt. Dabei werde ich nur immer hilfloser. Einen Ausweg bietet jeweils die Einsicht, dass ich mich vielmehr befreien sollte (auch aus der Vorstellung des aktiven Menschen – «must act quickly!»). Wohl ein trügerischer Balsam ist dann weiter der Gedanke, dass die Suche nach der Wahrheit und Gerechtigkeit bereits das höchste Gut ist, dass ich mir also Zeit nehmen kann zu denken.

Michelle Steinbeck ist Schriftstellerin und Studentin der Philosophie. Sie schliesst gerade das Semester ab.

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