Nr. 26/2020 vom 25.06.2020

Wo sind die Millionen?

Michelle Steinbeck über ein kafkaeskes System

Von Michelle Steinbeck

Wir haben es geschafft. Die Normalität ist schneller zurück, als wir gedacht hätten. Sie ist sogar so schnell, dass das, was uns im Ausnahmezustand noch angenehm verwunderte, schon vorbei ist, bevor es überhaupt angefangen hat. Zum Beispiel die Unterstützung für den Kulturbetrieb. Die paar Millionen («Danke, Banke») scheinen irgendwie verschwunden, bevor sie überhaupt jemanden erreicht haben.

Was im März aus Ueli Maurers Mund regnete, war klar wie ein Bergbach: Unkompliziert, unbürokratisch und vor allem schnell sollen die entschädigt werden, die wegen der Massnahmen nicht arbeiten können und dürfen. Dazu gehörten auch wir Hofnärrinnen und Clowns des Kulturbetriebs. Als sich herausstellte, dass der administrative Aufwand für die Anträge schon ein paar Tage Homeoffice in Anspruch nimmt, habe ich mich beherzt in die Arbeit gestürzt. Klar, ein Grundeinkommen wäre einfacher und fairer gewesen, aber die Beamteten brauchen ja auch was zu tun. Können ja nicht alle die Kronenferien durchchillen.

Es wurde dann ziemlich schnell absurd. Nicht nur Autorinnen benutzen dafür das Wort «kafkaesk». Formulare verloren nach ein paar Tagen ihre Gültigkeit, und das Ausfüllen begann von vorn. Zwingend notwendige Papiere wurden mit Hochdruck bestellt, bezahlt und herumgeschickt, die dann plötzlich doch nicht benötigt wurden; unzählige Mails mit sich widersprechenden Inhalten, Forderungen und Androhungen wurden ausgetauscht. Telefonisch gab es hustende Eingeständnisse à la «Es war ein Fehler, aber er darf nicht korrigiert werden». Was schliesslich ankam, war ein Sackgeld.

Ich schwieg beschämt. Schliesslich ist es sicher die eigene Schuld, wenn man um Geld bitten muss, das einem dann abgesprochen wird. Bis ich anfing, mit meinen freischaffenden Freundinnen und Bekannten zu reden. Und merkte: Es geht allen gleich. In einem Riesenaufwand wurde sich um Entschädigungen beworben und bemüht. Von der Nothilfe, die, wie der Name schon sagt, für den Notfall etwa des leeren Kontos in Kombination mit klingelndem Vermieter gilt, haben einige noch nicht einmal Antwort bekommen; ebenso warten die meisten noch auf eine Rückmeldung, was die Ausfallentschädigungen angeht. Den Selbstständigen, die regelmässig ihre Beiträge leisten, zahlt die AHV (oft wegen eines Systemfehlers) nicht selten einen einstelligen Betrag pro Wochentag. Wer sich beschwert oder Rückfragen wagt, wird mehr oder weniger teilnahmsvoll an die Sozialhilfe verwiesen.

Entgegen der öffentlichen Meinung haben wir nicht «nichts Richtiges gelernt» und kommen nun «angekrochen», um zu «profitieren». Auch wir sind SteuerzahlerInnen und fordern, was uns versprochen wurde: achtzig Prozent unseres ausgefallenen Einkommens. In meiner nicht repräsentativen Umfrage hat das bisher noch niemand bekommen. Umso mehr ist es ein Hohn, dass diese «Hilfe» nun abrupt gekappt worden ist, und das, obwohl im Kulturbetrieb überhaupt noch nichts normalisiert ist. Erst nach der Sommerpause soll es mit Veranstaltungen langsam wieder losgehen – wenn dann nicht die zweite Welle kommt.

Und die Ströme fliessen. Unsere philanthropischen Banken haben mit ihren Krediten schon dreistellige Millionengewinne gemacht. Das Vermögen strömt weiter nach oben, seit Corona noch ungebremster als zuvor.

Michelle Steinbeck ist Autorin.

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