Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Die Wanzenkönigin

Michelle Steinbeck über ihr Leben als Sitcom

Von Michelle Steinbeck

Unser Haus ist so billig, es gibt keinen Summer für die Haustür. Wenn es klingelt, spähe ich aus dem Stubenfenster. Wenn da jemand steht, den ich sehen möchte, werfe ich den Schlüsselbund und wünsche mir, dass dabei weder ein fangender Finger noch ein fallender Schlüssel zerbricht. Ein kräftiger Fluch besiegelt das Manöver (von unten, bei erfolgreichem, schmerzhaftem Fangen; von mir, wenn allzu zaghafte EmpfängerInnen feige zur Seite springen), und ich weiss, ich habe nun genau zwanzig bis dreissig Sekunden Zeit für eine denkwürdige Begrüssung. Buh!

Und gestern war so ein Tag; gebimmelt und geklingelt hat es, dass es eine wahre Freude war. Drring! Pöstlerin mit unförmigem Paket. Drring! Neu eingezogene Nachbarin, ganz aufgelöst. «Ich sterbe vor Angst. Kannst du kommen?» Ich trete in ihre Wohnung, sie dicht hinter mir: «Hörst du das?» Tatsächlich, ein sehr lautes Brummen wie von einem riesigen, blutrünstigen Monsterinsekt. «Was ist das?», rufe ich. Sie flüstert: «Es ist in meinem Zimmer.»

Wir schleichen durch den Gang, das Brummen wird lauter, bis wir vor ihrer Zimmertür stehen, wo es gefährlich wummert und dröhnt. Ich möchte überhaupt nicht hineingehen. Sie auch nicht. Wir haben seit Monaten eine Wanzenplage, wegen des schönen Selbst-im-November-zwanzig-Grad-Apokalypse-Wetters, die Tiere haben meinem Basilikum ganz den Saft ausgesaugt, und daran denke ich: an eine hungrige, zu Übermenschengrösse mutierte Wanzenkönigin. «Es ist der Ofen», flüstert da die Nachbarin, «ich glaube, er explodiert.» Die schöne Fantasie zerfällt. Bloss der übliche Streich des ollen Ölofens! Beherzt schreite ich auf das unkontrolliert lodernde Siebzigerjahrebiest zu und stelle es ab. Es knallt und stöhnt noch eine Weile, und die Nachbarin erzählt, dass sie arbeitslos sei und darum ein wenig durchdrehe.

Beim gemütlichen Mittagessen – ich habe genau zwölf Minuten Zeit, bevor ich losmuss; bei «Grey’s Anatomy» ist gerade eine am Gebären – klingelts wieder. Es ist meine Untermieterin, die berichtet, dass sie gerade drei Wochen in Nepal am Meditieren gewesen sei und jetzt merke, wie ihr ganzes Umfeld im Hamsterrad haste. Ich stimme ihr zu, während ich gleichzeitig schlinge und Zähne putze, und erzähle, wie ich einen Nervenzusammenbruch bekam, als ich letzthin unverhofft eine Stunde freihatte. Sie sagt, sie könne es nicht erwarten, dass ihre Verletzung endlich abgeheilt sei, dann würde auch sie sich wieder in die Mühle stürzen. Ich stürze aus der Wohnung – schon wieder zu spät!

Das Abendessen stört schliesslich mein Mitbewohner. Mit Rucksack und Gitarrenkoffern steht er auf der Strasse und schielt hoch. Er kehrt von drei Wochen Kreuzfahrt zurück, wo er sich als Schiffsmusiker verdingte. Er erzählt von Seekrankheit und der Mannschaft, die bis zu sechzehn Stunden am Stück arbeitet, ohne freien Tag. «Einmal haben wir in der Kajüte geprobt, da kam eine Putzkraft rein. Wir haben für sie ein Lied gespielt, das fand sie toll. Sie hat vor Rührung und Erschöpfung geweint.» Dann erzählt der Mitbewohner, dass der Geflüchtete, mit dem er manchmal chillt und Arbeit sucht, bis Ende des Monats ausgeschafft werde.

«Willkommen zu Hause», sage ich. Und welche Steckdosen wir wirklich nicht mehr benutzen sollten, weil die Stromschläge jetzt richtig wehtun.

Michelle Steinbeck ist Autorin und lebt in einem günstigen Altbau in Basel. Der gehört einer Zürcher Pensionskasse, die bald die ganze Strasse abreisst, so über hundert Mietparteien in den feindlichen Wohnungsmarkt wirft und deren lustiges Lotterleben beendet.

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