Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

Es passiert immer und immer wieder

Von Nora Strassmann

Vergangenen Freitagmorgen richtete ein Mann in einer Stadtzürcher Wohnung zwei Frauen hin, danach brachte er sich selbst um. Die Geschichte fand als «Beziehungsdelikt» und «Geiseldrama» Eingang in die hiesige Berichterstattung.

Das Wort «Beziehungsdelikt» meint im juristischen Sinn, dass bereits vor der Tat eine soziale Beziehung zwischen Opfer und Täter bestanden hat. Konkret heisst das: Die jüngere der beiden Frauen und der Täter wohnten über mehrere Jahre als Paar zusammen. Dies bestätigte die Zürcher Staatsanwaltschaft auf Anfrage der WOZ. Dann wollte sie sich trennen: Ende März sei die Frau in die Wohnung ihrer Arbeitskollegin umgezogen, wo sie sowie ihre Kollegin vergangenen Freitag von dem Mann erschossen wurden. So weit die Fakten. Im Gegensatz zur juristischen Verwendung legt der Begriff «Beziehungsdelikt» alltagssprachlich jedoch eine falsche Fährte.

Lelia Hunziker von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) erklärt: «Er gibt vor, dass zwei Menschen auf Augenhöhe in einer Beziehung stehen und ein Konflikt aus Versehen zu einem Delikt eskaliert ist. Wer von einem Beziehungsdelikt spricht, will nicht von Mord, schon gar nicht von Frauenmord – sogenanntem Femizid – reden.» Ausdrücke wie «Beziehungsdelikt», «Familiendrama» und so weiter seien Teil eines Vokabulars, das Gewalt an Frauen als private Angelegenheit zu verharmlosen versuche. Die spezifische Wortwahl im Wiediker Fall vernebelt die Tatsache, dass ein Mann sich aktiv dazu entschieden hatte, das Leben zweier Frauen zu beenden.

Dabei ist der Blick auf die Statistik eindeutig: 2018 verzeichnet der Bund schweizweit siebzehn Tötungsdelikte innerhalb von beendeten oder laufenden Partnerschaften. Davon wurden sechzehn von Männern an ihren Partnerinnen begangen. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, das Aufmerksamkeit erregte: Am helllichten Tag erschoss ein Mann seine Frau in der Europaallee beim Zürcher Hauptbahnhof. Als Beginn einer lohnenden Debatte müsste also erst einmal das Offensichtliche ausgesprochen werden: Die roheste Art von Gewalt an Frauen, nämlich Mord, passiert ständig. Sie passiert im Hier und Jetzt.

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