Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Ein Schrittchen weiter

Von Nora Strassmann

Die Deutsche Presseagentur (DPA) entschied kürzlich, die Ausdrücke «Familiendrama» und «Beziehungstragödie» aus ihrem Vokabular zu streichen. Sie zeigt damit Bewusstsein für die Macht der Sprache: Die Begriffe, die für die Bezeichnung von Frauenmorden verwendet werden, bagatellisieren männliche Gewalt. Der Entscheid wird Wirkung zeigen, denn die Nachrichten der DPA füttern täglich unzählige Redaktionen und werden millionenfach verbreitet. Der Entscheid kam kurz vor dem Beginn der sechzehn internationalen Aktionstage gegen Gewalt an Frauen, die noch bis am 10. Dezember dauern.

Nach wie vor ist Femizid verbreitet: Weltweit werden jeden Tag 137 Frauen von ihrem (Ex-)Partner oder Familienmitgliedern umgebracht. 2019 ist das eigene Zuhause für Frauen noch immer einer der gefährlichsten Orte. Immerhin scheint sich das öffentliche Bewusstsein zu verändern. Weltweit protestieren Menschen gegen patriarchale Gewalt – letzten Samstag anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen waren es allein in Paris 100 000. Ihr Slogan «Pas une de plus» (Keine Einzige mehr) lehnt sich an die Bewegung «Ni una menos» an, die 2015 in Argentinien nach einem Frauenmord aufkam. Am 3. Juni 2015 hatten eine halbe Million Menschen die grossen argentinischen Städte geflutet, die Protestierenden sahen auf Bildern von oben aus wie Ameisen, die eifrig ausgeschwärmt waren, um dem Patriarchat endlich ein Ende zu setzen.

Mittlerweile zählt das Wort «Femizid» in Argentinien auch in der medialen Berichterstattung zur Alltagssprache. «Ni una menos» hat die feministische Mobilisierung weltweit befeuert, darunter auch den Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni. Das Thema Frauenmord eint. Egal ob Niedriglohnangestellte, Akademikerin oder Hausfrau: Die alltägliche Tötung von Frauen und Queers und der fehlende Schutz ihrer Leben sind der hässlichste Ausdruck des Patriarchats. Soziale Umstände wie Armut oder Krieg begünstigen sie zusätzlich. Auch hierzulande ergreift seit einigen Monaten – wenn auch merklich verspätet – eine schüchterne feministische Anwandlung die Redaktionen: Medien, die über lange Zeit hinweg Ausdrücke wie «Beziehungsdrama» ganz selbstverständlich verwendeten, schreiben plötzlich von «Femizid».

www.16tage.ch

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