Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Grosse Verschwesterung

Michelle Steinbeck dreht Bücher von Männern um

Von Michelle Steinbeck

Spätestens die #MeToo-Bewegung hat schonungslos gezeigt, wie die Hälfte der Menschheit rund um den Globus aufgrund ihres Frauseins – multipliziert mit ihrer Klassenzugehörigkeit, ihrem Bildungsgrad, ihrer Hautfarbe, ihrem Begehren, ihrem Alter, ihrer Gesundheit, ihrer Ability, ihrer (Gender-)Performance – nicht nur sexuell belästigt, sondern generell strukturell benachteiligt, behindert und zurückgehalten, bevormundet, geshamed und verniedlicht wird.

Auf Französisch gibt es noch nicht einmal das Wort «Schriftstellerin». Und trotzdem haben es heute nicht wenige Autorinnen «zu etwas gebracht». Unterstellt wird jedoch das Gegenteil: Wie oft wurde mir erzählt, ich hätte Erfolg, gerade weil ich eine junge Frau sei. Oft genug, dass ich es manchmal selber glaube. Es ist kein Zufall, dass das Hochstaplersyndrom besonders Frauen betrifft. Wird uns nicht ständig suggeriert, dass wir an Wert verlieren, mit jedem Jahr, jeder Erfahrung, jedem Wissen, das wir gewinnen? Weil dieser Wert abhängig sei vom Goodwill der Mächtigen – die nun mal mehrheitlich männlich seien und deshalb auf straffe Haut abfahren würden? Aber stimmt das überhaupt? Tappen wir da nicht in eine Falle und reissen uns gegenseitig runter? Wenn Bestsellerinnen ihre jüngeren Kolleginnen hinstellen als solche, die noch nie gearbeitet hätten, denen aber – dank der Zugänglichkeit ihrer reizenden Knie – alles zu Füssen gelegt werde, passiert genau das. Frauen diffamieren sich gegenseitig, anstatt sich zu solidarisieren und tragende Netzwerke zu bilden, von denen alle profitieren können.

Am Frauenstreik geht es um Verschwesterung.

Lasst uns Bande bilden, Seilschaften, uns gegenseitig fördern. Es ergibt Sinn, im Kleinen zu beginnen: Als (Arbeits-)Kolleginnen müssen wir zusammenkommen und auspacken: über Geld, Belästigung, kleinmachende Verhaltensweisen, Abgrenzung, «emotional labour» et cetera. Im Austausch öffnen sich einerseits Augen für die diversen Formen der Diskriminierung. Andrerseits ist gemeinsame Empörung ungeheuer ermächtigend: Wenn wir erkennen, dass die Ungerechtigkeit strukturell bedingt und kein individuelles, privates Problem ist, können wir dagegen ankämpfen und Forderungen stellen – für uns und für alle! Gemeinsam können wir Strategien entwickeln, wie wir Sexismus erkennen und uns ihm entgegenstellen können; wie wir effektiv im Moment handeln und wie wir ihn langfristig bekämpfen. Und dabei ist die Gewissheit, ein solidarisches Netzwerk im Rücken zu haben, von unermesslichem Wert.

In der Autorinnengruppe Rauf tun wir genau das: Wir bieten Unterstützung, wo wir können, und fordern sie ein, wo wir sie brauchen. Übrigens: Am Frauenstreik werden in Bücherregalen diejenigen Exemplare, die von Männern geschrieben wurden, umgedreht. Versuchen Sies mal in Ihrer Bibliothek!

Es ist wunderbar zu sehen, wie sich gerade viele verschiedene Netzwerke vorbereiten, um am 14. Juni zusammenzukommen und ein grosses, unüberhör- und -sehbares Netz zu bilden: die ultimative Schwesternschaft. Ich wünsche mir, dass sich dieses Bewusstsein ausbreiten kann und es anhält, weit über den Streik hinaus. Dazu ein Zitat meiner weisen Mutter: «Die Leute machen mit dir, was du mit dir machen lässt.»

In diesem Sinne: Auf die Strasse! Auf ins goldene Matriarchat!

Michelle Steinbeck ist écrivaine. Sie hat sich in diesem Jahr eine Frauen-lesen-Quote von neunzig Prozent auferlegt. Sie empfiehlt diese Strategie zu hundert Prozent weiter.

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