Nr. 32/2019 vom 08.08.2019

So ein Glück!

Michelle Steinbeck trifft Prinz Charles

Von Michelle Steinbeck

Sommertag im ICE, sehr hohe Auslastung. Meine Fingerspitzen liegen bereit auf den Tasten, wie eine Sprinterin auf den Startschuss warten sie auf das Hirnkommando Kolumne. Das pult sich wohl noch den Feriensand aus den Ohren oder bestreicht sich selbstvergessen mit Doposole. Jedenfalls lässt es mich für einen Moment allein mit meinem Sitznachbarn, der aussieht wie Prinz Charles, der nur auf diese Chance gewartet hat. Er legt sein Buch zur Seite und beginnt mir zu diktieren.

Ein wenig läuft ihm die Nase, aber er liebt das Leben. Er liebt seine Frau, sie weint nie. Ich soll mich nicht wundern, wenn er zu weinen beginnt; er weint ständig. Er konnte auch nicht Arzt werden wie seine Mutter und seine Geschwister, kein Blut sehen und kein Leid. Ist dann Professor geworden. Seine Mutter musste noch in die Nachbardörfer die Leute besuchen, mit Pferdekutsche, Fahrrad, zu Fuss. Mit einer kleinen Tasche schleppen auch, ja.

Die Mutter ist gestorben in ihrem Haus am Meer. Ein paar Stunden zuvor ist sie noch durch den Sand zum Briefkasten gelaufen, um ihm eine Postkarte zu schicken. Seltsam klare Buchstaben waren da drauf, nicht so gotische wie sonst. Und als sie der Rettungsschwimmer vom Strand fand, wollte sie keine Reanimierung, sie hat das abgewehrt. Ist das nicht wunderbar!

Das ist sein liebster Spruch und Antwort auf alles: Das Leben, ach, meine Frau! Ist das nicht wunderbar. Das soll ich oft schreiben. Mit Ausrufezeichen: Welch eine Wonne! So ein Glück. Neben einer Dichterin zu sitzen. Schreiben – als Frau! Reizend. Er erzählt mir, dass seine Frau gescheit ist und dass sie alles weiss. Sie verbietet, zu Hause Internet zu haben. Frauen wissen überhaupt alles besser, nur wissen das die Männer nicht. Die Männer machen alles kaputt. Darüber müssen Sie schreiben, sagt er.

In Fulda muss er sich umsetzen, er hat keine Platzreservation. Aber wie er seine Frau kennengelernt hat, will er noch erzählen. Über seine Studenten aufgeregt hat er sich, auf Klassenfahrt in Polen. Die waren dumpf und hatten keine Lust; am Tag davor war Feiertag, und die hatten sich wohl versammelt. Also ist er mit ihnen schwimmen gegangen. Er so zügig einen Kilometer geschwommen, schaut zurück: Kann ja nicht sein! Dumpf sitzen die alle am Ufer. Beleidigt schwamm er zurück. Da sah er eine Frau auf einem Stein sitzen. Sie war mittellaunig, hatte sich gerade mit ihrer Schwester gestritten. Geh doch! Ich werd nicht lang allein bleiben. Hat sie zur Schwester gesagt. Die Schwester kam bald zurück, so waren sie zu dritt und gingen in die Kirche.

Als die Schwestern abends in die Strassenbahn stiegen, liess er ihre Hand nicht los, und sie musste in seine Arme fallen. So bin ich!, ruft er. Ich war noch nicht fertig. Wir hatten noch nicht alle Kirchen gesehen.

Heute führt er Gruppenreisen. Er reist durch die Jugendherbergen der deutschen Städte und Kleinstädte und besucht alle Schlösser und Kirchen. Das lieben die Polen. Er lebt in Polen. Damit sich die beiden Länder nie mehr bekriegen. Wer Kultur kennt, macht so was nicht.

In Fulda packt er sein Buch, verdrückt eine Träne. Wie werden Sie es machen, fragt er, in Zukunft, mit den Männern? Ich komme nicht zu einer Antwort, er ruft sie gleich selber in den Wagen hinein: Das Matriarchat – ah! War das schön. Ja, sage ich, wunderbar.

Michelle Steinbeck kennt sich mit Königsfamilien wenig aus. Heute blättert sie aber auch mal durch die «Bunte», um zu sehen, wie der alte Prinz bei der Moselschleife Glace schleckt.

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