Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Abwehr schützt Rassismus

Es geht nicht darum, wer RassistIn ist und wer nicht – auch Linke können rassistisch handeln und sprechen. Ein Plädoyer für Offenheit und Selbstkritik.

Von Mandy Abou Shoak

Illustration: Maria Rehli

Ich bin eine Schwarze, muslimische Frau, 29 Jahre alt und im Alter von zwei Jahren mit meiner Familie in die Schweiz geflüchtet. Was, denken Sie, arbeitet meine Mutter? Um Ihr Kopfkino, das bei einer solchen Frage zu laufen beginnt, dreht sich dieser Artikel.

Rassismus ist kein Phänomen der Rechten, sondern findet in unserer gesellschaftlichen Mitte statt. Die Schweiz wird rassistisch bleiben, bis eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Rassismus stattfindet. Deshalb muss ein selbstkritischer Umgang mit Rassismus alle beschäftigen.

Schnauze, ihr Betroffenen!

Eine weitverbreitete Annahme ist, dass nur Rechte rassistisch sind und dass rassistische Handlungen nur dann als solche gelten, wenn eine böswillige Intention besteht. Dem ist aber nicht so. In vielen Diskussionen rund um Rassismus wird verhandelt, ob Aussagen oder Handlungen rassistisch sind. Bei solchen Diskussionen geht es oft nicht darum, Rassismus zu begreifen, sondern vielmehr darum, Menschen vor der grausamen Bezeichnung «RassistIn» zu bewahren. Sich rassistisch zu äussern oder so zu handeln, scheint ein grosses Übel darzustellen. Dabei entlarven sich gerade solche Abwehrmechanismen als die hartnäckigste Verteidigung des Rassismus.

Ein Abwehrmechanismus ist zum Beispiel, wenn der von Rassismus betroffenen Person unverhältnismässige Emotionalität vorgeworfen wird. Ihr Erleben wird infrage gestellt und als nicht objektiv entwertet. Die Schlussfolgerung daraus wäre, dass die Menschen, die von einem Problem betroffen sind, nicht mitreden sollen, weil sie zu sehr involviert sind. Das ist, als würde man der Schweizer Bevölkerung verbieten, weiterhin abzustimmen oder zu wählen, weil sie dabei ihre subjektive Sichtweise zu sehr einbringen würde. Solche Erfahrungen bedeuten für uns Schwarze eine doppelte Marginalisierung.

Wir leben in einem System, das davon lebt, dass der Globale Norden von der Ausbeutung des Globalen Südens profitiert. Das ist die Grundlage von Rassismus. Rassismus ist ein gesamtgesellschaftlich verankertes Machtsystem. Es strukturiert Machtverhältnisse zwischen Menschen und steht in einem historischen Kontext, nämlich der Maafa (Suaheli für «grosse Katastrophe») – der komplexen, interdependenten Verflechtung von Widerstands- und Emanzipationsformen Schwarzer Menschen einerseits und von Sklaverei, Imperialismus, Kolonialismus, Invasion, Unterdrückung, Entmenschlichung und Ausbeutung andererseits.

Nichtweisse Menschen werden als Gruppe imaginiert, der vermeintlich unveränderbare Eigenschaften zugeschrieben werden. Es wird eine Polarisierung in «wir» und «die anderen» vorgenommen, wobei «die anderen» als minderwertig imaginiert werden. Solche Hierarchien drücken sich in einem Überlegenheitsnarrativ aus, und daraus folgend werden willkürliche Ausschlüsse durchgesetzt.

Von wegen Aufklärung

Übrigens: Meine Mutter ist Zahnärztin. Sie musste das komplette Studium zweimal absolvieren, weil ihr Diplom in der Schweiz nicht anerkannt wurde.

All das passiert meist unhinterfragt, sodass Marginalisierungen und Benachteiligungen zur Normalität werden. Struktureller Rassismus liegt dann vor, wenn Menschen in alltäglichen Situationen, in Institutionen oder auch symbolisch benachteiligt werden. Und wenn weisse Menschen bevorzugt werden, sei dies persönlich, sozial, wirtschaftlich oder politisch. Wenn nichtweisse Menschen nicht gesehen, nicht mitgedacht werden.

Denker der Aufklärung wie Immanuel Kant haben ihren Beitrag zur Entstehung einer «Rassentheorie» geleistet. Das Ziel dabei war, die Überlegenheit der «weissen Rasse» theoretisch zu untermauern, um Kolonialismus zu legitimieren. Dass die europäische Aufklärung zu Rassismus beigetragen hat, wird leider nicht in der Schule gelehrt.

Aktiv verlernen

Für eine linke Klassenpolitik müssen wir uns fragen, wie ökonomische Ausbeutungsverhältnisse auch «rassifiziert» sind: Global betrachtet werden die schlecht bezahlten, anerkennungslosen Jobs überdurchschnittlich häufig von Nichtweissen ausgeführt. Für eine feministische Politik müssen wir uns fragen, wie patriarchale Strukturen Women of Color, Schwarze, migrantische und geflüchtete Frauen anders treffen als weisse Frauen. Intersektional zu denken, bedeutet zu analysieren, wie nichtweisse und weisse Frauen strukturell voneinander unterschieden werden.

Wir sind alle rassistisch sozialisiert. Das nächste Mal, wenn Ihnen gesagt wird, dass Sie sich rassistisch geäussert oder gehandelt haben, dann widerstehen Sie den Abwehrmechanismen. Hören Sie zu. Entschuldigen Sie sich aufrichtig. Vielleicht haben Sie sich bis anhin oft rassistisch geäussert oder so gehandelt, aber das muss nicht so bleiben. Menschen, die rassismuskritisch sein möchten, müssen ihre Hausaufgaben machen. Sie müssen sich mit postkolonialem Wissen auseinandersetzen und Rassismus aktiv verlernen.

Der Unterschied zwischen mir und weissen Menschen ist: Sie können entscheiden, ob sie sich damit befassen wollen oder nicht. Ich hingegen bin ihrer Entscheidung ausgesetzt.

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