Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Sehen Sie sich als Stimme für die Frauen im Irak?

Im Irak wurde sie von ihrem Chefredaktor bedroht, wenn sie über Frauenrechte schrieb. In der Schweiz nutzt die Journalistin Faten Al-Soud vor allem soziale Medien, um sich politisch zu äussern. Am meisten mag sie daran, mit ihren LeserInnen direkt in Kontakt zu sein.

Von Alice Galizia (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Faten Al-Soud: «Seit ich in der Schweiz bin, kann ich frei reden. Über das Internet habe ich die Möglichkeit, mit den Frauen im Irak zu kommunizieren.»

WOZ: Faten Al-Soud, wie sah Ihre Arbeit als Journalistin im Irak aus?
Faten Al-Soud: Ich habe hauptsächlich für eine grössere Zeitung geschrieben und ab und zu für andere Magazine. Vor allem kulturelle Sachen, über Kunst und Film. Das Problem war, dass die Texte immer nur publiziert wurden, wenn ich optimistische, unkritische Texte schrieb, über schöne Dinge und ohne politischen Zugang. Wenn ich über Frauenrechte schrieb, war es schwieriger.

Was war dabei besonders problematisch?
Es gibt zum Beispiel ein Gesetz, das in Zusammenhang mit dem islamischen Recht steht: Wenn du als Frau mit jemandem verheiratet bist, hast du kaum eine Chance, ihn zu verlassen. Wenn du wegläufst, dann hat er das Recht, vor Gericht zu gehen und dich so zu zwingen, zurückzukommen. Ich habe auch über Mädchen geschrieben, die aus ländlichen Gegenden in die Stadt gebracht und dort zwangsprostituiert werden. Das passiert leider sehr häufig. Zu diesen Themen wollte ich veröffentlichen, aber ich durfte nicht – und wurde sogar bedroht.

Von wem wurden Sie bedroht?
Vom Chefredaktor. Er sagte, ich hätte kein Recht, darüber zu schreiben, das sei unsere Tradition, unsere Religion. Wie ich es wagen könne, darüber kritisch zu schreiben. Ich versuchte, mit den Menschenrechten zu argumentieren: dass man Frauen nicht zwingen dürfe, mit jemandem verheiratet zu bleiben oder sich zu prostituieren. Aber das hat alles nichts genützt.

Konnten Sie sich im Irak mit Berufskolleginnen austauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten?
Nein, ich war ziemlich allein mit meiner Arbeit. Es gibt im Irak zwar viele Frauen, die bei den Medien arbeiten, aber keine, die an den Schalthebeln sitzen. Die Chefs sind alles Männer. Du kannst ausserhalb des Irak sein und versuchen, deine Meinung an die Leute zu bringen, aber von innen geht das nicht. Alles ist kontrolliert dort. Es ist schwer, anders zu sein, als das Regime das vorsieht. Du musst viel im Geheimen arbeiten.

Hatten Sie andere Möglichkeiten, politisch aktiv zu sein?
Es fand viel über persönliche Kontakte und Gespräche statt, mit anderen Frauen. Im Irak ist es normal, dass Frauen vor allem unter sich sind und sich miteinander austauschen. Viele von ihnen haben schwierige Ehen, erleben häusliche Gewalt oder dürfen – so wie ich vor meiner Scheidung – das Haus nicht allein verlassen. Sie dürfen nichts tun ohne die Erlaubnis des Ehemanns. Gleichzeitig schmeissen sie den gesamten Haushalt. Nach meiner Scheidung habe ich viele Frauen beraten – aber auch das war alles andere als einfach. Die Frauen haben das Gefühl, das sei normal, und wollen nichts ändern. Das macht mich wütend. Drei Frauen habe ich dazu gebracht, sich scheiden zu lassen.

Würden Sie das als Erfolg werten?
Sicher. Aber es war natürlich auch problematisch: Alle reden darüber und verurteilen dich, wenn du dich scheiden lässt. Und die Frauen selbst haben darunter gelitten, obwohl die Scheidung an sich gut für sie gewesen wäre. Es ist alles sehr kompliziert.

Sehen Sie sich durch solche Aktivitäten als Stimme für die Frauen im Irak?
Ja. Interessanterweise kann ich das nun, da ich in der Schweiz bin, noch stärker sein. Hier kann ich frei reden. Über das Internet habe ich die Möglichkeit, mit den Frauen im Irak zu kommunizieren. Ich nutze vor allem Facebook, da gibt es eine grosse Community von Irakerinnen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, die sich austauschen.

Werden Sie mit Ihrem Lebenslauf in der Community als Vorbild wahrgenommen?
Viele der Frauen finden es toll, was ich mache, und bitten mich um Rat. Das freut mich. Meine Geschichte, vor allem vor meiner Flucht, ist ja wirklich keine Ausnahme, es gibt so viele Irakerinnen mit ähnlichen Erfahrungen. Mit vielen von ihnen bin ich im Austausch. Das ist das Gute an Facebook: dass ich direkt mit den Leuten kommunizieren kann.

Sehen Sie Facebook und andere soziale Medien als eine echte Alternative zu herkömmlichen Medien?
Für mich ist es eine gute Art, zu schreiben. Die Leute, mit denen ich über Facebook in Kontakt bin, würde ich sonst wohl gar nicht erreichen. In einem Land wie dem Irak ist es wichtig, andere Kanäle zu nutzen – weil die offiziellen so stark kontrolliert sind und du nicht schreiben kannst, was du willst. Auf Facebook bist du viel freier.

Gerade als Frau schlägt einem oft Hass entgegen, wenn man sich im Netz politisch äussert. Haben Sie damit auch Erfahrungen gemacht?
Ja, ich werde oft angefeindet, vor allem von Männern. Wenn du offen über Dinge schreibst, über die sich viele nicht zu schreiben trauen, wirst du angegriffen. Aber du wirst auch bekannter. Ich fahre eigentlich ganz gut damit, diese Leute einfach zu ignorieren oder zu blockieren. Sie machen mir keine Angst.

Faten Al-Soud (40) kam vor drei Jahren aus dem Irak in die Schweiz. Ihre Arbeit als Journalistin kann sie wegen ihres N-Ausweises in der Schweiz noch nicht fortführen. Sie engagiert sich ehrenamtlich beim von Migrantinnen gegründeten Onlinemedium lucify.ch.

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