Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Solidaritätsbekundung

Michelle Steinbeck fordert eine Schweigeminute

Von Michelle Steinbeck

Der Sommer ist da!

Und es ist wie in Karen Duves literarischer Prophezeiung «Macht»: Die Klimakatastrophe klopft an die Tür. Das Eis in Grönland schmilzt wie die Raketenglace in der Hand, zwei Milliarden Tonnen zerlaufene Raketenglace pro Tag. Die Permafrostböden sind in diesem Moment bereits so verflossen, wie es Teufel an die Wand rechnende Wissenschaftlerinnen fürs Jahr 2090 vorausgesagt hatten. In Paris wird der Hitzenotstand ausgerufen – gratis Wasserflaschen für Obdachlose und kalte Duschen für die Gilets jaunes. Das letzte Mal, als hier derartige Temperaturen erreicht wurden, quollen die Kühler der Leichenhäuser über. Mehr Apokalypse geht nicht.

Oder doch? Stell dir vor, du wärst zu allem Elend noch ein alter weisser Mann. Die Welt ist ein feindlicher Ort geworden. Denn Duve hatte auch hier recht: Die Frauen kommen an die Macht. Die Strassen sind voll von ihnen: Nimmersatte Hysterien mit aufgerissenen Schlünden, die nach Gerechtigkeit schreien – was wollen die denn noch? Unheimlich sind diese wilden Massen und Furcht einflössend. Denn was sollen sich jene unter Gerechtigkeit vorstellen, für die bisher alles schon gerecht war? Veränderung kann für sie eigentlich nur Ungerechtigkeit bringen. Ist es nicht so: Wenn andere mehr fordern, kriege ich weniger? Oder wie eine viel zitierte Stimme des Internets feststellt: Wenn du Privilegien gewohnt bist, kann sich Gleichberechtigung wie Unterdrückung anfühlen.

Wann ist das überhaupt passiert? Dass plötzlich niemand mehr die Leiden des alten Werthers hören will? Stattdessen überall Frauen, die sich beschweren – worüber überhaupt?

Sogar den Fussball haben sie gekapert! Die Bars gefüllt mit Menschen, die den Fernseher anfeuern: «Bien joué!» Keine Rede mehr vom Frauenfussball, der qualitativ einfach meilenweit entfernt ist vom normalen Fussball – das ist die neue Normalität: Close-up auf eine jubelnde Spielerin – und Mann! –, die Haarbänder stehen ihnen auch einfach besser als Totti und Co. Alles müssen sie kopieren; selbst wenn sie verlieren, weinen sie wie Männer. Und als ob nach neunzig Minuten nicht genug wäre, diskutieren nach dem Schlusspfiff im Studio zwei Expertinnen – ja wirklich, auch hier Frauen – das Spiel und tun, als wäre ihnen dieses ganze Offside-Männerwissen total natürlich angeboren. Verkehrte Welt! Auch der alternde Kulturmann fühlt sich fremd. Nicht mal in seinem Lieblingsclub fühlt er sich mehr daheim: Auf der Bühne plötzlich lauter All-Females-Bands mit Namen wie «The She’s». Und so wie die aussehen, rasieren sie sich womöglich nicht mal die Beine sauber.

Wer genau schaut und glasklar analysiert, muss sich also eingestehen: Es ist wohl wahr. Was der intellektuelle Wortführer der Schweiz des Wahnsinns in seinem letzten Essay in der Fachzeitschrift «Blick» suggerierte: Alte weisse Männer sind die neue diskriminierte Minderheit. An dieser Stelle eine Schweigeminute für die Opfer des überbordenden Feminismus. Wie manche Philosophinnen von den Dächern krähen (ja, selbst in dieser Männerdomäne haben sie sich eingenistet!), haben wir das Patriarchat eh bereits überwunden. Aber, alte weisse Männer, ihr müsst euch nicht sorgen. Sobald Ihr offiziell eine geschützte Minorität seid, gibt es Sympathie und Solidarität gratis zum Gleichstellungsartikel dazu.

Michelle Steinbeck ist Autorin. Mit dem Autorinnenkollektiv Rauf mischt sie gerade den Literaturkanon auf.

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