Nr. 26/2019 vom 27.06.2019

Schwitzen im Restjuni

Ruedi Widmer über Gössi, Gauck und Schwan

Von Ruedi Widmer

Das nur mit Hörrohr und absoluter Bettruhe knapp wahrnehmbare mediale Aufpiepsen in Sachen Rechtsterror und Mord an Walter Lübcke (CDU, Regierungspräsident des Bezirks Kassel) ist erstaunlich. Um wirklich die Berichterstattungspflicht zu erfüllen, brauchen die Medien mindestens einen Satz Ausländer und unbedingt ein Kantholz. Die Kritik des reinen Nazimordes kommt wohl auch deshalb so spät, weil sich zuerst der Verfassungsschutz und der Exbundespräsident Gauck vom Mittatort zurückziehen mussten. Diese beiden Instanzen empfehlen ja, endlich den Schritt auf die Nazis hin zu vollziehen, denn an Letzteren führt aus ihrer Sicht nichts mehr vorbei (immerhin sehen sie als CDUler den maroden Zustand ihrer eigenen Partei besser als Aussenstehende). Für den devoten Kniefall vor den heiligen Neonazis und ihrer Alternativpartei lässt man in der Christdemokratie auch mal die eigenen Parteimitglieder im (Kugel-)Regen stehen. Das gesunde Volksempfinden steht eben über dem Grundgesetz, und es wird auf der Facebook-Präsenz der in Zürich erscheinenden «Neuen Zwickauer Zeitung» (NZZ) ausschweifend zelebriert.

Durch die kurzzeitig kolportierte, aber wieder dementierte Verbindung zwischen dem Mörder von Lübcke und der Neonazi-Kampftruppe «Combat 18» gelangten Fotos von deren sturmbekappten Kämpfern in die Wochenendmedien. «18», der Code für «Adolf Hitler», liest sich in der gotischen Schrift übrigens gleich wie «IS». Das ist die beste und vernünftigste Verschwörungstheorie aller Zeiten, weil sie einen Wahrheitsgehalt von genau hundert Prozent besitzt.

Zurück in die Schweiz. Petra Gössi konnte an der Delegiertenversammlung ihre FDP vollends in eine türkisliberale Umweltschutztruppe überführen. Die Delegierten sind ihrem Kurs gefolgt. Doch so einfach geht der Umbau von der Systempartei zur Sympathiepartei nicht. Der Rücktritt des bei diesen hohen Temperaturen so dringend ersehnten FDP-Vizes Wasserfallen zeigt die Entfremdung zwischen der Staatsgründerpartei und dem völlig überhitzten Volkskörper.

Im Nachgang zum Frauenstreik tut sich Erstaunliches. Immer mehr Politiker und Wirtschaftsführer wollen endlich etwas ändern. Severin Schwan, CEO des Pharmagiganten Roche, lanciert die 1 : 257-Initiative, wonach der Chef jeder Firma (wie Schwan selber) nur noch 257-mal mehr verdienen darf als die am wenigsten verdienende Arbeitnehmerin im Konzern.

Der korrupte Ministerpräsident Tschetschechiens … äh … Tschechiens, Babis, ist mit Grossdemonstrationen gegen ihn beschäftigt. Auch Techriese Facebook überspannt den Bogen. Die Firma sucht neue Betätigungsfelder wie zum Beispiel eine neue Währung, obwohl oder gerade weil sie mit dem Mediensterben konfrontiert ist. Wenn nämlich Facebook bei Schönwetter nur noch so wenig Lesende hat wie letzten Sonntagnachmittag, 23. Juni 2019, wird die Erscheinung des einst beliebten sozialen Dienstes in Bälde eingestellt. Die Klickrate auf meiner Facebook-Seite war auf dem tiefsten Stand seit 1618. Der ehemalige McDonald’s-Österreich-Manager Harald Sükar warnt, man solle nicht mal ausnahmsweise in den McDonald’s gehen, sondern überhaupt nicht. Dass dem so ist, hätte ich dem dreizehn Jahre für die Fastfoodkette arbeitenden Mann bereits dreizehn Jahre früher sagen können. Schon verrückt: Nur weil man die Telefonnummern voneinander nicht kennt, gehen Menschen jahrelang auf völligen Irrwegen. Ich werde nun die Telefonnummern aller Wirtschaftsleute aufnehmen (bitte melden, danke), damit ich sie rechtzeitig warnen kann.

Für den Restjuni gilt Hitzewarnung. Die körperliche und auch geistige Anstrengung sollte aufs Minimum reduziert werden. Bitte diese Kolumne nicht mehr weiterlesen, um die Kraft der Augenmuskulatur für die weiteren Artikel dieser WOZ aufheben zu können.

Ruedi Widmer bleibt, sofern die Vierzig-Grad-Marke diese Woche nicht überstiegen wird, Cartoonist in Winterthur.

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