Nr. 28/2019 vom 11.07.2019

Arielle, die Arierin

Von Florian Keller

Und wieder mal ein Shitstorm, es ist ja so ermüdend. Was ist diesmal passiert? Der Unterhaltungskonzern Disney will seinen Klassiker «Arielle, die Meerjungfrau» neu verfilmen und hat bekannt gegeben, wer in dem Spielfilm die Titelrolle spielen soll: Halle Bailey, afroamerikanisches Popsternchen. Und so geifern sie jetzt wieder in den sozialen Medien, weil diese Darstellerin angeblich die «falsche» Haut- und Haarfarbe für die Rolle habe. Hans Christian Andersen, ihr Erfinder, sei schliesslich Däne gewesen. Ach ja, und Walt Disneys Muttersprache war Dänisch, oder?

Sehr armselig, das alles. Und absurd auf so vielen Ebenen. Einmal abgesehen davon, dass es kaum eine literarische Gattung gibt, die kulturell so fluide ist wie das Märchen: Da haben wir also eine hybride Fantasiegestalt, halb Fisch, halb Frau – aber wenn dieses Zwitterwesen für den Weltmarkt disneyfiziert wird, beharrt eine ganze Armada von Disney-Fans und/oder Trollen auf ethnischen Kategorien und will diese Figur gefälligst auf germanische Reinheit gepolt sehen: Arielle, die Arierin.

Was diese Trolle auch nicht kapieren wollen, ist die nackte Marktlogik, die hier spielt. Ein Konzern wie Disney besetzt eine Rolle wie die Meerjungfrau ja nicht deshalb mit einer Afroamerikanerin, weil man Diversity eine gute Sache findet. Gut, ein bisschen vielleicht schon auch, aber in erster Linie geschieht das einfach deshalb, weil es einen riesigen Markt dafür gibt, will heissen: ein Publikum.

Und das wiederum ist auch ein Elend. Klar, Repräsentationspolitik ist wichtig, aber die zynische Logik hinter solchem Recycling macht ja auch nicht wirklich froh. Die Frauen dürfen sich jetzt über weibliche «Ghostbusters» freuen, People of Color über eine afroamerikanische Arielle: Sehr bequem, wenn man für die, die früher unterrepräsentiert waren, einfach dieselben alten Kassenschlager nochmals aufwärmt.

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