Nr. 21/2022 vom 26.05.2022

Im Land der geraubten Kinder

Erwachen im Zauberwald: Die französische Künstlerin Elene Usdin und ihre fantastische Graphic Novel über das Trauma der First Nations in Kanada.

Von Florian KellerMail an Autor:in

Das Küssen, so geht die Sage, wurde einst erfunden, um die Gewalt in der Gemeinschaft zu zähmen. Das war nötig geworden, weil eines Tages diese furchterregenden Kinder zur Welt kamen, die schon bei Geburt scharfe Zähne trugen und sich überall festbissen. Denn als sie grösser wurden, gefährdeten diese rabiaten Kinder das Gemeinwohl, und so dachte man sich Rituale aus, um ihre Aggressionen zu zügeln. Wie eben das Spiel des Küssens, bei dem sie lernen sollten, ihre Triebe zu beherrschen: Wer zuerst zubeisst, hat verloren.

Von der gefährlichen Nähe von Küssen und Beissen wusste schon Penthesilea im gleichnamigen Stück von Heinrich von Kleist: «Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.» Hier aber sind wir nicht bei der Königin der Amazonen aus der griechischen Sagenwelt, sondern bei den First Nations in Kanada. «René:e aux bois dormants» heisst dieses berauschende Buch, das einmal ganz beiläufig diesen Gründungsmythos über den Ursprung der Zärtlichkeit streift. Der Kuss als zivilisierendes Ritual, als Spiel, um die Aggression einzudämmen: Ist das überlieferte Folklore oder frei erfunden?

«Das habe ich erfunden», sagt die französische Autorin und Künstlerin Elene Usdin, die sich bei der Arbeit an ihrer Graphic Novel ganz von den Bildwelten ihrer Träume leiten liess, wie sie sagt. Dennoch beruht manches in ihrem Buch sehr wohl auf Recherchen, gerade auch die fluide Identität der Titelfigur.

Wo ist mein Schnäbi?

«Seltsam», sagt dieses Kind einmal, als es schlaftrunken aus einer ungeheuer fleischigen Traumwelt auftaucht, einem pulsierenden, tropfenden Dschungel aus Pilzen und Blüten und Vulven. Dann schaut es staunend an sich herab: «Et où est mon zizi?» Und wo ist mein Schnäbi, wieso ist es plötzlich verschwunden?

In ihrer Selbstporträtserie «Blondes» posiert Elene Usdin auch als Andy Warhol und … Foto: Elene Usdin

Zu Beginn des Buchs, das bislang nur auf Französisch erschienen ist, heisst das Kind noch René und fühlt sich irgendwie heimatlos. Verloren in dieser namenlosen Grossstadt, die ihm vorkommt wie ein riesiges Taschentuch, in dessen Falten es verschwindet; verloren auch daheim bei seiner alleinerziehenden Mutter, bei der sich der Bub nicht wirklich zu Hause fühlt. Hier kommt ihm dann auch sein geliebtes Kuscheltier abhanden, ein Stoffkaninchen – und auf der Suche danach taucht René, wie einst Alice in ihrem Wunderland, in eine abgründige, metamorphe Parallelwelt ein. Bloss dass René nicht wie Alice im Reich des Nonsens landet, sondern von einem totemähnlichen roten Riesen durch eine sagenhafte Raumzeit getragen wird. Dieser berichtet ihm von den Anfängen der Menschen und von einem monströsen Geschöpf der Nacht, dem die Grossstadt mit ihren Lichtern irgendwann den Lebensraum geraubt hatte. Oder auch von zarten Luftgeistern, die wir gar nicht mehr kennen, weil sie einst schändlich massakriert wurden.

So taumelt der kleine René durch einen Strudel farbenprächtiger Bildwelten, in denen sich Geschichten aus alter Zeit auffalten. Bevölkert ist dieser psychedelische Kosmos von allerhand Fabelwesen, wobei man diesen oft nicht gleich ansieht, ob sie gutmütig sind oder eher nicht. Überhaupt ist alles auf dieser Reise in steter Verwandlung, nicht zuletzt René oder Renée selber. Der Bub wird zum Mädchen wird zur Katze wird später gar zum Baum, als dem Kind plötzlich Äste aus dem Kopf und Blätter aus den Augen spriessen.

Und das ist erst eine Ebene in diesem betörenden, verstörenden Buch der wuchernden Bilder. Zwischendurch, in graustichigen Zeichnungen wie hinter einem Nebelschleier, liegt ein Vater im Sterben, während ein junger Mann verzweifelt versucht, ihn nochmals ins Leben zurückzurufen. Aber wenn das sein erwachsener Sohn ist, wie es den Anschein hat, weshalb heisst er dann Judith?

Die Spuren verwischen

Wie hier ganz beiläufig der heteronormative Blick auf die Geschlechter ausgehebelt wird: Das findet man auch in früheren Arbeiten von Elene Usdin. Etwa in «Blondes», einer Reihe von Selbstporträts, mit der sie vor ein paar Jahren angefangen hat. «Damals hörte ich auf, meine Haare zu färben, weil es mir einfach zu mühsam war», erzählt sie. Und da sei ihr klar geworden: «Wäre ich ein Mann, dann wären meine grauen Haare gar kein Thema.» Für die Fotoserie schlüpft sie also in die Rollen ausgesuchter wichtiger Männer, die sie ungeniert auf ihr ikonisches Äusseres reduziert – und zwar in erster Linie auf Frisur und Haarfarbe. Von Albert Einstein über Karl Lagerfeld bis Kurt Cobain: Usdin dreht den männlichen Blick um, indem sie diese berühmten Männer zu Blondinen «degradiert». Im Original sind die meisten dieser «Blondes» auch gar nicht blond, sondern sie tragen Grau oder Weiss, die Haarfarben des männlichen Geniekults. Die Kleider, die die Künstlerin dazu trägt, hat sie aus Papier und Karton den Originalen nachgebildet, so sehen alle diese wichtigen Männer wie Attrappen aus. Es ist eine lustvolle Travestie, die Männlichkeit als Maskerade kenntlich macht.

Wer versucht, sich im Werk von Elene Usdin einen Überblick zu verschaffen, kommt sich bald selber vor wie René:e im Zauberwald. Man findet viel Hochglanzfotografie in ihrem Portfolio, oft mit einem Hang zu surrealistischen Arrangements: Models oder die Künstlerin selbst mit Lampenschirm auf dem Kopf, absurd verschnürt am Boden liegend oder auch eingelagert zwischen einem ganzen Stapel von Matratzen. («The ‹Mockification› of Objectivization» hat das eine Kunstkritikerin genannt: Bilder, die sich über die Degradierung der Frau zum Objekt lustig machen.) Man findet, seit der Pandemie, auch eine Serie mit fantastischen Strickmasken: irrwitzig elaboriert, aber medizinisch völlig unbrauchbar, weil eben aus bunter Wolle gestrickt – ein wahres Bestiarium pandemischer Fabelwesen.

Und dann schlägt Elene Usdin noch einmal ein ganz neues Kapitel auf und debütiert im Herbst 2021, mit fünfzig Jahren, als Comicautorin, mit diesem Prachtsbuch. In der frankofonen Comicwelt rieb man sich verblüfft die Augen. Es gab Auszeichnungen für das Buch, hymnische Besprechungen – und dann rieb man sich nochmals die Augen, als Elene Usdin trotzdem nicht nach Angoulême ans bedeutendste Comicfestival Europas eingeladen wurde. Wer also ist diese künstlerische Gestaltwandlerin, in deren Werk man sich so leicht verliert wie in einem verspiegelten Wunderland?

 … als Samuel Beckett. Mit ikonischen Frisuren und Kleidern aus Papier mokiert sie sich über den männlichen Geniekult. Foto: Elene Usdin

«Ich neige offenbar dazu, meine Fährten zu verwischen», sagt Elene Usdin. Auf dass ihr bloss niemand auf die Spur kommt? Nicht unbedingt, das scheint bei ihr weder Kalkül noch Koketterie zu sein: «Von aussen mag es etwas verwirrend wirken, weil das, was ich mache, in alle Richtungen geht. Aber es ist mir einfach immer schwergefallen, mich auf etwas festzulegen.» Dabei gibt es durchaus wiederkehrende Themen und Motive, die sich durch ihre Arbeiten ziehen, quer durch die Disziplinen. Es sind dieselben Themen, die nun auch «René:e aux bois dormants» prägen: Traum und Verwandlung, Verlust von Kontrolle, die Suche nach Identität. Dass sie immer wieder die Domäne gewechselt habe, sei aber auch eine zweischneidige Sache, sagt sie. «Vor allem in Frankreich können die Leute schlecht damit umgehen, wenn sich jemand nicht auf ein bestimmtes Gebiet beschränken mag. Aber sobald ich merke, dass sich etwas Mechanisches in meine Arbeit einschleicht, bekomme ich Mühe. Weil es dann nicht mehr darum geht, etwas zu entdecken. Dann fehlt mir die Neugier, und mir vergeht die Lust.»

Raus aus dem Kopf

Geboren ist sie in Paris, wo sie Grafikdesign an der Hochschule für angewandte Kunst studierte. Aber danach arbeitet sie erst mal nicht im erlernten Beruf. Über eine Freundin bei der Zeitschrift «Elle» konnte sie dort als Illustratorin anfangen, bald darauf landete sie als Ausstatterin bei den Filmen von Leos Carax, angefangen bei «Pola X» (1999). Später arbeitete sie lange als Fotografin. Das alles habe sich von einer Begegnung zur anderen ergeben, eine Verkettung glücklicher Zufälle: «Nichts davon war kalkuliert. Die Fotografie bot mir die Gelegenheit, zu reisen, viele Menschen zu treffen und mit einem Team zu arbeiten. Ich wollte raus damals, raus aus meinem Kopf.» In dieser Zeit habe sie gar nicht mehr gezeichnet, fast fünfzehn Jahre lang. Und dann, vor einigen Jahren, ging sie den umgekehrten Weg: zurück zur Introspektion, zur freien Arbeit. Zurück auch zu einem alten Herzensprojekt.

Zwar hatte sie einst schon Kinderbücher illustriert, aber das waren Auftragsarbeiten, auf die sie als alleinerziehende Mutter lange Zeit angewiesen war. «René:e aux bois dormants» ist also nicht ihr erstes Buch, aber es ist ihr erstes als selbstständige Autorin. Die Hauptfiguren hatte sie alle schon vor rund zwanzig Jahren entwickelt – und dann beiseitegelegt. Anfangs schwebte ihr eine ökologische Fabel vor, inspiriert von den Filmen von Hayao Miyazaki. Doch dann schob sich eine andere, sehr reale Geschichte dazwischen. 2017 begleitete Elene Usdin ihren damals achtzehnjährigen Sohn, als dieser für sein Studium nach Kanada ging. Dort, in Montréal, hörte sie im Radio erstmals von den Zwangsadoptionen von Kindern der First Nations in Kanada – und die Selbstfindung ihrer Hauptfigur nahm eine neue Richtung.

Der Staat als Raubvogel

Es war eine Form von organisiertem Verbrechen: ein staatliches Kindsentführungsprogramm, das sich bis weit in die 1980er Jahre zog. Über Jahrzehnte wurden Abertausende von indigenen Kindern in Kanada ihren Familien entrissen. Man verfrachtete sie zu weissen Adoptivfamilien oder steckte sie in christliche Internatsschulen, wo sie nur noch Englisch oder Französisch sprechen durften. Erst 2008 wurde eine Wahrheits- und Versöhnungskommission eingesetzt, um dieses dunkle Kapitel der kanadischen Geschichte offiziell aufzuarbeiten. Doch vieles liegt weiterhin im Dunkeln. Die Wunden dieser brutalen Assimilierungspolitik brachen zuletzt im Frühjahr 2021 wieder auf, als auf dem Gelände einstiger Internate zwei Massengräber mit gegen tausend Leichen indigener Kinder gefunden wurden. Die Zwangsadoptionen wiederum sind unter dem Begriff «Sixties Scoop» bekannt geworden. Schätzungen gehen von 20 000 indigenen Kindern aus, die auf diese Weise ihrer Sprache, ihrer Kultur und ihrer Gemeinschaft beraubt wurden.

Das ist der historische Hintergrund für die Traumreise in «René:e aux bois dormants». Denn auch die Titelfigur in diesem Buch, so merkt man mit der Zeit, ist so ein entwurzeltes Kind. Auf seiner Reise durch Raum und Zeit wird es immer wieder von fiesen, menschengrossen Vögeln heimgesucht. «Wenn man sich eine alte Kultur vorstellt, waren die frühesten Räuber wilde Tiere», sagt Elene Usdin. So sei sie auf das Bild mit diesem riesigen Raubvogel gekommen, der die Kinder entführt. Er steht für das eigentliche Raubtier in dieser Geschichte: den kanadischen Staat, der sich das Recht herausnahm, die Kinder ihren Familien zu entreissen.

René:e, der Vater im Sterbebett und dessen erwachsener Sohn namens Judith: Wie alle diese Figuren zueinander stehen, das zeigt sich erst nach und nach in diesem albtraumhaft verschlungenen Buch – auch, was es mit ihren teils wechselhaften oder hybriden Geschlechtern auf sich hat. Die Vorstellung, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt, war in Nordamerika bei fast allen indigenen Völkern verbreitet, bevor die Kolonisatoren einmarschierten, die aus Europa auch ihre binären Geschlechternormen mitbrachten und gewaltsam durchsetzten. Seit einiger Zeit wird dieses lange unterdrückte Wissen um ein drittes Geschlecht wieder neu belebt. In Anlehnung an frühere Vorstellungen haben indigene Aktivist:innen dafür das Wort «Two-Spirit» geprägt, als Sammelbegriff für Angehörige der First Nations, die weder Frau noch Mann sind.

Elene Usdin hat als Kind einst selber anderthalb Jahre in Québec gelebt, aber einen biografischen Bezug zu den First Nations hat sie nicht. Kulturelle Aneignung? Diese Frage sei ihr durchaus bewusst gewesen, sagt sie. Aber entsprechende Vorwürfe, gegen die sie sich hätte verteidigen müssen, habe es nicht gegeben: «Ich hatte auch nie den Anspruch, mich zu einer Stimme der First Nations zu machen.» Wenn sie anfangs verunsichert war, dann hatte das eher andere Gründe. Sie erwähnt eine weisse Freundin aus Kanada, der sie einst von ihrem Vorhaben erzählte und die alles abstritt: «Sie sagte, das sei doch alles gar nicht wahr, solche Zwangsadoptionen habe es nie gegeben. Aber seither ist wieder so viel Schreckliches ans Licht gekommen. Bei vielen Leuten in Québec ist es so, dass ihnen das Ausmass dieser Geschichte erst mit den Massengräbern, die letztes Jahr gefunden wurden, so richtig bewusst geworden ist.»

Im Garten der Lust

Den Landraub in Kanada und die gewaltsame Entwurzelung indigener Kinder hat zuletzt schon der US-Zeichner Joe Sacco thematisiert, in seiner preisgekrönten Graphic Novel «Wir gehören dem Land» (2020). Doch wo der Meister der dokumentarischen Comicreportage wie ein Journalist vorgeht, spiegelt Usdin das reale Trauma in den fantastischen Dimensionen eines Kunstmärchens. Die Auseinandersetzung mit der traumatischen Geschichte entwickelt sich wie ein spiritueller Trip – manchmal beängstigend, dann wieder bezaubernd, oft beides zugleich. Keine Seite sieht aus wie die andere, die Panels kennen kein bestimmtes Raster, sie folgen nur der fortwährenden Verwandlung der Bilder, zwischen Blutbad und Offenbarung, zwischen Angst und Verzückung. Da verendet eine Figur in einer Wolke aus schwarzer Tinte, dann wieder versinken wir mit René:e in einem pulsierenden Garten der Lust. Dabei ist diese ekstatische Selbstfindung letztlich doch geerdet in einer Geschichte von Trauer und Versöhnung mit dem eigenen Leben.

Immer wieder geistern auch sonderbare Fabelwesen herum, etwa ein verschlafenes, grotesk verfettetes Glühwürmchen als leuchtgelbes Orakel. Und auch wenn der Titel auf den französischen Namen für das «Dornröschen» anspielt und man wegen des Kaninchens zu Beginn schnell einmal an «Alice im Wunderland» denkt: Das sind nur zwei von unzähligen kulturellen Referenzen, die Elene Usdin hier weiterspinnt. Ihre Fäden reichen viel weiter, sie stammen aus allen erdenklichen Weltgegenden. «René:e aux bois dormants» ist inspiriert von russischen Volksmärchen, von Ovids Metamorphosen und von Legenden indigener Kulturen, aber auch vom psychedelischen Kino des chilenischen Surrealisten Alejandro Jodorowsky. Die Aneignung, wenn man so will, verläuft hier sehr organisch und über alle Grenzen hinweg.

Die Welt der Märchen sieht Elene Usdin als riesiges kollektives Unbewusstes, in dem sich die Motive wie Echos durch die Kulturen ziehen – das sei es doch, was uns ausmache, was uns über alle Differenzen hinweg verbinde. Wenn man ihr so zuhört, sieht man die Menschheit vor sich wie ein riesiges, kulturelles Myzel, an unsichtbaren Fäden über weite Strecken verbunden. Sie selber beschreibt ihr Buch denn auch als eine Art schamanistische Vision im Geist des Animismus, wonach alles auf diesem Planeten belebt ist: «Diesen animistischen Bezug zur Erde haben wir in unserer westlichen, kapitalistischen Zivilisation verloren – und heute sehen wir allmählich die Konsequenzen.»

Entstanden ist das Buch in Québec und auf längeren Reisen zwischen Kanada und Mexiko. Sie wird das auch weiterhin so machen. Elene Usdin bleibt bei der Graphic Novel, aber ihre Entdeckungen will sie diesmal nicht alleine machen: Beim nächsten Buch arbeitet sie mit ihrem Sohn zusammen. Bloss nicht die Neugier verlieren.

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