Nr. 28/2019 vom 11.07.2019

Ein Sommertag

Michelle Steinbeck über ihr Leben als Autorin

Von Michelle Steinbeck

Müde, die ganze Nacht sind mir Fliegen um die Ohren gekurvt. Mit dem Sommer kommt die Plage, das passiert jedes Jahr, sagt die Mitbewohnerin, eine eingerollte WOZ schlagbereit in der Hand. Sie weiss auch, wer Schuld hat: Nachbar Bell und sein Schlachthof. Erst flitzen die flinken Viecher über blutige Kälberkörper, dann krabbeln sie uns zum Küchenfenster rein und mir übers Nachtcremegesicht, bis der Morgen klingelt.

Ich stehe auf und ziehe einen Rock an, obwohl ich später eine Lesung habe. Das tue ich sonst nie, aber es ist drückend warm; ich habe Lust auf freie Beine. Das muss doch möglich sein, 2019, schliesslich lese ich nicht gross anders in Hosen.

Mit dem Velo fahr ich zum Bahnhof, halte ein paar Hundert Meter die Luft an, pflüge durch die dicke, süssliche Wurstluft, die der Fabrik entströmt. Lucia Berlin wohnte in New York über einer Schinkenräucherei; so was macht sich gut in einer Biografie.

Im Zug telefoniert der Typ hinter mir kryptisch mit Untergebenen: «Ich weiss nicht, ob wir das brauchen: Schneewittchen.» Höchst verdächtig, er wird lauter, jemand untergräbt seine Autorität. Gefährlich ruhig droht er: «Vielleicht brauchen wir gar keine Strohhalme.» Mir ist klar, was das bedeutet: Strohmänner, er will sie verfeuern! «Das müssen wir dann halt plausibel erklären; die Strohhalme sind weg. Kleine Schritte», sagt er bedeutungsschwanger, «sind viel sinnvoller als grosse Schritte.» Meine detektivische Ader schwillt enttäuscht ab – er spricht tatsächlich von Röhrli und Greenwashing, dass er natürlich nicht wirklich was in seinem Unternehmen verändern will und schon gar nicht die Welt retten.

Am Veranstaltungsort angekommen, bereue ich die nackten Knie sofort. Alles, was folgt, ist demütigend. Vielleicht liegt es an der Moderatorin, die vor meinem Auftritt in einer perfid ausgedehnten Rede elaboriert darlegt, wie jung und mittelmässig ich sei. Aber wahrscheinlich ist es einzig die Schuld vom Rock. Das erklärt mir dann auch ein anwesender Autorenkollege: Er wisse, was das Problem gewesen sei: Ich sei schlicht zu schön, und das stehe mir im Weg.

Zum Glück nicht beim Rückweg – zwei Alte lassen mich in ihr Abteil. Die eine palavert ohne Pause, die andere verschanzt sich hinter einer Boulevardzeitschrift. Da enthüllt ihr die erste, wie abartig diese Hefte seien, dass man darin lesen könne, wann «der Clooney heute Morgen geschifft hat und gekackt und ob es noch weich war oder ganz hart». Die andere zeigt sich entsetzt und fasst das Heft nicht mehr an. Die erste studiert indes umso interessierter die Titelseite. Bald plagiert sie mit halb nackten Frauen, die sich beschweren, dass sie vergewaltigt würden, dabei «trieben sie es in der Nacht davor acht Mal mit einem anderen».

Unersättlich, ich fühl mich angesprochen, hole einen alten Apfel vom letzten Semester aus dem Unirucksack. Ich bewundere ihn, wie er ewig hält und selbst noch geniessbar ist, wenn ganz verrunzelt. Die Frauen schauen mich begeistert an. Die Redselige zieht einen genauso schrumpligen Apfel aus ihrer Tasche, streckt ihn triumphierend hoch und mir entgegen, mit dem Finger auf die braunen Stellen zeigend.

Ich nicke aufmunternd. Zu Hause werde ich meinen Kopf in einen Eimer mit kaltem Wasser stellen, um meinen Geist zu beruhigen, wie Friedrich Nietzsche sagt.

Michelle Steinbeck ist Autorin. Zuletzt erschien bei Voland & Quist ihr Lyrikband «Eingesperrte Vögel singen mehr».

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