Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Das Geheimnis der Tulpen

Michelle Steinbeck ist immer noch in eigenartiger Stimmung

Von Michelle Steinbeck

Unheimlich bin ich heute erwacht.

Es geht nicht mit rechten Dingen zu.

In meinem Kaffee macht die Milch seltsame Muster. Wie eine Detonation in Zeitlupe wallt sie vom Boden der Tasse hoch an die Oberfläche, und es entstehen Gesichter. Sie sehen nicht nett aus.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich überfestet bin. Der letzte Monat meiner Wohnung vor dem Abriss hat begonnen. Es klingelt ununterbrochen, alle wollen noch einen legendären letzten Chill hier. Ich liebe Gäste. Diese Müdigkeit, wenn jeder Schirm zu einem Hund wird.

Dazu schreibe ich an diesem Kriminalstück, das auf einem wahren, ungelösten Fall beruht. Ein Grossbrand, ein Toter, tausend Gerüchte. Es riecht faulig verwest, und ich spüre: Ich bin dem Geheimnis ganz nah. Da liegt seit Jahrzehnten eine sorgfältig verschüttete Ungeheuerlichkeit begraben. Und es scheint, als würde eine mysteriöse Macht nicht wollen, dass ich sie ans Licht bringe.

Seit meiner Arbeit am Fall verbrenne ich mich ständig, am Ofen, am Herd. Der Geist des Verkohlten verfolgt mich in den Keller, und in der Wohnung stehen plötzlich überall violette Tulpen.

Violett, typische Anthroposophinnenfarbe. Gerade jetzt eine solche Tulpeninvasion; es kommt mir vor, als hätten Tulpen in Vasen noch nie dermassen gelebt, sich so ausgebreitet: Die Blätter verschlingen sich zu einem wilden Dschungel, und die Köpfe biegen und werfen sich orgastisch in alle Richtungen.

Plötzlich spüre ich, wie ich nicht allein bin im Raum und wie die Topfpflanzen zueinander reden. Wie die Tulpen schreien im Todeskampf und wie die Palmen und der Gummibaum sie bemitleiden. Und die Tulpen strecken mit aller Kraft die erstickungsglänzenden Köpfe und rufen: «Ihr habt doch keine Ahnung – ihr lebt in einem Topf! Das ist nicht die richtige Welt; draussen, da ist das echte Leben. Wir sind zwar in einem geheizten Zelt aufgewachsen, aber als wir geschnitten und transportiert wurden, sahen wir sie vom Lastwagen aus: die ganze sinnlose Wahrheit.» Die Palme beugt einen Ast zum Fenster hin und kriegt augenblicklich Spliss.

Dann singe ich: «Topfpflanzen, hey, geht spaziern.»

In der Nacht weckt mich ein dumpfer Knall. Ich denke, es ist der Ölofen in der Stube, der wieder ein bisschen explodiert. Der raucht dann wie wahnsinnig und kracht und donnert und spotzt, als wär ein Drachen drin eingesperrt. Also stehe ich auf, um ihn zu besänftigen und uns vor einem sanften Tod im Schlaf durch Giftrauch zu bewahren.

Der Wind hat das Fenster aufgestossen und wirbelt Blättchen vom Gummibaum und Zigarettenpapier und Tabak durch die betäubend schwere Erdölluft. Doch was ist das? Die massive Tulpenvase ist umgefallen, und ihr Wasser ergiesst sich – Scream-Emoji – direkt auf mein Macbook. Violett züngeln die Schlangenköpfe um den erloschenen weissen Apfel. «Du sollst nicht die Wahrheit suchen», flüstern sie, «du darfst dieses Stück nicht schreiben.»

Nach ausgiebigen Trockenübungen und kalten Schweissanfällen leuchtet der Apfel wieder. Ich schreibe also weiter. Die Tulpen tun, als ob nichts wäre. Aber ich sehe genau, wie in einem Blatt eine chinesische Stinkwanze sitzt und mich beobachtet. Wenn ich die Augen fest zusammenkneife, erkenne ich Rudolf Steiner. Was hat das zu bedeuten?

Michelle Steinbeck ist Autorin. Ihr Stück «Der zerbrochene Spiegel» handelt vom mysteriösen Brand des ersten Goetheanums. Es wird am 3. Mai in Dornach uraufgeführt.

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