Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Saubere Hände

Michelle Steinbeck weiss nicht, ob sie hin- oder wegschauen soll

Von Michelle Steinbeck

Die Grossstadt macht uns blind und taub.

Es erschreckt mich nicht mehr, dass ich auf dem Weg ins Kino eingemummte Menschen auf dem nackten Trottoir schlafen sehe. Ach, denke ich vielleicht, arg ungeschützt hier. Ich hoffe bloss, es regnet nicht wieder. Und dass es endlich wärmer wird.

Wenn ich abends aus dem Haus gehe, trudeln sie gerade ein. Entlang des hohen Zauns, der sie von uns trennt, wird eine Festbank aufgestellt, es gibt Suppe. Der Erste liegt schon ausgestreckt an seinem Stammplatz direkt neben dem Tor; ein alter Mann, dem ich im Wachzustand aus dem Weg gehe, seit sich herausgestellt hat, dass er sich gerne mit heruntergelassenen Hosen präsentiert.

Wie sollen wir «en profiter», wie uns ständig enthusiastisch befohlen wird, und unsere «künstlerische Freiheit» nutzen, wenn wir nicht die allgegenwärtige Misere ausblenden? Manche geben sich derart Mühe, ums Verrecken nicht hinzusehen, dass sie über die Decken der Schlafenden stolpern – und einfach weiterlaufen, ohne zurückzusehen.

Mir fallen die schwer bewaffneten Polizisten mittlerweile auch nur noch auf, wenn sie besonders attraktiv sind. Dann schaue ich ihnen nach und sehe genau, wie sie sich mit dem Gewehrlauf am Hintern kratzen. Und auf dem Gerüst der Notre-Dame scheffeln die Bauarbeiter Millionen. Das müssen unersättliche Geldgeier sein, so wie in allen Metrostationen tränendrüsige Werbungen noch immer Spenden für den Aufbau des kirchenförmigen Herzens der französischen Nation fordern.

Wenn ich spät heimkomme, liegen in der überdachten Marmorpassage entlang des Atelierhauses sicher fünfzig farbige Raupen. Die meisten haben als Matratze einen feuchten Karton, einer hat ihn mit Blättern gepolstert. Nicht alle haben Schlafsäcke, verrutschte Decken zeigen bleiche Rücken, nackte Füsse schauen heraus. Ich weiss nicht, ob ich hin- oder wegschauen soll; einer macht sich gerade in der letzten Lücke sein Bett, schüttelt den Schlafsack und wirft ihn aus. Wir schauen uns an. Gut Nacht?

Morgens sind sie weggespült. Die Sonne leuchtet in den gewaschenen Frühlingsbäumen; Männer mit teuren Kopfhörern stehen vor elektrischen Trottinetts, suchen das Lied aus, mit dem sie zur Arbeit fahren wollen, montieren Lippenpomade und surren davon.Einzig der überwältigende Geruch von Pisse, der dich entlang der Passage regelrecht einhüllt, erinnert an die nächtlichen Mitbewohner.

Ich lese «Erschlagt die Armen!» von Shumona Sinha vor einem Café – da klatscht etwas aufs Pflaster. Leute rennen hin, bremsen unschlüssig ab: der bemützte Kopf mit Gesicht voran in den Fugen. Er regt sich nicht. Drei Jogger in Funktionskleidung, eine junge Lockige und ein Segelschuhe-Blusen-Paar in ihren Fünfzigern stehen um den Mann herum. Letztere packen ihn schliesslich unter den Armen, ziehen ihn hoch: «Monsieur!» Sie nehmen sich seiner an, rührend, haken ihn unter, der taumelt, sie schleifen ihn zur Hauptstrasse. Dort windet sich der Alte aus ihrem Griff, er will zurück, er hat etwas verloren. Das Paar schaut ihm nach, wie er sich Schritt für Schritt vortastet, dann stürzen sie zur öffentlichen Toilette. Sie reiben sich die Hände, igittigitt, und hüpfen von einem Fuss auf den andern vor Ungeduld und Seifenlust.

Und er? Findet jedenfalls nicht wieder, was er verloren hat.

Michelle Steinbeck ist Schweizer Autorin, derzeit Stipendiatin an der Cité Internationale des Arts Paris.

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