Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

Eine Freude aus Freiheit, Blumen, Luft

Die Briefe des Schriftstellerpaares S. Corinna Bille und Maurice Chappaz erzählen von der Liebe und vom Alltag im Krieg – und auch von der Rivalität und vom Kampf um ein eigenständiges Werk.

Von Eva Pfister

Die Welt war ihnen nicht günstig gesinnt: Das Paar im Jahr 1942. Foto: Fondation de L'Abbaye

Dass S. Corinna Bille und Maurice Chappaz sogleich wussten, dass sie die Liebe ihres Lebens gefunden hatten, als sie sich am 21. Januar 1942 kennenlernten, mag ein Mythos dieser Beziehung sein. Und doch beweist der Briefwechsel zwischen den beiden, dass sich die Schriftstellerin und der Schriftsteller rasch nahe kamen und sie eine sinnliche Leidenschaft erlebten: «Deine Zärtlichkeit umhüllt Körper und Seele noch immer wie ein Balsam», schreibt die dreissigjährige Corinna Bille ihrem Liebsten am 5. Mai, und ein anderes Mal den einzigartigen Satz, der dem nun erschienenen Buch mit ihren Briefen den Titel gab: «Lieber Maurice, Du bist so ganz und gar wunderbar, dass ich eine Ewigkeit brauchen werde, das Land zu durchwandern, das Du bist.»

Der vier Jahre jüngere Maurice Chappaz zählt ihr am 23. Juni alle Gründe seiner Zuneigung auf, denn «jede Regung, jede Gabe Deines Herzens erfüllt mich mit solcher Freude». Er nennt ihre Weiblichkeit und ihre Poesie, ihre «Wunderwerke, wie dieser lange, von zwei Büscheln Vergissmeinnicht begleitete Brief», und er schliesst: «Liebe Fifon, ich liebe Dich, und was auch geschehen mag, ich will, dass diese Liebe immer schön und wahrhaftig bleibt, und um nichts in der Welt möchte ich Dir auch nur das geringste Leid antun.»

Geheime Beziehung

Die Welt rundherum war der Liebe dieses Paares nicht besonders günstig gesinnt. Im katholischen Wallis der vierziger Jahre mussten sie ihre Beziehung geheim halten, war Bille doch bereits (unglücklich) verheiratet. Die Kirche liess sich jahrelang bitten, bis sie einer Annullierung dieser Ehe zustimmte. Nur zögerlich teilten Bille und Chappaz ihr Glück Freunden und Familienmitgliedern mit. Als im August 1944 das erste Kind geboren wurde, musste Chappaz die Beziehung dann doch auch seinem strengen, ungeliebten Vater mitteilen.

Dass diese Schwierigkeiten den Liebenden Stress und Unglück bescherten, kommt in den Briefen zum Ausdruck – auf der anderen Seite trieb die Geheimhaltung sie in die Natur hinaus, was sie genossen. Eine Freude «aus Freiheit, Blumen, Luft», nennt Corinna Bille einmal ihre Liebe. Sie war eng mit den Landschaften des Wallis verbunden, etwa mit dem urwüchsigen Pfynwald – um dessen Erhaltung das Paar später erfolgreich kämpfte, als er einem Truppenübungsplatz weichen sollte.

Der Briefwechsel, übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Lis Künzli, enthält auf Deutsch nur etwa ein Drittel der Briefe der über tausendseitigen französischen Originalausgabe. Dennoch erzählt er nicht nur die Geschichte dieser besonderen Liebesbeziehung, sondern auch viel vom Alltag in den vierziger Jahren. Chappaz berichtet von seinem Dienst an der Grenze zu Italien und Frankreich, wo er Flüchtlinge zurückweisen musste – und manchmal heimlich durchliess. Corinna Bille, obwohl aus einer gut situierten Familie stammend, sorgte sich um genügend gesunde Nahrung für ihren Säugling und bedankte sich für Milchmarken, für Butter und Rahm, die ihr Chappaz zukommen liess. Einmal schickte er ihr gar eine ganze Gämse – mit Anweisungen, wie sie zerlegt und gepökelt werden müsse.

Freiheit war ein grosses Thema in der Beziehung, beide beanspruchten ihre Unabhängigkeit. Für Corinna Bille als junge Mutter erwies sich der Alltag als weniger beglückend, zumal sie kaum noch Zeit zum Schreiben hatte. Von verletzten Gefühlen ist öfter die Rede, aber immer selbstbewusster kämpfte sie um ihren Freiraum. So wurden die drei Kinder oft von Verwandten betreut, und die Schriftstellerin zog sich an einen anderen Ort zurück – in eines der vielen Chalets, die Maurice Chappaz im Laufe der Zeit erwarb.

Später Durchbruch

Dieser Briefwechsel, das wird im Laufe der Lektüre immer deutlicher, handelt auch von Rivalität. S. Corinna Bille war bereits eine bekannte Autorin, als sich die beiden kennenlernten, Maurice Chappaz erlebte seinen Durchbruch erst später. Seine Einstellung zu ihrem Schaffen wirkt ambivalent. Zu Beginn ihrer Liebesbeziehung, am 11. Juli 1942, schreibt er: «Ich reiss dem Briefträger die Nummer der ‹Abeille› aus der Hand, um zu sehen, ob etwas von Dir drin ist, gut oder schlecht ist mir egal, es ist der Versuch, selbst in einem vielleicht banalen Text dank gewisser Wendungen, gewisser Ausdrücke zu entdecken, wer Du bist.»

Und sieben Jahre später wundert man sich über eine Briefstelle von Corinna Bille, die klingt, als wäre dem Ehemann ihr Schreiben ein Dorn im Auge: «Meine Romanprojekte haben bereits Schiffbruch erlitten. Ich habe es probiert, ein Dutzend Seiten, und das hat nichts ergeben. Die Lust allein reicht nicht, wie für alles andere. Du kannst also beruhigt sein, da Du Dich ja so davor gefürchtet hast, dass ich etwas Neues in Angriff nehme.»

Wie wir wissen, gab S. Corinna Bille trotz aller Schwierigkeiten nicht auf. «Ohne das Schreiben wäre ich tot», sagte sie 1975 in ihrer Dankesrede zum Prix Goncourt de la Nouvelle. Vier Jahre später starb sie; Maurice Chappaz pflegte ihr nachgelassenes Werk hingebungsvoll bis zu seinem Tod.

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