Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

«Wir sind kein Roadtrip durch Bosnien und Herzegowina, wir sind nicht die Blasmusik, zu der man zappelt»

Teilnehmen dürfen und doch nicht dazugehören können: Die Schriftstellerin Ivona Brdjanovic zum subtilen Rassismus in der hiesigen Literatur- und Theaterszene.

Von Ivona Brdjanovic (Text) und Christina Baeriswyl (Illustration)

Ich mag die Menschen nicht, die sich herauswinden wie Regenwürmer.
Ohne Narbe und ohne Schramme. Komödianten.
Agnosco veteris vestigia flammae.
Mit einer Narbe angereichert.
Danilo Kiš

Als Lesende und Schreibende interessiert man sich für die GewinnerInnen der bedeutenden Literaturwettbewerbe. So zum Beispiel für den Bachmann-Preis für unfertige Prosa, den Mülheimer Preis für Theaterautorinnen, den Schweizer und den Deutschen Buchpreis für Romane. Seit der Entstehung dieser Preise strotzt es dort nur so vor deutschen, österreichischen und Schweizer Namen; einzelne Nominierte mit Namen nichtdeutscher Herkunft kommen vor, GewinnerInnen finden sich unter ihnen kaum. Und dabei wären die Förderprogramme, die Schreibschulen und die Jurys in der Position, daran etwas zu ändern. Ich beginne von vorne.

Ich bin eine trotzende Autodidaktin. Das behaupte ich, weil mein Weg zur Autorin aufgrund der Herkunft und des Bildungsstands meiner Eltern kein direkter war. Ich bin nun mal in einer Gastarbeiterfamilie aufgewachsen, die Schwierigkeit erklärt sich von selbst. Als ich am Literaturinstitut in Biel angenommen wurde, begann für mich eine Zeit, in der das Schreiben, die Literatur, das Theater, die Kultur und die Kunst endlich zu einer Alltäglichkeit und etwas Selbstverständlichem werden sollten, während es für meine KommilitonInnen schon immer so war. Die Welt der Schreibenden ist ein unglaublich homogenes Konstrukt, bestimmt von leider sehr einseitigen Denkmustern. Nicht nur die wohlstandsentstellte Lebensrealität, die in den Biografien aufschien, verwirrte mich.

Diese liebevollen Scherze

Als Migrantin aus einem postkommunistischen Land begegnete ich zum ersten Mal meinem Konflikt. Irgendwie ging es darum, an die eigene, durch Zuwanderung vergessene und durch den Krieg zersetzte Identität anzuknüpfen und gleichzeitig mit den westlichen Sichtweisen und deren Reaktionen auf meinen Hintergrund umzugehen. Nicht selten dachte ich, dass ich eher zweifelte, unsicher oder verkrampft war und bin oder mich ärgerte. Da war ein Bild von mir, das dazu führte, dass ich immer ein wenig mit angezogener Handbremse redete und somit auch schrieb. Ich wusste nicht, wie ich mich von diesem Bild distanzieren sollte. Aus Dankbarkeit, dabei sein zu dürfen, fand ich keine Sprache der Selbstverteidigung oder gar des Angriffs.

Man erwartete immer wieder von mir, dass ich über meine Andersartigkeit schreibe, als ob ich einen Mangel an Fremderfahrung befriedigen sollte. Es kamen immer wieder Einwürfe, ob ich nicht über den Krieg schreiben möge, ob ich nicht über das Dort schreiben möge und das Ausländerinsein. Ich jedoch wollte zum Beispiel lieber darüber schreiben, was im Schweizer Schulsystem falsch läuft, gegen Wohlstandskids, die Gewaltbereitschaft in meinen Jugendjahren, welche Bilder man von mir hat oder hatte und manchmal über gescheiterte oder geglückte Beziehungen. Gegen das Hier anschreiben statt ein Fernweh stillen, gegen den subtilen Rassismus, der sich in ebendiesen Kultur- und Bildungskreisen findet und den ich erfahren habe.

Es ist mir unglaublich unangenehm, wenn eine Gruppe sogenannter Jugos an uns vorbeigeht und deren Sprache «imitiert» wird. Es ist mir unwohl, wenn man, nur weil ich angekommen bin in ihrer Welt, meine Eindrücke von Rassismus nicht ernst nimmt. Die Scherze, die seien liebevoll gemeint, wir sind doch alle links, wir KünstlerInnen, wir AutorInnen, wir Theatermenschen, wir sind jetzt Kultur und ganz Bildung, und du gehörst ja dazu, also tu nicht so. Mein Unbehagen kommt auch aus meinem Elternhaus, das weiss ich. Die Unterworfenheit unter unsere «mentalitet» und die hiesige Mentalität.

Während deutschsprachig aufgewachsene Menschen gegen das Hier und Jetzt flippen dürfen, gegen ihr Land, weil es eine intellektuelle und rebellische Auflehnung gegen das System ist, werde ich eher als aggressiv, als Opfer oder verbittert abgetan, wenn ich das tue. Wahrscheinlich, weil ich mit und unter anderem auch gegen ihre Art flippe, nicht nur gegen die Art von hochreaktionären PolitikerInnen oder offensichtlichen Nazis. Gegen den subtilen Rassismus, der in meiner Gegenwart vergessen geht, weil ich irgendwie angekommen bin und ein Teil von ihnen bin. Ich muss Vorbild sein, weil ich es Landsleuten irgendwie schuldig bin, und andererseits darf ich ja nicht undankbar gegen das System schiessen, dank dem ich erst so weit gekommen bin.

Das mentalitätshistorische, das balkaneske, balkanesische, balkanische Narrativ, das kann doch nur das des Identitätsverlusts sein. Wir, die Diaspora, die Zerstreuten, können doch nur an einer Identitätszerstreuung leiden. Dabei ist jede Identität fluid und löst sich nicht auf wie eine Brausetablette. Solche wie ich, wir müssen doch an diesem Stoff leiden. Ich hatte hohe Ansprüche an meine Texte, natürlich standen sie mir biografisch nahe, aber über die Relevanz wollten andere bestimmen, nur weil da diese Herkunft war. Manchmal hatte es etwas von einer Vulgärästhetik und Überidentifikation mit einer Idee, statt dass es um meine tatsächliche Geschichte oder um mich als Künstlerin gegangen wäre, die hier lebt und gerne andere Dinge entlarven möchte.

Die Herkunft muss rein

Für Migrantinnen, für Zugewanderte kann die Theater-, aber auch die Literaturwelt – ich wähle hier bewusst diese beiden Welten, weil in ebendiesen die Sprache weiterhin an allervorderster Stelle steht – enttäuschend sein. Es ist eine vielschichtige Problematik, die ich immer wieder, nicht nur beim Schreiben und durch Institutionen, sondern auch im Austausch mit anderen überwinden muss. Mein Anspruch ist, dass ich durch das Schreiben zu einer Tiefe komme und immer tiefer in ein Thema eintauchen darf, das nicht in illusionäre und klischierte Denkschemata passt.

Ich suche nach einem Realismus, nach einer interkulturellen Darstellung, die meinen Kontrasten entspricht, weil meine kulturelle Identität schon sehr kontrastreich ist. Ausserdem ist es mir wichtig zu versuchen, eine gesellschaftlich relevante und aktuelle Diskussion sowie meine Rolle als Betroffene kreativ zu verarbeiten, jedoch ohne dem Ganzen einen klassischen Migrantenstempel aufzudrücken oder eine andere Art von Bonus auszuspielen, weil von aussen erwünscht. Ich schöpfe meine Ideen aus einer Individualität und individuellem Interesse und nicht explizit aus meiner kulturellen Andersartigkeit.

Das Theater im deutschsprachigen Raum scheint an diese Öffnung kaum zu denken. Sieht man sich an, welche jungen AutorInnen an den Stadttheatern gespielt werden, dann findet sich kaum ein ausländischer Name, und wenn, dann ist ziemlich schnell auch der passende Begriff dazu zu lesen: Bist du Bosnierin, Serbin, Kroatin oder Türkin, steht da garantiert ziemlich schnell im Text zu deinem Stück das Wort «Krieg», «Kultur», «Europa» oder «Rassismus», etwas über deine Herkunft muss zwingend da stehen.

So schrieb die ehemalige Chefdramaturgin des Stadttheaters in Bern zu meinem Stück «Jemandland» für das Spielzeitheft: «Für Ivona Brdjanovic, als Serbin in Bosnien-Herzegowina geboren und mit neun Jahren nach Zürich gekommen, ist Europa und die Frage, wo man hingehört, keine Selbstverständlichkeit. Jemandland behandelt diese Zerrissen- und Verbundenheit zwischen den Kulturen West- und Osteuropas, zwischen Alpen und Balkan.» Ich las den Text und dachte: das Grauen. Abgesehen davon, dass der Text im weiteren Verlauf nicht stimmte, kam vor allem hinzu, dass mein Stück in erster Linie Fragen zum Kapitalismus und zu Bauarbeitermilieus aufwirft. Was hatte das mit meiner Geburt in Bosnien und Herzegowina und der Ethnie meiner Mutter zu tun? Zum Glück störte es Cihan Inan, den aktuellen Intendanten des Stadttheaters Bern, der dafür sensibilisiert ist, und der Text wurde auf der Website geändert. Als würde es diesen Stempel brauchen, sonst ist es ja mässig interessant, sich ein Stück von einer «ic-Person» anzusehen.

Aktion statt Assimilation

Kunstschaffende mit Migrationshintergrund haben eine Verantwortung, man lässt uns aber kaum Raum, diese Verantwortung zu schärfen. Dabei sollten wir einen höheren Stellenwert für unser künstlerisches Arbeiten bekommen und uns zu unseren eigenen Positionierungen äussern dürfen. Dazu gehören die Kritik und der kritische Dialog. Aktion statt Assimilation. Intervention statt Resignation. Mitspielen und mitwirken statt Spielfigürchen sein. Die Eigenschaft von Vorurteilen besteht darin, dass man Menschen damit ganz einfach dazu bringen kann, negative Ansichten und Meinungen gegen die aufzubauen, die nicht der eigenen «Gruppe» angehören. Die simpelste und zugleich auch tiefste Form der Kategorisierung entsteht durch eine Art Diagnostik, ob der andere Mensch so wie man selbst ist. Kleinste Hinweise reichen, um Zerrbilder und Vorurteile im Hinblick auf ein Dazugehören oder ein Nichtdazugehören zu erzeugen.

Diesen Gewaltakt der Kategorisierung werfe ich der Theater- und Literaturwelt in der Schweiz vor. Und diesen Gewaltakt der Kategorisierung nutzen viel zu wenige KünstlerInnen mit Migrationshintergrund, um genau daraus Kunst zu machen. Diese Gewalt ist subtil, es ist keine offensichtliche Gewalt, die alle erfahren, weil die meisten irgendwie doch gegen das Gleiche sind und eigentlich offen und eigentlich sehr links und eigentlich ganz und gar nicht konservativ. Aber sie passiert, die wahnsinnig subtile Zuschreibung und Abgrenzung und somit auch Ausgrenzung.

Das Theater und die Literatur sollten ein Experimentierfeld sein und nicht nur «Fremderfahrung», sie sollten vielmehr einen Fremdblick beinhalten, die gesellschaftliche und kulturelle Differenz darstellen. Gegenüber einer Fremden kann man sich öffnen oder verschliessen. Wobei diese Öffnung, wie sie oft vollzogen wird, einer Vereinnahmung gleicht, einem Übergriff und einer Bevormundung. Die deutschfixierten Erzählungen hierzulande, die das Fremde nun mal nur objektiviert darstellen, nicht weiter als Versuche einer Integrationsleistung. Ich spüre schon fast einen Assimilationszwang, dem sich sehr viele hingeben. Doch wir sind nicht der Resonanzboden einer anderen Identität, wir sind kein Roadtrip durch Bosnien und Herzegowina, wir sind nicht euer Austauschsemester im Osten, wir sind nicht die Blasmusik, zu der man zappelt, wir sind hier.

Ein Beispiel dafür ist Thomas Köck, der auch dieses wie letztes Jahr wieder den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen hat. Ein Hochweisser schreibt, hochweisse Personen spielen, Hochweisse entscheiden, wer gewinnt. Köcks Stück war eine Auftragsarbeit des Schauspiels Leipzig, darin hat er konkrete Geschichten, basierend auf Interviews mit vietnamesischen und vietnamesisch-deutschen Personen, geschrieben. In einem offenen Brief mit der Überschrift «Wir sind mehr als eure Inspiration» zeigen sich nun deutsch-asiatische Kunst- und Kulturschaffende erschüttert. Sie schreiben: «Wenn weisse Menschen die Geschichten von Menschen of colour auf deren Kosten nutzen, am Ende weisse Fantasien bedienen und Profit daraus schlagen, dann halten wir das nicht für auszeichnungswürdig, sondern für die Neuauflage kolonialer Traditionen.»

Gruppenpetting der Selbstüberzeugten

Die Beschäftigung aus einer westeuropäischen Position mit Geschichten oder Menschen ausserhalb der westeuropäischen Herkunft ist ein zentraler Teil dieser Problematik. Und wir sind auch nicht ein «Material», nur weil zu unserer Vergangenheit ein Kriegsgebiet gehört. Zwar kann man das Andere sprechen lassen, indem man zum Beispiel dokumentarisch arbeitet, aber auch dann haben wir einen eurozentrischen Blick. Oder überspitzt gesagt: Wir haben den Abenteurer, den Forscher, den Eroberer, der auf Mission geht (tatsächlich meist männlich), um euch das Fremde näherzubringen. Was eigentlich auch nur wieder eine Selbstfindung ist. Dabei scheint das Interesse für dieses Thema da zu sein, nur erzählt werden soll es aus einer westlichen, gutbürgerlichen Haltung.

Ein anderes Beispiel: Die deutsche Autorin Ronya Othmann, die für den diesjährigen Bachmann-Preis nominiert war, hat natürlich nur den Publikumspreis gewonnen. Es war schliesslich auch der interessanteste Text, die Nachfrage bei den Lesenden ist offensichtlich gross, aber von der Jury gab es keinen Preis für sie. Die Jury repräsentiert den Literaturbetrieb im deutschsprachigen Raum, da, wo sich Österreich, Deutschland und die Schweiz zusammentun, der Publikumspreis erscheint hier fast ein wenig wie der Trostpreis für das Mädchen mit dem Migrationshintergrund. Die Autorin, der von einem Jurymitglied vorgeworfen wurde, sie wolle auf die Tränendrüse drücken.

Man entscheidet sich für den einfachsten Weg, Fremdheit zu überwinden, den bequemen und selbstbefriedigenden, den, der vor allem die eigene Neugier stillt. Während wir im Alltag im Hier und in Wahrheit koexistieren und uns missverstehen. Ich sehe mir die Programme mit jungen Schreibenden an, und es ist eine Aneinanderreihung gutbürgerlicher Individuen, deutsche Namen, schweizerische Namen, österreichische Namen, die sich nie bis selten an dieser Realität reiben. Es ist eine Fehlentwicklung, die sich über Jahrzehnte schön befruchtet hat und damit nicht aufhört. Es ist ein Gruppenpetting der Selbstüberzeugten, die sich gegenseitig loben. In meinen Augen vor allem glatt, harmlos und einseitig.

MigrantInnen müssen nicht zwingend einförmige Beiträge in der Kunst leisten. Wir dürfen auch Randfiguren, die nicht wie Randfiguren handeln, sein. Es ist doch einiges interessanter, wenn wir nicht wie klischierte Sprechblasen, die als Opfer zwischen Situationen hin- und hergeschoben werden, funktionieren. Jede unserer Koexistenzen verfolgt naturgemäss ihre Leitschnur, auch ich in meinem Koexistieren. Aber der Pakt, den ich schliessen mag, ist vielleicht nicht zwingend der, der diesem Standard entspricht, diesem christlichen und humanistisch-rationalisierten Blick auf die Welt. Wir entspringen auch immer unserer eigenen Selbstwirklichkeit. Es fehlt die Sprache der Gewalt, von Irrglauben, Zugehörigkeit, Individualismus und Ausweglosigkeit, es fehlt an Brüchen, an Rissen, an Ungeschliffenem.

Dieser sprachliche Hochglanz steht an erster Stelle, rein und blank, und ist vor allem Kulturbefriedigung des Bestehenden. Es mangelt an einer liebevollen Öffnung, die dezidiert von Schablonen abweicht, dem aktuellen Tempo folgt, den gesellschaftlichen Wandel spürbar macht. Ich wünsche mir, dass AutorInnenschaft ein individuelles Desiderat ist, dass die Positionen interdisziplinärer und interkultureller und zeitgemässer sind. Diese sollen Aktuelles ausforschen, mit den Wissenschaften spielen, mit Anstössigkeiten, Perversion, Queerness, Fragestellungen aufwerfen, die neue Perspektiven eröffnen.

Oder wie es Shermin Langhoff, die Intendantin am Maxim-Gorki-Theater, in einem Interview mit der «Berliner Zeitung» sagte: «Mein Eindruck ist, dass sich viele in Politik und Medien sagen: Gut, dass es diese Multi-Kulti-Truppe gibt. Schön, dass die das am kleinen Gorki machen. Das ist dann aber auch genug.» Was nichts anderes heisst, als dass das, was unsere Gesellschaft ausmacht, in der Welt der Staatstheater nicht stattfindet, sondern in der Peripherie. Wir sollten uns stattdessen irgendwo zwischen dem individuellen Recht auf Freiheiten und der Konfrontation innerhalb eines gesellschaftlichen Kollektivs bewegen. Kunst sollte das Knistern der ersten Risse sein, das man hört, unmittelbar bevor man sein Glas vor Wut gegen eine Wand knallt.

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