Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

Ironie, aber auch tiefer Ernst

Von Jochen Kelter

Ein Prosa schreibender Lyriker hat jüngst geäussert, Romanciers bauten ihre Romane durch die Handlung auf, Lyriker mit der Sprache. Sprache in all ihren Varianten ist auch zentral im Œuvre der in Mailand geborenen, in Bern lebenden Donata Berra.

Die nun auf Italienisch und Deutsch vorliegende Auswahl ihrer Gedichte enthält neben wenigen zum ersten Mal gedruckten Gedichten Texte aus ihren bisher vorliegenden vier Gedichtbänden (von denen der Rezensent in den späten neunziger Jahren zwei ebenfalls zweisprachige für den Waldgut-Verlag übersetzt hat). Ein schmales Werk, das es indessen in sich hat. Keine leicht konsumierbaren Gedichte begegnen uns in dem Band, kein Zugeständnis an eine Postmoderne, in der alles erlaubt ist. Berras Gedichte sind schwierig, erfordern konzentrierte und wiederholte Lektüre und belohnen mit unerwarteten Volten und einer äusserst melodiösen Sprache.

Einerseits prägen Spottgedichte, Sprachspiel, Ironie, aber auch ein tiefer Ernst ihre Poeme: «Dimmelo dammelo ombra di Vico / dammelo molle morbido fico» («Sag’s mir verrat’s mir, Schatten von Vico / gib sie mir, fruchtige, frisch feuchte Feige»), andererseits eine mitteleuropäisch gespeiste Herbheit, etwa im Gedicht «Milano», in dem es zum Schluss einer Reise vom Norden in den Süden heisst: «… e ti riprende / la struggente fierezza, il male austero / di chi Milano sa, la taciturna» («und es packt / dich erneut der verzehrende Stolz, der gestrenge / Schmerz dessen, der Mailand, das schweigsame, kennt.»). Der Kern ihrer Gedichte entwickelt ganz singuläre Sprachbilder, die häufig einer Mythologie, gebrochenen biblischen Szenarien, der Musik oder dem Fundus kollektiver Kulturgeschichte und Erinnerung entstammen.

Der erfahrene Übersetzer Christoph Ferber löst die schwierige Aufgabe der Übertragung souverän, indem er im Zweifelsfall dem Wortlaut des italienischen Originals folgt, anstatt sich auf das Glatteis von originalem Ton und Rhythmus einzulassen, die, so vielleicht seine Überzeugung, allein der Dichterin, dem Original zustehen.

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