Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Ein schmaler Steg über den Ozean

In Lateinamerika werden von jeher herausragende Gedichte geschrieben, doch sie werden immer seltener ins Deutsche übersetzt. Das hat auch mit Übersetzungsprinzipien zu tun.

Von Valentin Schönherr

Tamara Kamenszain: «Von der Sprache Speichelfaden …»; ausgewählt von Valentin Schönherr, abgetippt und fotografisch inszeniert von Andreas Bodmer. Aus: Tamara Kamenszain: «Perdidos en familia / Fremd in der Familie». Aus dem Spanischen von Petra Strien. teamart Verlag. Zürich 2010.

«La lluvia que diez años
crepitó en mi zinc
se estrella en la ventana.
Brotes de agua, lluvia, lluvia
lluvia al fin
y una ventana.»

Der Regen, der zehn Jahre / auf mein Zinkdach knallte / zerstiebt an meinem Fenster. / Wasserknospen, Regen, Regen / Regen endlich / und ein Fenster.

Elfeinhalb Jahre lang sass der 1933 geborene Mauricio Rosencof, ein uruguayischer Dramatiker, Erzähler und Lyriker, während der letzten Militärdiktatur seines Landes (1972–1985) in Isolationshaft. 1985, kurz nach seiner Freilassung, veröffentlichte er eine Reihe Gedichte, darunter «Der Regen». Es ist das Gedicht eines Überlebenden.

Rosencof benennt nicht die eigentlichen Täter, sondern macht den Regen zum Akteur. Mit seinen harten Schlägen auf dem Gefängnisdach steht er für die Schrecken der Haft, aber auch das unwahrscheinliche Glück der Freiheit wird durch den Regen sichtbar. Ja, der Regen, der vorher den Zwecken der Diktatur gedient hatte, wird mitbefreit und kann wieder Knospen treiben. Die knappen Zeilen zeigen Rosencof als einen sprachmächtigen Lyriker: Das Zusammenspiel der Assonanzen in «zinc» und «fin» verweist auf das Ende des Grauens, in dreifacher Steigerung wird «lluvia» zu einem Schrei der Erleichterung – wodurch das am Schluss wiederholte Wort «ventana» einen ganz anderen Klang bekommt, als es noch in der nüchternen dritten Zeile hatte.

In Lateinamerika wurde und wird exzellente Lyrik geschrieben. Übersetzungen ins Deutsche gibt es heute allerdings kaum noch. Die grossen Literaturverlage und ihre Qualitätsreihen – etwa die Bibliothek Suhrkamp oder die Edition Lyrik-Kabinett bei Hanser – üben Verzicht. Mit der Edition Delta (Stuttgart) und dem Teamart-Verlag (Zürich) sind es zwei Kleinstverlage, die regelmässig Übersetzungen herausbringen, pro Jahr etwa ein bis zwei Bände. Andere wie der Rimbaud-Verlag oder Luxbooks bieten immerhin sporadisch etwas. Alles mit grossem Elan und oft in ansprechender Qualität, aber mit marginaler Resonanz in den Medien und Buchgeschäften, sodass es bei niedrigen Auflagen bleibt.

Magie der Silben

Das war nicht immer so. Bis vor wenigen Jahren noch gehörte es hierzulande wie selbstverständlich dazu, Gedichte des Chilenen Pablo Neruda (1904–1973) oder des Nicaraguaners Ernesto Cardenal (geboren 1925) zu lesen. Auch Gabriela Mistral und Octavio Paz konnten einmal als bekannt gelten. Schon etwas weniger Licht fiel auf Nicolás Guillén, César Vallejo oder Alejandra Pizarnik, auf Jorge Luis Borges und Roque Dalton. Aber immerhin, das war schon etwas.

Dennoch wurden viele wichtige AutorInnen bestenfalls in Anthologien aufgenommen oder gar nicht übersetzt. Ramón López Velarde, Leopoldo Lugones, Rosario Castellanos, Efraín Huerta oder Gilberto Owen gehören dazu, alles grosse Namen des 20. Jahrhunderts – ganz zu schweigen von zeitgenössischen LyrikerInnen. Als Nicanor Parra, Nerudas Gegenpol in der chilenischen Lyrik, im April 2012 den Premio Cervantes erhielt, die höchste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, war sein Werk auf Deutsch nicht erhältlich.

Was aber macht es der spanischsprachigen Lyrik in deutscher Übersetzung so schwer? Politische Konjunkturen und kulturelle Moden werden eine wesentliche Rolle spielen – das Interesse an Lateinamerika war in den siebziger und achtziger Jahren generell viel grösser, und der Absatz lateinamerikanischer Lyrik hat davon profitiert. Aber das Problem liegt tiefer: Es hat mit Übersetzbarkeit und Übersetzungsprinzipien zu tun.

Die klassische spanische Lyrik funktioniert nach anderen Spielregeln als die deutsche. Während wir im deutschen Gedicht Hebungen und Senkungen beachten, zählt man in der spanischen Lyrik – wie in der französischen oder der italienischen – die Silben, wobei aneinanderstossende Vokale in der Regel zusammengezogen und als eine Silbe gezählt werden. Die Wortbetonung fällt im Spanischen ohnehin nicht markant aus, sodass die feste Silbenzahl (besonders etabliert sind Sieben-, Acht-, Elf- und Vierzehnsilber) mit unregelmässigen Hebungen einen ganz eigentümlichen Reiz erzeugen kann. Für dieses Klangbild muss in der Übersetzung eine Entsprechung gefunden werden.

Gedanken aufspüren

Da sich die Wirkung von Lyrik aus dem Zusammenspiel von Wortbedeutung (mit ihren Anspielungen und Mehrdeutigkeiten) und Sprachklang (Rhythmus, Reim, lautliche Wortbeziehungen) ergibt, ist es für ÜbersetzerInnen fast unmöglich, allen Aspekten gerecht zu werden. Zwischen zwei Extremen gilt es einen Platz zu finden: auf der einen Seite die Interlinearübersetzung, auf der anderen das, was der Lyriker und Shakespeare-Übersetzer Franz Josef Czernin bezeichnet hat als den «Anspruch, ein Gedicht in ein Gedicht zu übersetzen», also in ein eigenständiges literarisches Werk, dessen Wortlaut von dem des Originals durchaus abweichen darf.

So weit gehen die meisten Übersetzungen nicht; üblich ist der Kompromiss, der dem Ziel verpflichtet ist, das originale Werk zugänglich zu machen. Dennoch stehen alle Übersetzungen vor der Aufgabe, die – wie Czernin es nennt – «Gedanken oder Ideen» aufzuspüren, die von der Gesamtwirkung eines Gedichts wachgerufen werden. Gelänge es, solche Gedanken und Ideen aus einem Originalgedicht herauszulesen und in die Übersetzung hinüberzuverwandeln, dann wäre es geschafft.

Tamara Kamenszain, 1947 in Buenos Aires geboren, deren auf Seite 16 abgedrucktes Gedicht vom Übersetzen handelt, ist da optimistisch:

Por el hilo de saliva el idioma
de uno en la lengua del otro se
traduce. (Para el cultivo afecto es
lluvia y dentro de ese invernadero
empapándose crece la pareja.)
El puente crece, cómplice tendido
a los pies de un pacto que recorre
sobre esa progresión su maridaje
y adelantando tramos de silencio
y en él traduce, fiel, a los que enlaza.
Si ellos firmaron viven en la letra
que el apellido presta a la morada.

Von der Sprache Speichelfaden / des einen in des andren Sprache / man übersetzt. (Fürs Kultivieren der Liebe / ist’s Regen und in diesem Wintergarten / wächst sich bewässernd das Paar.) / Die Brücke wächst, Komplize / zu Füssen eines Pakts, der auf diesem / Wege seine Ehe ewig weiterführt / Strecken des Schweigens voranschickt und / getreu auf ihnen übersetzt, wen sie verbindet. / Leben nach unterzeichnetem Papier / das der Bleibe ihren Namen leiht.

So übersetzt Petra Strien. Der Stoff, der Original und Übersetzung zu verbinden vermag, ist für Kamenszain der Speichel. Unscheinbar ist er, aber allgegenwärtig, aus organischer Substanz, dicht beim Sprechen angesiedelt und mit blossem Intellekt nicht zu kontrollieren – eine wunderbare Metapher. Zumal es nur Liebende sind, die nicht stört, wenn sich ihr Speichel vermischt. Wenn sich also eine Übersetzung auf Liebe zum Gegenüber gründet, kann sie «getreu übersetzen» und eine stabile Brücke errichten.

Kamenszains Zuversicht findet ihre Entsprechung, ihre Spiegelung in der Form. Zeile 1, 5 und 6 und dann durchgehend Zeile 8 bis 12 sind Elfsilber. Für Geübte klingen Elfsilber «richtig», und genau dieser Eindruck soll sich im Verlauf des Gedichts einstellen: Im Fortschreiten der Zeilen gewinnt der Text an Halt, wird also die «Brücke» der Übersetzung halten.

Petra Striens deutsche Version erzeugt diese Wirkung nicht – leider, denn es hätte mit einem immer regelmässiger werdenden Metrum durchaus eine Entsprechung gegeben, es hätte also das Gedicht in ein Gedicht übersetzt werden können. Solche verpassten Gelegenheiten finden sich in jüngeren Lyrikübersetzungen zuhauf. Ein besonders markantes Beispiel lieferte Reinhard Streit, der Alfonsina Storni (1892–1938) übersetzte, eine leicht zugängliche und bis heute ausserordentlich populäre Lyrikerin Argentiniens. Im Original heisst es, wunderbar fliessend:

¡Qué hermosas las sendas
Que no tienen fin! …
¡Qué hermosos los días

Que no tienen noche!

Wie schön sind Wege / ohne Ende! …  Wie schön Tage / ohne Nacht!

Hätte Streit nicht besser übersetzt: «Wie schön sind Tage», um das Metrum zu wahren? Oder er hätte wie im Original auf das Verb verzichten können: Wie schön die Wege / ohne Ende! / Wie schön die Tage / ohne Nacht!

Die geringe Resonanz von Lyrikübersetzungen mag man beklagen. Aber das Problem ist zumindest teilweise hausgemacht. Wenn Gedichtübersetzungen nicht aufgrund sprachlicher Merkmale, sondern nur noch durch den Zeilenumbruch als Gedichte erkennbar sind, dann wird, wer kann, auf das Original ausweichen. Alle anderen, vor allem der Buchhandel und die Literaturkritik, werden die Bücher zur Seite legen.

Nerudas verhallendes Echo

Der Umgang mit der literarischen – und das heisst eben auch: der metrischen – Tradition ist für die spanischsprachige Lyrik ein zentraler Kampfplatz, der gar nicht sichtbar wird, wenn Übersetzungen ihn nicht sichtbar machen. Das gilt, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht, ebenso für die metrisch freie Lyrik, die heute längst das Feld dominiert. Dabei gibt es sie durchaus, die formbewussten DichterInnen: Martin von Koppenfels, Timo Berger, Susanne Lange. Was fehlt, ist – mangels Publikum – die kritische Aufmerksamkeit, die deren Übersetzungen diskutiert und würdigt.

Das grosse Echo, das ein Pablo Neruda einst hervorrief, lag nicht nur an der politischen Konstellation des Kalten Kriegs, sondern auch an den Fähigkeiten des ostdeutschen Übersetzerpaars Erich und Katja Arendt. Erich Arendt (1903–1984) war selbst ein herausragender Lyriker, Katja Arendt wirkte an den Übersetzungen mit. Sie speisen sich aus dem Expressionismus der zwanziger Jahre, aus der modernen spanischen Lyrik, der die Arendts im Exil begegneten, und der antiken griechischen Literatur. Es sind kraftvolle, souveräne Werke, die auch heute noch über weite Strecken überzeugen.

Übersetzungen sind grundsätzlich unabgeschlossen, ein letztes Wort kann es nicht geben. Das Material liegt da und wartet darauf, aufgehoben zu werden.

Das einleitende Gedicht von Mauricio Rosencof übersetzte Valentin Schönherr.

«Der gläserne Übersetzer»: An den Solothurner Literaturtagen kann man ÜbersetzerInnen von Literatur aus allen Sprachregionen der Schweiz über die Schultern schauen. Auf den Computerbildschirmen erscheinen die Originaltexte zusammen mit den entstehenden Übersetzungen. Das Publikum kann den Prozess live verfolgen und diskutieren.

Solothurn, Landhaus, Fr/Sa, 18./19. Mai 2012, 
10 bis 17 Uhr.

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