Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Der letzte Eisprung

Von Florian KellerMail an AutorIn

Und dann, draussen vor dem Club, explodiert Aron Hitz, einfach so. Paff, und weg ist er. Hat sich buchstäblich in Rauch aufgelöst, weil er doch noch gemerkt hat, dass die Frau, mit der er gerade nach Hause wollte, schon über dreissig ist: Leila (Michèle Rohrbach), ein besonders akuter Fall von Torschlusspanik. Vorher, an der Party, stand ihr das Kennzeichen «Ü 30» erst wie ein Stigma auf die Stirn geschrieben: «Das geht im Fall nur mit ganz viel Alkohol weg», hört sie auf dem Klo. Also hat sies weggetrunken, das Brandmal.

Die Altersgruppe als Tattoo auf die Stirn gemalt, ein Mann, der schnöde verpufft: Das sind nur zwei besonders schöne Beispiele für die visuellen Pointen, mit denen die TV-Autorin Natascha Beller («Deville») ihr Kinodebüt «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei» bestückt. Sie tut das meist treffsicher und vor allem so verschwenderisch verspielt, wie man das lange in keiner Schweizer Komödie mehr gesehen hat. Nur schon die vielen szenischen Einfälle für die biologische Uhr, gegen die Leila anrennt: Ein abrupter Lichtwechsel, und dann hängt die ganze Wohnung voller tickender Uhren; und immer wieder wird Leila von durchsichtigen Kindern heimgesucht, wie herzige Gespensterchen, die ihr gut zureden aus einer erträumten Zukunft.

Zusehends verzweifelt, also auch immer rabiater jagt Leila nach dem Samen, der Spender ist irgendwann nicht mehr so wichtig. Aber wieso will sie unbedingt ein Kind? «Weil alle eins haben. Das gehört doch einfach dazu.» Links und rechts dieser Hauptfigur zerlegen Beller und ihr bestens aufgelegtes Ensemble freudig die einschlägigen Rollenmuster rund um Karriere, Kinderwunsch und Elternschaft.

Die grossen Förderstellen inklusive Fernsehen sahen das offenbar anders und hielten sich raus, weshalb sie jetzt etwas blöd dastehen. Die grossen Medien überboten einander bei der Premiere in Locarno mit Superlativen, was dem Film auch nicht nur guttut. Dass ihm nach der Hälfte etwas der Schnauf ausgeht: geschenkt. Dass diese Paarungskomödie aber nicht in der Entbindungsstation oder gar vor dem Altar endet, darf man ihr hoch anrechnen. Ein Happy End gibts hier nur mit Fragezeichen: Der soziale Zwang zur Mutterschaft mündet sehr konsequent im Irrsinn.  

Jetzt im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch