Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Es gibt mehr als zwei Geschlechter

Von Nora Strassmann

Körper sind divers. Längst nicht alle Menschen lassen sich in das starre Schema Mann oder Frau eingliedern. Schätzungsweise 1,7 Prozent aller Menschen sind intergeschlechtlich. Trotzdem gehören in der Schweiz operative sowie hormonelle Eingriffe bei Kindern mit Geschlechtsvariationen (also mit Geschlechtsmerkmalen, die gesellschaftlich und medizinisch als weder typisch männlich noch weiblich gelten) nach wie vor zum medizinischen Alltag. Dies schreibt der Verein Interaction Suisse, der sich für die Interessen intergeschlechtlicher Menschen engagiert. Im kürzlich publizierten Schreiben kritisiert der Verein den achten Bericht des Bundesrats zur Umsetzung der Uno-Antifolterkonvention. Darin behauptet die Regierung, die Rechte intergeschlechtlicher Kinder zu respektieren. Dem widerspricht Interaction Suisse: Nach wie vor würden hierzulande Kinder operiert und zwangsweise dem einen oder dem anderen Geschlecht zugewiesen, ohne dass sie selbst darüber entscheiden dürften. Viele würden lebenslange Folgen davontragen: psychische Verletzungen, Gefühllosigkeit an den operierten Stellen oder Schmerzen beim Sex.

Oftmals seien die Sorgen der Eltern ausschlaggebend für einen Eingriff, wie der Arzt Blaise Meyrat sagt: «Doch die Not der Eltern ist kein notwendiger Grund, zu operieren. Und es ist nicht einfacher, diese Operationen durchzuführen, wenn das Kind klein ist, wie einige meiner Kollegen behaupten.» Die Juristin Mirjam Werlen doppelt nach: Weder die Empfehlungen der Gremien der Uno noch jene des Europarats seien in der Schweiz erfüllt.

Immerhin: Im April 2019 geschah etwas Wegweisendes: Der Grosse Rat des Kantons Genf hat sich als erste politische Instanz der Schweiz für ein kantonales Verbot von nicht lebensnotwendigen chirurgischen Eingriffen an intergeschlechtlichen Kindern entschieden. Solche Eingriffe werden in Genf neu als Verstümmelung klassifiziert. Anstatt zwanghaft und gewaltsam an einer Binarität festzuhalten, die es noch nie gab, sollte sich die Schweiz an Genf orientieren. Und die Menschen selber über ihre Körper entscheiden lassen.

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