Nr. 19/2010 vom 13.05.2010

«Ich bin kein ewiges Kind»

Vincent Guillot wurde mit einem uneindeutigen Körper geboren. Die Ärzte machten ihn zum Mann. Heute zieht er es vor, ausserhalb der Geschlechter zu leben.

Von Bettina Dyttrich

Er ist gross und schlank, hat das halblange, graumelierte Haar zusammengebunden. Die Ruhe, die er ausstrahlt, könnte man im ersten Moment mit Schüchternheit verwechseln. Aber wenn ihn etwas stört, wehrt er sich laut und deutlich. Seine Gesichtszüge sind fein, und doch: Niemand würde ihn für etwas anderes halten als für einen Mann. Obwohl er keiner ist. Vincent Guillot ist intersexuell. Er ist mit einem uneindeutigen Körper auf die Welt gekommen.

«Ich bin nicht zwischen den Geschlechtern, ich bin ausserhalb», sagt Vincent Guillot im Dokumentarfilm «L’ordre des mots» von Cynthia Arra und Melissa Arra. «Ich bin absolut neutral. Mein Körper hat nie ein Sexualhormon produziert. Ich habe immer gesagt, ich sei nichts. Und alle fanden das sehr negativ. Aber ‹nichts› ist nichts Negatives für mich. Nichts ist das Absolute, das Unendliche.»

Eine Bombe im Körper

Vincent wächst in einer katholischen Familie in der Nähe von Paris auf. Als er sieben Jahre alt ist, bekommt er einen kleinen Bruder. Er sieht, dass der Penis des Neugeborenen grösser ist als sein eigener, und kann es nicht fassen. Am gleichen Tag läuft seine Schildkröte davon. Vincent schreit. Alle denken, es sei wegen der Schildkröte.

Zu jener Zeit beginnen die Behandlungen. Sie schlagen ein – «wie eine Atombombe». Alles verändert sich. Die Welt wird fremd. Immer hat er gern Kartoffelstock gegessen, jetzt findet er ihn abstossend. Was angenehm war, wird unerträglich. Er kann seine Wutausbrüche nicht kontrollieren und wird ungeschickt, beherrscht seinen Körper nicht mehr. Steht neben sich und versteht nicht, was mit ihm geschieht. Heute weiss Vincent Guillot, dass er damals hohe Dosen Testosteron bekam, damit sein Körper sich vermännlichte. Dazu kamen die Operationen. Seine Eltern wussten nichts Genaues über seinen Zustand: «Man sagte ihnen, ich sei ein misslungener Junge, den man reparieren müsse.» Sie folgten dem Rat der Mediziner. Aber auch sie wurden schliesslich misstrauisch, als die Eingriffe nicht mehr aufhörten.

Die letzte Operation hätten die Eltern beinahe verhindert. Sie verstanden nicht, was dem Jungen noch fehlen sollte. Doch die Ärzte insistierten, ohne Details zu erklären. Bei dieser letzten Operation entfernten sie Vincents Gebärmutter.

Störendes abschneiden

Ein uneindeutiges Geschlechtsteil, grösser als eine Klitoris, aber kleiner als ein Penis, ist in den meisten Fällen kein gesundheitliches Problem. Nur wenn zum Beispiel der Harnabfluss nicht funktioniert, ist ein schneller Eingriff notwendig. Trotzdem gilt ein solches Geschlechtsteil vielen ÄrztInnen als «psychosozialer Notfall». Ein Kind, das mit einem uneindeutigen Körper aufwachse, könne keine klare Geschlechtsidentität entwickeln und sei deshalb in seiner psychischen Gesundheit gefährdet, so die Theorie. Daraus folgt, dass Operationen in den ersten beiden Lebensjahren stattfinden sollten.

Diese Praxis geht auf die Forschungen des Teams um den US-amerikanischen Psychologen John Money (1921–2006) zurück. Seit Money ist es üblich, uneindeutige Kinder jenem Geschlecht zuzuweisen, das sich operativ leichter herstellen lässt: «Ist das Glied so klein, dass vorhersehbar ein gebrauchsfähiger Penis auch mit umfangreichen operativ-rekonstruktiven Massnahmen nicht hergestellt werden kann, dann muss entschieden werden, dass es sich um ein Mädchen handelt», steht in einem deutschen Pädiatriebuch aus den neunziger Jahren. Dieses kleine Glied gilt aber umgekehrt als störend gross für die Geschlechtsidentität eines Mädchens – und wird verkleinert. Auch wenn es heute nicht mehr üblich ist, die Penis-Klitoris ganz zu amputieren, bleibt die Empfindsamkeit des wichtigsten Lustorgans nach den Operationen oft eingeschränkt. Und eine «Neovagina» muss meist über lange Zeit durch das regelmässige Einführen eines Gegenstandes gedehnt werden.

Dazu kommt, dass in den letzten Jahrzehnten unzählige Intersex-Kinder nackt ganzen Gruppen von ÄrztInnen vorgeführt und für Fachpublikationen fotografiert wurden. «Diese Körper sind nichts wert, aber aufregend», ist Vincent Guillots sarkastischer Kommentar. «Mit solchen Körpern darf man alles tun.» Erfahrungen dieser Art seien unendlich viel traumatisierender als uneindeutige Körper, sagen Intersex-AktivistInnen, die sich seit den neunziger Jahren immer lauter wehren. «Um das psychische Leiden der Eltern zu lindern, verstümmelt man die Kinder», sagt Guillot. Ist Uneindeutigkeit vor allem ein Problem der Erwachsenen? Die Erfahrungen von Karin Plattner aus Basel, Präsidentin des Vereins Selbsthilfe Intersexualität und Mutter eines intersexuellen Kindes, deuten es an: «Heute ist sie zehn, und es ist ihr schlichtweg wurst, ob sie ein Mädchen oder ein Junge ist», sagte sie letztes Jahr zum «Tages-Anzeiger».

Auch in der Schweiz kommen jährlich mindestens zwanzig Kinder mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt. Vielleicht sind es auch doppelt so viele; es gibt keine Statistik. Wie viele von ihnen noch immer im Kleinkindalter operiert werden, ist ebenfalls unklar. Dank der breiteren Diskussion über das Thema seien viele MedizinerInnen kritischer geworden, sagt der Arzt Jürg Streuli vom Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich. «An den meisten Kliniken werden heute Psychologen, Sozialpädagogen und Eltern eng in die Entscheidungen einbezogen.» Trotzdem sei der Weg noch weit: «Weiterhin sind auch äusserst fragwürdige Vorstellungen im Umlauf, die die Aktivisten in ihren Befürchtungen bestärken. Und es fehlt sowohl an Erfahrung, wie man Eltern und Kinder am besten begleiten und unterstützen kann, als auch an Fachleuten, die diese Hilfe professionell und flächendeckend anbieten können.»

Ewige Kinder

«Das Leiden ist kein Argument», sagt Vincent Guillot plötzlich. Wie bitte? «Wer sagt, die Operationen müssten aufhören, weil die Kinder leiden – der sagt, sie könnten weitergehen, wenn es kein Leiden gäbe. Aber selbst wenn die Ärzte einen Zauberstab hätten, mit dem sie bei der Geburt perfekte Jungen und Mädchen machen könnten – einfach so, tak –, selbst dann wäre es nicht legitim, das zu tun.» Überhaupt stört es ihn, dass es in den Diskussionen um Intersexualität immer um Kinder geht: «Sie machen die Intersexuellen zu ewigen Kindern, wie die psychisch Kranken auch. Und Kinder können nicht für sich sprechen. Man muss sie nicht ernst nehmen.» Dabei betreffe die entscheidende Frage in erster Linie das Erwachsenenleben: die Frage nach dem Zugang zur Lust am eigenen Körper.

Vincent Guillot durfte zumindest sein Glied behalten. Mit der Hormontherapie wuchs es zu einer «normalen» Grösse heran – zur Freude der Ärzte und zu seinem heutigen Bedauern. «Ich habe nie verstanden, was das heisst, ‹Mann› oder ‹Frau›. Ich kann mich in diesem System nicht orientieren.» Was er aber wahrnimmt, sind unterschiedliche Verhaltensweisen, wenn es um ihn und seinen Körper geht. Guillot hat sexuelle Beziehungen mit Männern und mit Frauen. Seine Erfahrung dabei: Die Frauen können mit seiner Situation umgehen, die Männer nicht. «Sie haben eine Herrschaftsposition zu verteidigen. Und was bei den Schwulen noch dazukommt: Aus Angst, keine ‹richtigen Männer› zu sein, betonen sie ihre Männlichkeit umso stärker. Wenn es nur um Sex geht, ist das kein Problem; ich habe einen grossen Schwanz. Aber eine Liebesbeziehung ist nicht möglich, weil ich sie dauernd an ihre Angst erinnere. Ich weise sie auf ihre eigenen femininen Seiten hin, die sie ablehnen. Sie wollen einen Mann – was ich nicht bin.»

Die Frauen hätten dieses Problem nicht: «Im Sex mit Frauen ist unendlich viel mehr Spielraum.» Fünfzehn Jahre lang lebte Guillot mit einer Freundin zusammen. Von aussen gesehen waren sie ein normales Heteropaar. Füreinander waren sie etwas anderes. Sie mussten es nicht definieren.

Die Scham ist zu gross

Erst seit zehn Jahren, seit seinem 35. Lebensjahr, weiss Vincent Guillot von seiner Intersexualität. Vorher wusste er nur, dass sein Körper nicht den Erwartungen entsprach. Dieses Vorenthalten von Information ist zum Teil bis heute gängige Praxis: «Die Begriffe Zwitter, Intersex, Hermaphroditismus» dürften Eltern und Kindern gegenüber nicht verwendet werden, heisst es im erwähnten pädiatrischen Fachbuch.

Guillot begann sich zu engagieren, wurde Europa-Sprecher der Organisation Intersex International (OII), trat an Veranstaltungen auf, gab Interviews. Doch es war schwierig, an die Öffentlichkeit zu treten. Bis heute basiere die Intersexuellenbewegung in Frankreich stärker auf virtuellen Kontakten als auf persönlichen Begegnungen, erzählt er. Die Scham ist zu gross.

Lieber krank als komisch

«Viele Intersexuelle definieren sich selbst als krank. Ich verstehe das. Krank oder behindert, das sind Identitäten, die es in unserer Gesellschaft gibt. Eine intersexuelle Identität – ich bin weder Mann noch Frau oder beides zugleich, und mir ist wohl dabei – gibt es nicht. Es ist viel, viel härter, sich als intersexuell anzunehmen.» Er weise immer wieder darauf hin, dass die Mehrheit der Intersexuellen nicht sei wie er. Dass sie ganz normale Männer und Frauen sein wollten und ein Recht darauf hätten wie alle anderen Menschen auch.

Und doch – er glaubt ihnen nicht ganz. «Fast immer kommt der Moment, wo sie mir sagen: ‹Manchmal träume ich, ich hätte ein anderes Geschlecht.› Oder: ‹Im nächsten Leben möchte ich anders sein.› Zwischen den Zeilen ist es immer da ...» Er zögert. Und fährt dann fort, laut und energisch: «Sie wissen es, sie wissen ganz genau, dass sie keine misslungenen Männer und Frauen sind! Aber das ist derart brutal, dass sie es nicht aussprechen können. Sie sagen lieber: ‹Ich bin ein Mann wie alle anderen, heterosexuell, verheiratet, ich liebe Fussball und Bier ...› Sie übertreiben die Männer- oder Frauenrolle, sie spielen sie zu gut. Wie viele Transsexuelle auch.»

Vincent Guillot fröstelt. Auch der Wollschal, den er sich um die Schultern gewickelt hat, nützt nicht viel. Der Frühlingstag ist kühl, doch Guillot friert aus einem anderen Grund: Sein Testosteronspiegel ist tief. Direkt nach der monatlichen Spritze hat er zu viel, später zu wenig vom Sexualhormon im Körper. Das führt zu ähnlichen Problemen, wie sie Frauen in den Wechseljahren erleben: Er friert und schwitzt, schläft schlecht, der Kopf tut ihm weh. Am liebsten würde er ganz auf die Spritzen verzichten. Aber das geht nicht, denn Sexualhormone haben vielfältige Funktionen; der Körper benötigt Testosteron auch für den Muskelaufbau und die Knorpelbildung.

Heute lebt Guillot als Biogemüsegärtner in der Bretagne. Er hat sich aus allen Organisationen zurückgezogen – «mein Leben besteht nicht nur aus Intersexualität». Doch er äussert sich immer noch, wenn ihn jemand fragt, lebt weiterhin «mit entblösstem Gesicht». «Ich sehe, wie es den Intersexuellen geht, die sich verstecken. Sie haben ein schreckliches Leben. Sie leiden ähnlich, wie Homosexuelle jahrhundertelang gelitten haben.» Der Kampf, sagt er, müsse ein umfassender sein: «Einst galten alle als homosexuell, die keine Heteros waren. Dann haben sich Lesben und Schwule organisiert und dabei die Transen ausgeschlossen. Später haben sich die Transen organisiert und die Intersexuellen ausgeschlossen. Wer kommt nach uns?» Sich gegen eine einzelne Diskriminierung zu wehren, sei nicht genug, sagt Guillot und illustriert es mit einem Beispiel: «Die Menschen, die heute in Frankreich wahrscheinlich am meisten diskriminiert werden, sind papierlose transsexuelle Prostituierte.»

In der Bretagne geht es ihm gut. Die Bauern und Bäuerinnen in der Nachbarschaft wissen, wovon er spricht. Denn Zwillingskälber verschiedenen Geschlechts sind oft intersexuell, weil sich ihre Geschlechtshormone anders als bei menschlichen Föten im Mutterbauch vermischen. Es gibt intersexuelle Ziegen, Hühner und Schweine. «Leute, die mit Nutztieren leben, wissen, dass das regelmässig vorkommt: ‹Mein Hahn hat auch einmal ein Ei gelegt.›»

Keine dritte Möglichkeit

Es gibt noch einen Grund, warum er in der Provinz bleiben will. «Wenn du ruhig und gelassen bist, gibst du den anderen keinen Anlass zur Aggression. Das funktioniert aber nur auf dem Land. In der Stadt ist es fast unmöglich, gelassen zu sein, und weil man dich nicht kennt, kann man dich attackieren.» Vor vier Jahren, noch in Paris, wurde Guillot in seinem Wohnquartier überfallen und spitalreif geschlagen. Trotzdem ging er nicht zur Polizei. «Einem Beamten mein Leben erzählen? Nein. Nein. Der Polizeiposten ist der einzige Ort, wo ich bisher wirklich in Lebensgefahr war.» Genaueres will er dazu nicht sagen.

Noch dieses Jahr möchte Vincent Guillot auf weibliche Hormone umstellen und dabei bleiben, falls er sich besser fühlt. Wegen der Pille ist der Markt für weibliche Hormone riesig, darum wird mehr geforscht, und die Auswahl an verschiedenen Produkten ist viel breiter als im Bereich des Testosterons. Rechtlich wird er ein Mann bleiben, auch wenn er wahrscheinlich nicht mehr so aussehen wird. Um auch auf dem Papier eine Frau zu werden, müsste er sich dem gleichen Prozedere unterwerfen wie eine Transsexuelle, den umfangreichen Abklärungen und psychiatrischen Vorgesprächen. Da bleibt er lieber ein Mann. Eine dritte Möglichkeit gibt es noch nicht.

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