Nr. 36/2019 vom 05.09.2019

Genderwahn und Eurabia

Hinter dem «Marsch fürs Läbe» der AbtreibungsgegnerInnen steht auch die Stiftung Zukunft CH. Sie vertritt antifeministische und antimuslimische Positionen – sogar wenn es um Blindenhunde geht.

Von Jan Jirát

«Hätte Maria abgetrieben ...»: Der «Marsch fürs Läbe» (hier 2016 in Bern) wird jeweils öffentlichkeitswirksam vor GegendemonstrantInnen (nicht im Bild) geschützt. Foto: Peter Klaunzer, Keystone

Einmal im Jahr tragen die Schweizer «Lebensschützer» ihren Kampf gegen Abtreibungen auf die Strasse. Nächste Woche ist es wieder so weit, der «Marsch fürs Läbe» wird am Samstag zum zehnten Mal durch Zürich ziehen. Wo genau die AbtreibungsgegnerInnen marschieren werden, ist noch unklar – ebenso, ob eine bereits angekündigte Gegendemo bewilligt wird.

Wie fast immer, wenn die AbtreibungsgegnerInnen und ihr Anliegen den Weg in die Öffentlichkeit finden, spielt die Stiftung Zukunft CH eine wichtige Rolle im Hintergrund. Sie sitzt in der Trägerschaft des Vereins «Marsch fürs Läbe». Mehrfach leitete der reformierte Pfarrer Hansjürg Stückelberger, der Gründer von Zukunft CH, Gottesdienste im Rahmen der Demonstration.

Stargast Thilo Sarrazin

Die gemeinnützige Stiftung, die in Engelberg eingetragen ist, gibt sich in den Statuten betont harmlos: Beim Stiftungszweck steht, sie setze sich für eine «freiheitlich-demokratische Rechtsordnung ein» und fördere die «verfassungsmässig verbriefte Glaubens- und Gewissensfreiheit». Ebenso, dass sie «konfessionell, politisch und wirtschaftlich unabhängig» sei.

Ihre Aktivitäten koordiniert Zukunft CH von einem unscheinbaren Haus an einer Durchfahrtsstrasse im Winterthurer Stadtteil Töss aus. Die Büroräumlichkeiten sind derart diskret angeschrieben, dass man erst einmal am Eingang vorbeiläuft. Im Foyer wird man dann von einem zuvorkommenden jungen Mann im T-Shirt begrüsst, der die Gesprächsanfrage der WOZ weiterleitet, um kurz darauf zu vermelden, dass gerade niemand Zeit habe, man solle doch ein E-Mail schreiben.

Im Foyer steht ein Regal voller Broschüren, die die Stiftung herausgibt – die Nettigkeit verschwindet schlagartig. «Frühkindliche Schädigung durch Gender- und Krippenpolitik» oder «Das islamische Neujahr: Europa im Dornröschenschlaf» lauten die Titel. In der aktuellen Broschüre «Achtung vor den Hunden! Das Hundebild im Islam» wird unter anderem von muslimischen Taxifahrern berichtet, die sich weigern würden, Hunde mitzunehmen, gerade auch von blinden BesitzerInnen.

Entlarvend sind auch die Namen der AutorInnen auf den Stiftungsbroschüren, Bat Ye’or etwa. Die Britin, die eigentlich Gisèle Littman heisst und in Genf lebt, gilt als Wegbereiterin der «Eurabia-Theorie», die eine von den Eliten erzwungene Islamisierung Europas herbeifantasiert. Der rechtsextreme norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik war von dieser Theorie inspiriert. Mehrere Broschüren sind vom sogenannten Islamexperten Heinz Gstrein verfasst. Dieser verglich 2010 Minarette mit Hakenkreuzen und schmückte sich im Abstimmungskampf zum Minarettverbot mit einem offenbar falschen Professorentitel. Weitere bekannte AutorInnen sind Vitus Huonder, der erzkonservative Bischof von Chur, oder die beiden radikalkatholischen Antifeministinnen Gabriele Kuby und Inge M. Thürkauf.

Die Titel und AutorInnen stehen exemplarisch für das inhaltliche Programm der Stiftung. Während ihr antifeministischer Kern in der aktiven Rolle von Zukunft CH beim «Marsch fürs Läbe» zum Ausdruck kommt, tritt die ebenso stark vertretene antimuslimische Haltung unverhohlen bei einem Anlass zutage, den die Stiftung am 19. Oktober, zwei Tage vor den eidgenössischen Wahlen, organisiert: Thilo Sarrazin soll dann an der Tagung «Heilmittel Migration» im Hotel Arte in Olten referieren. Sarrazin – immer noch SPD-Mitglied – ist eine gefeierte Figur in der rechtsextremen Szene, seit er 2010 mit seiner islamophoben Schrift «Deutschland schafft sich ab» grosse kommerzielle Erfolge feierte.

Pfarrer und Antikommunist

Um das Wirken und die Ausrichtung der Stiftung zu verstehen, muss man sich mit Pfarrer Hansjürg Stückelberger befassen, der Schlüsselfigur von Zukunft CH. Erstmals in Erscheinung trat der heute 88-jährige Stückelberger in den siebziger Jahren, als er gegen die Verfolgung von ChristInnen in der Sowjetunion demonstrierte und gemäss eigenen Aussagen «Millionen Bibeln hinter den Eisernen Vorhang schmuggelte». Aus diesen Aktivitäten entstand 1977 die Organisation Christian Solidarity International (CSI), die sich bis heute für verfolgte ChristInnen einsetzt.

Die anfänglich antikommunistische Haltung von Stückelberger wandelte sich spätestens nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zunehmend in eine antimuslimische. Doch weil der Fokus von CSI – nicht zuletzt aus Spendengründen – bei der ChristInnenverfolgung blieb, gründete Stückelberger 2006 Zukunft CH. So konnte er seine von der Eurabia-Theorie geprägte Mission gegen die «schleichende Einführung der Scharia» vorantreiben, ohne CSI zu gefährden. Das Startkapital für seine Mission holte sich Stückelberger gemäss einer Recherche des «Tages-Anzeigers» beim Basler Pharmaunternehmer und Millionär Rudolf Syz.

Mittlerweile hat der ebenfalls reformierte 33-jährige Pfarrer Michael Freiburghaus das Präsidium der Stiftung übernommen. Und er verfügt dabei über erhebliche Mittel: In den Jahren 2016 und 2017 nahm die Stiftung gemäss ihren Jahresberichten jeweils knapp 1,2 Millionen Franken an Spendengeldern ein. Grösster Kostenpunkt waren die Publikationen. Gerne hätte die WOZ Genaueres und Aktuelleres zu den eingesetzten Stiftungsmitteln erfahren, beispielsweise ob der «Marsch fürs Läbe» auch finanziell unterstützt werde oder wie der Kontakt zu Thilo Sarrazin zustande kam. Doch ein E-Mail mit diesen Fragen blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Zukunft CH geht es längst nicht bloss um Öffentlichkeitsarbeit. Die Stiftung macht auch politisch Einfluss geltend: Vor zwei Jahren forderten St. Galler KantonsrätInnen aus verschiedenen Parteien in einer Motion strengere kantonale Auflagen für Privatschulen, die religiös-fundamentalistischen Kreisen nahestehen. Die Motion war vor allem gegen zwei Privatschulen der rechtskatholischen Piusbruderschaft gerichtet. Die Regierung unterstützte das Anliegen, doch der Kantonsrat lehnte sie letztlich ab, weil die beiden dominierenden Parteien CVP und SVP dagegen stimmten – dabei hatten siebzehn SVP-KantonsrätInnen die Motion zuvor mitunterzeichnet. Wie der Journalist Kurt Marti in einem «Infosperber»-Artikel nachzeichnete, war für die Ablehnung das Lobbying der religiös-fundamentalistischen Kreise verantwortlich. Zukunft CH brandmarkte die Motion als «Gesinnungsdiktat für Privatschulen» und «atheistisch», was bei den SVP-VertreterInnen offensichtlich verfing.

Stramm im Kulturkampf

Der Religionswissenschaftler Oliver Wäckerlig hat sich in seiner Dissertation «Vernetzte Islamfeindlichkeit», die demnächst im Transcript-Verlag publiziert wird, eingehend mit der Stiftung Zukunft CH beschäftigt. Er beschreibt sie als «Organisation für Öffentlichkeitsarbeit, die bewusst überkonfessionell agiert». Die Stiftung sei geprägt von strategischem Denken und nicht von dogmatischem. «Sie sieht sich selbst als Akteurin in einem Kulturkampf. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die immer säkularer geprägte Gesellschaft wieder umzukehren, theologische Fragen und Differenzen sind da zweitrangig», sagt Wäckerlig.

Als Beispiel eines Kampfplatzes, den Zukunft CH bewusst auswählte, erwähnt Wäckerlig die Verleihung des Ehrendoktortitels der Universität Fribourg an die queerfeministische Philosophin Judith Butler im Jahr 2014. Damals baute die Stiftung massiv Druck gegen die Veranstaltung auf, sodass letztlich Sicherheitsleute vor Ort anwesend sein mussten.

Am «Marsch fürs Läbe», der Ende nächster Woche stattfindet, werden die Rollen für einmal getauscht. Dort wird die Polizei die AbtreibungsgegnerInnen vor Protestierenden schützen – öffentlichkeitswirksam inszeniert.

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