Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Von Schocksymbolen zum Mainstream

Seit 2010 demonstrieren in Zürich jedes Jahr fundamentalistische ChristInnen gegen Abtreibung. Zunehmend sucht der «Marsch fürs Läbe» den Schulterschluss mit der Politik.

Von Merièm StruplerMail an AutorIn

Bunt und lustig sah der diesjährige «Marsch fürs Läbe» aus. Mit Luftballons in knalligen Farben, Blasinstrumenten und Kindern in überdimensional grossen Kinderwagen zogen AbtreibungsgegnerInnen am 19. September durch die Strassen Zürichs und hielten Schilder in die Luft. «Bitte, lass mich leben», stand darauf oder auch: «Gottes geniale Idee – die Familie» und «Wer Jesus hat, hat das Leben».

Bereits zum sechsten Mal fand der Umzug dieses Jahr statt. 2013 betrauerten die selbst ernannten «Lebensschützer» noch die abgetriebenen Föten mit Kindersärgen und weissen Kreuzen. Inzwischen feiern sie das künftige Leben der ungeborenen Kinder. Vor allem wollen sie die Fristenlösung zum straflosen Schwangerschaftsabbruch rückgängig machen, jene seit den siebziger Jahren hart erkämpfte Regelung, die 2002 mit siebzig Prozent Ja-Stimmen von der Bevölkerung angenommen wurde. Das Gesetz erlaubt es Frauen, bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abzutreiben.

Während der letzten fünf Jahre wuchs die Zahl der TeilnehmerInnen am «Marsch fürs Läbe» stetig: 2010 versammelten sich 600 Personen, zwei Jahre später waren es dreimal so viele. Im Herbst 2015 marschierten laut Polizeiangaben rund 3500 AbtreibungsgegnerInnen durch Zürich. Inzwischen kommt jedes Jahr auch ein Reisebus voller DemonstrantInnen aus Polen, wie das Organisationskomitee bestätigt. Und jährlich finden in Rom, Paris, Warschau, Brüssel, Dublin, Prag und Berlin weitere «Märsche für das Leben» statt – mit je mehreren Tausend TeilnehmerInnen.

«Menschenraub» und «Mord»

Seit 2010 ruft das Bündnis für ein selbstbestimmtes Leben zum Protest gegen den Umzug auf. «Hätt’ Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben», riefen einige der rund 200 GegendemonstrantInnen im September den FundamentalistInnen zu. Lina Winter* beteiligt sich seit Jahren an den Aktionen. «Niemand darf sich anmassen, über meinen Körper zu bestimmen», sagt sie, «ich bin ein Mensch und keine Gebärmaschine.»

Der Vereinsvorstand des Schweizer Antiabtreibungsmarschs besteht überwiegend aus Männern. «Bei unserem Protest geht es um rein ethische, christliche Überzeugungen», sagt Daniel Regli. Er ist Präsident des Organisationskomitees und des Vereins Familienlobby Schweiz, einem der achtzehn Träger des Marsches – gemeinsam mit der EDU und dem Verein Christen für die Wahrheit. Die Frauen führten einen Krieg gegen das ungeborene Leben. Regli spricht auch von «Menschenraub» und «Mord».

Warum positionieren sich gerade so viele Männer gegen Abtreibung? Die Bewegung sei geprägt von «neurechtem Antifeminismus», schreiben Ulli Jentsch, Eike Sanders und Felix Hansen in ihrem Buch «Deutschland treibt sich ab». «In dieser Bewegung inszeniert sich ein weisser, heteronormativer und männlich dominierter Mainstream als bedrohte Minderheit. Wenn individuelle Rechte gesetzlich geschützt werden, wird dies als Angriff auf die Familie interpretiert», so die AutorInnen. Ein Teil der Bewegung vertrete sogar die Position, durch die straffreie Abtreibung werde der «Untergang des Abendlandes» vorangetrieben. Und die Frauen gefährdeten mit ihrem «Gebärstreik» die gesamte Nation.

Er selbst fühle sich von den Frauen nicht bedroht, sagt Regli. Vielmehr hätten die Feministinnen – und ihre Vorbilder wie Simone de Beauvoir – ein «völlig abgedrehtes Lebensbild». Deshalb ritten sich diese Frauen ins Unglück. «Es laufen so viele Menschen in die falsche Richtung», so Regli. Weil er am «Unglück» anderer leide, könne er dies nicht zulassen.

Politischer Schulterschluss

Die Website der Familienlobby Schweiz zeigt, wogegen die AbtreibungsgegnerInnen protestieren: Der Verein will nicht nur Abtreibung generell verbieten. Die Familienlobby echauffiert sich auch darüber, dass seit der Achtundsechzigerbewegung «Sex nach Lust und Laune», «Scheidung ohne Schuldfrage» und «Homosexualität als legitimes Partnerschaftsmodell» gelebt würden.

Das Ziel seiner Gruppierung sei es, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und zu mobilisieren, sagt Vereinspräsident Regli. «Erst wenn wir eine grosse Gruppe sind, können wir auch politische Schritte einleiten.»

Er selbst ist längst politisch aktiv, sitzt für die SVP im Zürcher Gemeinderat. Auch andere Mitglieder der Bewegung sind in der Politik tätig. Der Jurist Hans Peter Häring ist Teil des Teams, das die Flyer für den «Marsch fürs Läbe» produziert und vertritt die christlich-konservative EDU im Zürcher Kantonsrat. Dort platzierte er 2010 auch die Anfrage, wie viele Frauen nach einer Vergewaltigung abtreiben würden. 2011 reichte Häring eine Motion gegen obligatorischen Sexualkundeunterricht in der Unterstufe ein. Und die EVP-Nationalrätin Marianne Streiff hielt an der Antiabtreibungskundgebung im September eine Rede. Genauso wie ihr Parteikollege Marc Jost, der amtierende Präsident des Berner Grossen Rats. Es war das erste Mal, dass Mitglieder der EVP im Trägerverein des Marsches mitwirkten.

Dies zeige, wie sich die Bewegung während der letzten Jahre verändert habe: weg von «Schocksymbolen» wie Kindersärgen hin zum gemässigteren Mainstream, erklärt Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid von der evangelischen Informationsstelle Relinfo. Er beobachtet einen Schulterschluss zwischen den AbtreibungsgegnerInnen und der Politik. «Viele Evangelikale und Konservativ-Katholische fühlen sich vom Wertewandel herausgefordert und bilden deshalb Allianzen», so Schmid.

Der «Marsch fürs Läbe» sieht lustig und bunt aus. Aber das reaktionäre Weltbild seiner AnhängerInnen und der Schulterschluss mit der Politik machen ihn gefährlich.

* Name geändert.

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