Nr. 38/2019 vom 19.09.2019

Im Land der leeren Korridore

Punkt, Punkt, Komma, Strich: Mit blanken Gesichtern in gespenstisch flachen Bildern erzählt der US-Zeichner Nick Drnaso in «Sabrina» vom Netz als Echokammer von Gewalt und Paranoia.

Von Florian Keller

Minimalistische Mienen in aufgeräumten Räumen: Der US-Ameikaner Nick Drnaso nimmt mit «Sabrina» eine Autopsie seines Landes vor (grosse Ansicht des Comic). © Blumenbar Verlag 2019

«Aufgeräumt» ist ein sonderbares Wort. Ein aufgeräumter Mensch ist ja einer, der guter Laune ist und eine gelöste Heiterkeit ausstrahlt. Wenn man nun aber in den pastellfarbenen Kosmos der Graphic Novel «Sabrina» von Nick Drnaso abtaucht, rührt die Beklemmung, die sich dabei einschleicht, nicht nur daher, was diese Bilder erzählen: vom Mord an einer Frau und von Gewalt und Paranoia im Netz. Das latente Unbehagen geht auch von den Räumen aus, oder eben davon, wie gespenstisch aufgeräumt hier alles wirkt.

Die Panels nahezu quadratisch abgezirkelt, die Perspektiven der Korridore und der Räume mit ihren normierten Einbauschränken pedantisch wie mit dem Lineal gezogen. Selbst das eine Zimmer, wo noch die Reste einer Kindheit unordentlich auf einem Haufen liegen, seit die kleine Tochter mit der Mutter nach Florida weggezogen ist, wirkt unheimlich aufgeräumt. Es sind scheintote Räume, die der 30-jährige Nick Drnaso in «Sabrina» zeichnet. Uramerikanische Interieurs, trostlos wie die menschenleere Cafeteria im Dämmerlicht, der Autoparkplatz nach dem Eindunkeln: Alltag auf dem Friedhof namens Suburbia.

Tarnfarben im Büro

Scheintot wirkt auch Teddy, als er eines Tages völlig apathisch bei seinem Jugendfreund Calvin aufkreuzt, weil er mit dem plötzlichen Verschwinden seiner Freundin Sabrina nicht klarkommt. Nicht einmal Gepäck hat er dabei. Das habe er wohl vergessen, sagt er, so durch den Wind ist er.

Man sieht ihm das nicht gleich an, denn auch die Gesichter bei Drnaso haben etwas extrem Aufgeräumtes: blanke Visagen, die Augen oft nur zwei Punkte, der Mund ein schmaler Strich. Nicht, dass das lauter ausdruckslose Dummies wären. Es mache die Figuren ja nicht unbedingt menschlicher, wenn man einfach ihre Gesichtszüge detaillierter gestalte, so erklärte der Zeichner in einem langen Porträt im «New Yorker». Gerade weil die Mienen in «Sabrina» so minimalistisch reduziert sind, schaut man umso genauer, wenn man die Figuren lesen will. Bodenlose Trauer oder Gleichgültigkeit? Das zeigt sich manchmal an der kleinsten Krümmung des Strichs einer Augenbraue.

Für eine genaue Evaluation der Gemütslage gibts ja den Fragebogen, auf dem Calvin jeden Tag vor der Arbeit seine Verfassung notieren muss: Stimmung? Stresslevel? Bitte ankreuzen auf einer Skala von eins bis fünf. Calvin arbeitet auf einer Militärbasis, aber die Tarnfarben seiner Uniform sind rein symbolisch: Sein Job hat nichts Kriegerisches, er arbeitet in einem gesichtslosen Komplex, der vor allem aus leeren Gängen besteht. Oft sehen wir ihn, wie er wortlos über mehrere Panels einen anonymen Korridor nach dem anderen quert. Er hat auch einige Schusswaffen daheim, für seine Sicherheit, aber schiessen tut er nur am Computer, wenn er «World of Warfare» spielt.

Calvin und Teddy haben sich seit der Schule nicht mehr gesehen, und womöglich finden beide ein bisschen Trost darin: dass sie nichts verbindet ausser diese ferne Erinnerung – und dass jetzt beide ihre Frau verloren haben. Die eine hat sich von Calvin getrennt, die andere – so wird bald klar – ist tot. Brutal ermordet von einem selbstgerechten Jüngling, der das Video von seiner Tat ins Netz stellte, weil er sich zu Höherem berufen fühlte.

Im Fadenkreuz des Mobs

Da sind wir nun mittendrin in der reaktionären Welt digitaler Subkulturen, wo die übersteigerte Anspruchshaltung junger Männer in Hass umschlägt – auf Frauen, von denen sie keinen Sex bekommen, oder auch auf irgendwelche «Eliten», die das Land mit ihren orchestrierten Verschwörungen tagtäglich ruhigstellen. Dieser Bodensatz der Unzufriedenen wird in «Sabrina» bewirtschaftet von einem Radiomoderator, dessen Monologe vom notorischen rechten US-Hassprediger Alex Jones und seiner Sendung «Infowars» inspiriert sind.

In seinem Stupor verfällt auch Teddy diesem Verschwörungstheoretiker. Die verzerrte Weltsicht der Paranoia hat ja etwas Tröstliches, weil sie die verstörende Unordnung der Wirklichkeit in eine schlüssige Erzählung überführt: Für alles, was du nicht einordnen kannst, findet sich eine geheime Erklärung. Aber irgendwann fällt dieses Geraune aus dem Radio auf Teddy zurück. Dann nämlich, als der Moderator folgerichtig auch den Mord an Sabrina zum orchestrierten Fake erklärt – und jetzt steht plötzlich auch Calvin im Fadenkreuz eines digitalen Mobs, der hinter jeder Schlagzeile prinzipiell ein geheimdienstliches Täuschungsmanöver wittert.

Ein Frauenmord als Akt männlicher Selbstverwirklichung, die Aufwiegelung der Abgehängten im Netz, Fake News und die alltägliche Banalität der Kriegsindustrie: Das sind die politischen Obsessionen, anhand derer Drnaso hier mit geradezu klinischer Präzision eine Autopsie seines Landes in der Ära von Fox News und Internettrolls vornimmt.

Wie ein zartes Gegengift wirken da die Szenen prekärer Freundschaften: zwischen Sabrinas Schwester und ihrer Freundin, aber auch zwischen den beiden vereinsamten Männern. Auf einem Bild sitzt Calvin in Uniform auf dem Matratzenrand, neben ihm liegt ausgestreckt der apathische Teddy, nackt bis auf die Unterhose. Und weil der sich nicht mal zum Essen aufrichten mag, hält Calvin ihm einen Hamburger zum Abbeissen hin. Auch irgendwie traurig: Um Teddy kümmert er sich endlich so, wie er es bei seiner Familie offenbar versäumt hat.

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