Nr. 11/2017 vom 16.03.2017

Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft

Die Drogen sind neu, die Einsamkeit ist die alte: Die neue Graphic Novel von Daniel Clowes («Ghost World») ist ein verwickelter Zeitreisetrip über die grosse Liebe.

Von Florian Keller

Hin und her dank Zeitreisesaft: Kann Jack so seine tote Freundin retten? © Daniel Clowes, Reprodukt Verlag

Manchmal kann man echt froh sein, dass bei Büchern keine Geräuscheffekte mitgeliefert werden. «Ihr hättet mich hören sollen», sagt Jack zu Beginn der neuen Graphic Novel von Daniel Clowes. «Wie ein Beagle in einer Bärenfalle.» Der Sound bleibt uns also erspart, wenn er um sein Leben heult wie ein wundes Tier, wir dürfen es uns vorstellen. Jack ist gerade von der Arbeit gekommen, er hat ein schlechtes Gewissen, weil er seine schwangere Freundin Patience im Glauben lässt, er gehe einem zwar lausig bezahlten, aber ordentlichen Bürojob nach. Dabei verteilt er bloss Pornoflyer auf der Strasse, für weniger als ein Trinkgeld – und jetzt kommt er nach Hause, und da liegt seine Patience ermordet im Wohnzimmer.

Gegen alle Existenzängste hat sich dieses randständige Pärchen endlich so etwas wie privates Glück erkämpft. Doch jetzt, wo es schon fast zu greifen war, hat sich alles wieder zerschlagen, wie die umgestürzte Tischlampe, die neben der toten Patience in Scherben liegt. Wo, bitte, gehts von hier zum Happy End?

Wie ein bekiffter Marktschreier

Der Weg dahin ist verschlungen, aber nicht unmöglich. Denn Daniel Clowes, als Autor der Vorlage zum Film «Ghost World» (2001) auch über die Comicwelt hinaus bekannt geworden, erzählt in «Patience» nicht einfach eine tragische kleine Liebesgeschichte aus dem zeitgenössischen Prekariat, sondern zielt im Rückgriff auf psychedelisches Denken aufs grosse romantische Ganze. Er hat dazu auch einen grossspurig-abgedrehten Slogan über seine bislang epischste Graphic Novel ersonnen: Im Stil eines bekifften Marktschreiers nennt er sein Buch einen «kosmischen Zeitsprung-Todestrip ins urtümliche Unendliche der ewigen Liebe». Alles klar?

Jedenfalls: Siebzehn Jahre nach dem Tod seiner Geliebten ist der Witwer Jack – ergraut, abgelöscht – immer noch nicht über den Verlust seiner Zukunft hinweggekommen. Aber vielleicht weiss jetzt die Technik weiter, schliesslich sind wir schon im Jahr 2029, wo es neue Drogen gibt, die Einsamkeit aber die alte geblieben ist. Bei einem durchgeknallten Tüftler besorgt sich Jack einen Zeitreisesaft, der ihn in die Vergangenheit teleportiert – und landet zunächst im Jahr 2006, als er Patience noch gar nicht begegnet war. Bloss, was ist eigentlich seine Mission? Will er im Vorleben seiner Freundin aufspüren, wer sie umgebracht haben könnte? Oder gleich versuchen, den Mord an ihr zu verhindern?

Hin und her durch die Zeiten blättern: Das gabs unlängst schon bei Richard McGuire, der in seiner prächtigen Graphic Novel «Hier» (2015) auf engstem Raum die verschiedenen Epochen überblendete, in einer lyrischen Verschachtelung der Zeiten. So meditativ geht es bei Clowes nicht zu, hier sind wir im Popuniversum der Gadgets und Handgreiflichkeiten. Aber wer als Zeitreisender ins Geschehen eingreift, bringt bekanntlich immer auch die Zukunft aus dem Lot. Das ist bei Jack nicht anders, wenn er wie ein mysteriöser Schutzengel im Leben der jüngeren Patience aufkreuzt: Er bewahrt sie zwar vor dem Schlimmsten, wenn sie wieder mal an gewalttätige Männer oder andere üble Kerle gerät – aber daran, dass sie deshalb den einen oder anderen seelischen Schaden davonträgt, ist er selber auch nicht ganz unschuldig.

Verflüssigtes Zeitgefüge

Den sarkastischen Realismus seiner bekanntesten Werke hat Daniel Clowes zuletzt schon in «Der Todesstrahl» (2013) ins Fantastische erweitert, wo einem Teenager ein tödliches Gadget wie aus einem alten B-Movie in die Hände fällt. Wie er in «Patience» mit den Paradoxien der Zeitsprünge umgeht, das ist erzählerisch extrem raffiniert. Er fächert dabei die abenteuerlich verschlungene Lovestory sehr trocken als inneren Monolog auf, in meist klassisch formatierten Panels, die selten aufgebrochen werden – umso stärker jeweils der Kontrast, wenn Jacks sterbliche Hülle unter dem Einfluss des Zeitreisesafts plötzlich weich wie Kaugummi wird und das Gefüge der Zeit sich verflüssigt. Da beginnen die Partikel zu tanzen wie auf einem psychedelischen Trip. Oder wie man damals in den Sixties sagte, in denen Daniel Clowes seine Kindheit verbrachte: Freak out!

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