Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Hat die gegenwärtige Schweiz so wenig mit der vergangenen zu tun?

In der Migrationsdebatte ist die Geschichte kaum präsent. Und in der aktuellen Diskussion zur Schweizer Geschichte fehlt häufig die Migration. Ein Plädoyer für eine Geschichte wider den Gewohnheitstrieb.

Von Francesca Falk

Während uns das soeben zu Ende gegangene Wahljahr hitzige Debatten zur Migration brachte, zeigte uns das Jubiläumsjahr eine Geschichte der Schweiz, die weitgehend ohne Migration auskam.

Einer, der die historische Diskussion prägte, war der Historiker Thomas Maissen, der in seinem Buch «Schweizer Heldengeschichten» populäre Mythen der Schweizer Geschichte entzauberte. Die von politischer Seite vorgebrachte Kritik widerlegte er eloquent und kompetent stets aufs Neue. Dadurch war er aber auch permanent damit beschäftigt, Thesen abzuarbeiten, die von politischer Seite in den Raum gestellt wurden. Aus der Defensive ist es schwierig, selbst offensiv andere Themen und Thesen zur Schweizer Geschichte ins Spiel zu bringen. Ein in dieser Konstellation naheliegendes Thema wäre die Migrationsgeschichte gewesen. Dass diese in der aktuellen Debatte weitgehend ausgeblendet wurde, passte nicht nur vielen PolitikerInnen, sondern ist auch eine Folge der Art und Weise, wie die Geschichte der Schweiz bisher oft gelesen wurde.

Maissen selbst bezeichnete 2009 in der Sendung «Sternstunde Philosophie» die Migration als Marginale der Schweizer Geschichte, weil diese nicht mit den grossen Brüchen der nationalen Geschichte verbunden sei: «Man kann die deutsche Geschichte nicht schreiben, ohne die Wanderungen nach dem Zweiten Weltkrieg zu behandeln. Man kann sehr wohl SchweizerGeschichte schreiben und sagen, die Einwanderung der Italiener (oder was sie auch immer sind), ist ein marginales Problem. Denn es ist nicht verbunden mit den grossen Momenten der schweizerischen Geschichte, mit entscheidenden Brüchen, wie es eben die Dekolonisierung oder die beiden Weltkriege für die anderen Länder gewesen sind.»

Diese These liesse sich auf verschiedenen Ebenen hinterfragen. Wie wichtig Migrierende als demokratische Entwicklungshelfer für die Schweiz waren, werden wir später noch sehen. Wir können aber auch an die Vorreiterrolle  denken, die die Schweiz in der Ära des Rechtspopulisten James Schwarzenbach während der sechziger und siebziger Jahre bei der Etablierung fremdenfeindlicher Gruppierungen einnahm, oder an die Schliessung der Schweizer Grenzen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und an die auch innenpolitisch prägenden Folgen des damaligen «Überfremdungsdiskurses». Zudem hat die Alltagsgeschichte hinlänglich aufgezeigt, dass auch das zum Untersuchungsobjekt der  Geschichtswissenschaft gehört, was sich nicht entlang der scharfen Brüche der Politikgeschichte einordnen lässt. Genau deshalb verweist die Aussage von Maissen aber auch auf einen wichtigen Punkt: Migration als gesamtgesellschaftliche Prägekraft gerät so nicht in den Blick.

Stereotype auch bei Linken

Durch die laufende Geschichtsdebatte hat sich auch der Eindruck verfestigt, dass auf der einen Seite die SVP stand, auf der anderen Seite (von wenigen AusreisserInnen abgesehen) die gesamte professionelle Geschichtswissenschaft. Doch gerade bei der Migrationsthematik nahm auch die Geschichtswissenschaft zuweilen Wahrnehmungs- und Sprachmuster auf, die die zeitgenössischen und historischen Überfremdungsdiskurse widerspiegelten. Quellen mit kritischer Distanz zu lesen, gehört zum historischen Grundhandwerk, dennoch bleibt dies nie eine banale Herausforderung. Selbst HistorikerInnen, die sich politisch eher links verorten, sind nicht davor gefeit, Überfremdungsdiskurse auch selbst zu reproduzieren.

Ein anschauliches Beispiel aus dem auch für den Unterricht an den Universitäten langjährigen Standardwerk «Geschichte der Schweiz und der Schweizer» wurde vor kurzem von Damir Skenderovic in der «Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte» vorgebracht. Er zeigt, wie Anfang der 1980er Jahre bei der Beschreibung der sogenannten Überfremdungsdebatten der 1960e Jahre ein Bild in den Sechzigern empfundener Bedrohungsängste und Konfliktpotenziale nachgezeichnet wird, das sich selbst zeitgenössischer Stereotype bedient.

Francesca Falk

Unter dem Titel «Überfremdungsangst» findet sich ein Zitat, das in plastischen Worten die gesellschaftliche Entwicklung der sechziger Jahre thematisiert: «Die unablässig steigende Konjunktur veränderte ausserdem das Aussehen der Siedlungen und der Landschaft. Die Städte wuchsen in die Breite und Höhe, und die gewohnten Gebäudeformen, die den Charakter eines Ortsbildes geprägt hatten, machten kahlen kubischen Blöcken Platz. Das Strassennetz verdichtete sich und überzog sich mit Asphalt und Beton, vermochte aber den immer weiter anschwellenden Verkehr gleichwohl nicht zu bewältigen.» Von der Veränderung des Siedlungsbilds und der Thematik der Umweltverschmutzung springt der Text zur Beschreibung der Migration: «Als einschneidendste Veränderung empfand man jedoch weiterhin die massive Einwanderung von Arbeitern aus den Mittelmeerländern. Diese Zuwanderer waren oft lauter und lebhafter als die Einheimischen, weniger auf Sauberkeit und Ordnung bedacht als zumal die Deutschschweizer, gelegentlich auch gewandter im Erzielen kleiner Vorteile. Während die meisten von ihnen sich nur vorübergehend in der Schweiz aufzuhalten gedachten und wenig Neigung zur Eingliederung in eine fremde Gesellschaft bekundeten, wurden sie von vielen Ansässigen als Eindringlinge betrachtet, deretwegen man nicht mehr ‹unter sich› sein könne.»

Beton um die Migration

Der Text changiert zuweilen im gleichen Satz  zwischen der Beschreibung von Zuständen und  der Darstellung ihrer Wahrnehmung. Mit den Aussagen, dass die Zuwanderer weniger auf Sauberkeit und Ordnung bedacht waren und gelegentlich gewandter im Erzielen kleiner Vorteile und dass sie zudem wenig Neigung zur Eingliederung in eine fremde Gesellschaft bekundeten, wird allerdings beschrieben, wie die Migrierenden in den Augen der Autoren tatsächlich seien – und nicht, wie sie wahrgenommen wurden. Hätten die Autoren diese Passage so verfasst,  wenn sie auch eine Seconda als mögliche Leserin der «Geschichte der Schweiz und der Schweizer» vor Augen gehabt hätten?

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass bei dieser Darstellung die Migrations- und die Raumthematik eng ineinanderfliessen. Passend dazu ist auch das undatierte Bild, das sich am Ende dieses Absatzes zur Überfremdungsangst befindet. Es zeigt das Schloss Wittigkofen in der Nähe von Bern, das als traditionsreiches Patriziergut auch ein Symbol der «alten Schweiz»  darstellt, liess sich doch da zeitweise auch der Generalstab der Gegner der neuen Helvetischen Republik nieder. Das ehemalige Bauernhaus wird auf der publizierten Fotografie eng bedrängt von hochschiessenden Betonblöcken. In der visuellen Komposition erzeugt das Ensemble einen höchst dissonanten Eindruck. Nicht nur in der französischen Banlieue, auch in der Schweiz wurden Betonblöcke zum Inbegriff migrantischer Wohnquartiere.

Aus einer solchen geschaffenen Nähe zwischen der Migrations- und der Raumfrage wurde beim 1970 gegründeten und seit 1987 Ecopop genannten Verein schliesslich eine Verbindung hergestellt, die uns spätestens seit 2014 sehr vertraut erscheint: Aus einer zeitlichen Korrelation zwischen Migration und gesellschaftlichen Veränderungen wird ein Kausalitätsverhältnis konstruiert. Auch wenn wir die Autoren für diese «Geschichte danach» natürlich nicht verantwortlich machen wollen, bleibt festzuhalten, dass auch sie – wie die jüngste Ecopop-Initiative – die beiden Themen eng miteinander verflochten haben und die Migration dabei als drastischer Ausnahmezustand, als Sonder- und damit zugleich auch als Problemfall erscheint.

Unrecht als Normalität

Doch auch die Schweizer Nationalgeschichte ist natürlich nicht beim Stand der 1980er Jahre  stehen geblieben. Das Nachfolgewerk der «Geschichte der Schweiz und der Schweizer» erschien 2014 unter dem Titel «Die Geschichte der  Schweiz». Der thematische Beitrag spezifisch  zur Migrationsthematik endet in diesem umfassenden Sammelwerk mit der Aussage: «Dennoch hat die Schweiz bis heute Mühe, offiziell anzuerkennen, dass sie ein Einwanderungsland ist.» Im Licht dieser Feststellung irritiert allerdings der Titel des Beitrags, «Fremde in der Schweiz», sowie der Umstand, dass im Text explizit die Perspektive der SchweizerInnen eingenommen wird. Dies zeigt sich an Formulierungen wie es «liessen sich immer mehr Ausländer, vor allem aus den Nachbarstaaten, in unserem Land nieder». Beim Gang durch die Geschichte begegnen wir in diesem Text allzu bekannten Wendungen: Wir lesen unter anderem von einer «massiven Einwanderung», einer «unkontrollierten Zuwanderung arbeitssuchender Asylbewerber», einem «Zustrom von Flüchtlingen», einem «massiven Andrang von Arbeitskräften» und von einem «akuten politischen und sozialen Problem».

Was lernen wir daraus? Die Sprache der Politik und die Sprache der Wissenschaft liegen nicht immer weit voneinander: Auch gegen die eigene Absicht werden in der Geschichtsschreibung schnell dominierende Diskurse reproduziert. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Die beste Methode, eine Ungerechtigkeit unsichtbar zu machen, ist deshalb, sie in der Zeit zu verstetigen. Eine Funktion kritischer Geschichtsschreibung besteht darin, Ungleichbehandlungen sichtbar zu machen, die im Lauf der Zeit normalisiert werden. Geschichtswissenschaft wirkt so hartnäckig wider den Gewohnheitstrieb. Und eine der am wenigsten hinterfragten Ungleichbehandlungen zeigt sich heute nun einmal zwischen denen, die als zugehörig gelten, und jenen, die als «ausserhalb des Stammes stehend» gesehen werden.

Demokratische Entwicklungshelfer

Ebenfalls 2014 präsentierte uns André Holenstein mit seinem neusten Buch eine luzide Abgrenzungs- und Verflechtungsgeschichte der Schweiz, die unter anderem zeigt, dass die Souveränität der Schweiz zu weiten Teilen nicht einfach «made in Switzerland» ist – eine ausgesprochen produktive Deutungsweise. Allerdings werden dabei koloniale Verflechtungen vernachlässigt, denn die Schweiz wird bereits im Titel des Buchs «Mitten in Europa» verortet. Holenstein rekonstruiert die Auswanderung aus der Schweiz in vielen spannenden Facetten. In Bezug auf die Einwanderung wird hingegen zwar ihre wirtschaftliche Produktivität thematisiert, kaum aber ihre gesellschaftspolitische Prägekraft.

Selbst die Entwicklung der Demokratie,  die oft als eine genuin urschweizerische Angelegenheit erscheint, lässt sich mit Gewinn aus einer Migrationsperspektive beschreiben. Kürzlich verwies Holenstein im Rahmen einer meiner  Lehrveranstaltungen auf die deutschen Gebrüder Snell, die gerade für die Staatsbildung der Schweiz äussert interessante Figuren gewesen seien. Ludwig Snells Schriften aus den 1830er und 1840er Jahren waren unter anderem wichtig für die Entstehung der Zürcher Kantons- und der eidgenössischen Bundesverfassung, zudem war Ludwig Snell ein vehementer Verfechter der Pressefreiheit. In der Literatur werden die beiden Brüder als «innenpolitische Entwicklungshelfer» bezeichnet, und wir finden da auch den spannenden Hinweis, dass gerade griechische Flüchtlinge der liberalen Bewegung im Vorfeld der Regeneration wichtige Impulse gaben. Genau bei solchen Beispielen gilt es meiner Meinung nach anzusetzen, denn eine solche Geschichte, die systematisch aus der Migrationsperspektive erzählt wird, könnte das Selbstverständnis der Schweiz tatsächlich verändern.

Alleinernährer und Kinderkrippen

Beispielsweise wird heute Migration oft mit einem Rückschritt in der Gleichstellung der Geschlechter in Verbindung gebracht, denken wir nur an die sogenannte Verschleierungsdebatte und an die argumentative Ausgangslage, die der Minarettinitiative zum Erfolg verhalf. Noch 1968 erwähnte der Vorsteher der Fremdenpolizei des Kantons Bern als Merkmale bei der «Beurteilung der Assimilationsreife der Ausländer in der Schweiz» indes die «übertriebene Trauerkleidung» der Italienerinnen, die sich in bestimmten Fällen vollständig schwarz kleideten und Kopfschleier in der Kirche trügen, die nicht den örtlichen Bräuchen entsprächen. Das Bild der unselbstständigen und unterdrückten Muslima weist insgesamt viele Züge auf, die aus einer historischen Perspektive sehr vertraut erscheinen. In diesem Zusammenhang ist es weiter bemerkenswert, dass in der wissenschaftlichen Literatur die sogenannte Gastarbeitermigration oft als Verstärkung der traditionellen Rollenverteilung von Alleinernährer und Hausfrau und als Verdrängung der Frauen aus dem Arbeitsmarkt gedeutet wurde.

Vielmehr war in der Nachkriegsschweiz  die Migration ein treibender Faktor für den  Ausbau einer Krippeninfrastruktur. Denn die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellte sich in diesen Jahren explizit für die Migrantinnen: Nach einem Kommentar zur Volkszählung von 1970 belief sich der Anteil der berufstätigen Ausländerinnen am Zuwachs weiblicher Erwerbstätigkeit zwischen 1950 und 1960 auf drei Viertel und zwischen 1960 und 1970 auf mehr als die Hälfte. Gleichzeitig wird die Nachkriegsmigration aus Italien in die Schweiz oft als Emanzipationsgeschichte vom Süden in den Norden erzählt: Italienische Frauen hätten demnach in der moderneren Schweiz ihre Emanzipation entdeckt.

Interessanterweise kann diese Migrationserfahrung gerade auch umgekehrt dargestellt werden, waren doch in Italien die Frauen damals rechtlich und politisch besser gestellt. Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz bekanntlich nicht wie in Italien unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt, und auch die Geschlechtergleichheit vor dem Gesetz wurde in Italien viel früher verankert. Ähnliche Verzögerungen beobachten wir auch in anderen Bereichen,  so beispielsweise beim Ehegesetz oder bei der Mutterschaftsversicherung. Auch war es etwa in den Städten Norditaliens selbstverständlicher als in der Schweiz, dass Frauen arbeiteten, weshalb Blockzeiten da vielerorts Jahrzehnte früher realisiert wurden. Aus einer solchen migrantischen Perspektive zeigen sich die Entwicklungs- und Demokratiedefizite der damaligen Schweiz besonders deutlich.

Meine Mutter, die 1974 aus einer norditalienischen Grossstadt in die ländliche Ostschweiz gekommen war, drückte diese Erfahrung kürzlich so aus: «Mir schien es, ich weiss nicht, als ob ich hundert − oder zumindest fünfzig – Jahre in der Zeit zurückgegangen sei.»

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