Nr. 39/2019 vom 26.09.2019

Gerechtigkeit statt Ablasshandel

Beim Uno-Gipfel lassen die VertreterInnen der Industriestaaten konkrete Pläne vermissen. Derweil wird im Globalen Süden der Ruf nach Klimagerechtigkeit laut – etwa in Kenia.

Von Markus Spörndli, Nairobi

Anders als in deutschsprachigen Medien rapportiert, fand am Montag in New York nicht einfach nur ein Klimagipfel statt, sondern ein «Klimaaktionsgipfel». Uno-Generalsekretär António Guterres wies die angereisten Regierungschefs und Ministerinnen denn auch an, die Zeit am «Climate Action Summit» nicht mit blumigen Reden zu verschwenden, sondern konkret darzulegen, wie die Staaten die schlimmsten Folgen der globalen Erwärmung verhindern wollen.

Guterres’ Aufruf blieb ziemlich folgenlos – insbesondere bei den grössten Klimasündern dieser Welt. Die US-Regierung, die aus dem Pariser Klimaabkommen austreten will, hatte gar nicht erst Redezeit beantragt. Der chinesische Präsident liess sich durch einen Sondergesandten vertreten, der gerade mal versicherte, dass die Volksrepublik ihre Verpflichtungen unter dem Pariser Abkommen «gewissenhaft einhalten» werde. Das hätte auch die EU-Vertretung so formulieren können: Im grössten Wirtschaftsblock der Welt stehen offenbar ebenfalls keine grösseren Aktionen an.

Dabei hätten die StaatenlenkerInnen mehr als genug Feuer unter ihren Hintern spüren müssen. Nicht nur durch die weltweiten Klimaproteste vom vergangenen Freitag und die wütende Rede, die Greta Thunberg zum Gipfelstart im Namen der vielen in New York anwesenden Jugendorganisationen hielt, sondern auch durch eine tags zuvor veröffentlichte Studie der Weltorganisation für Meteorologie, die drastisch aufzeigt, dass sich die Welt noch rascher erhitzt als bisher prognostiziert.

Trotzdem hat der weltweite Ausstoss von CO2 noch immer nicht den Höhepunkt erreicht. Wer am meisten unter den Folgen der Klimakrise leiden wird, ist klar: die Jugend. Und ganz besonders die Jugend im Globalen Süden. Sieben der zehn am meisten betroffenen Länder liegen in Afrika. Davon zeugten allein im laufenden Jahr zwei Hurrikane mit vielen Toten in Moçambique, Hochwasser in Südafrika und Sierra Leone und übermässige Dürren in der Sahelregion.

Der Minister ist schon abgereist

Rund sechzehn Prozent der Weltbevölkerung leben auf dem afrikanischen Kontinent – doch sie produzieren nur etwas über sieben Prozent der Gase, die für die Klimaerwärmung verantwortlich sind. Regierungen und AktivistInnen im Globalen Süden betrachten die Klimakrise deshalb als integralen Teil der globalen Ungleichheit.

In Kenias Hauptstadt Nairobi fand am vergangenen Freitag denn auch nicht einfach ein Klimastreik statt, sondern ein «Climate Justice March». Globale Gerechtigkeit stand mindestens so stark im Zentrum wie die Sorgen wegen der Erderwärmung. Es war wohl auch kein Zufall, dass sich die Demonstrierenden beim Denkmal für die Opfer des britischen Kolonialismus versammelten. Viele AktivistInnen ziehen eine direkte Linie von den alten Mechanismen kolonialer Ausbeutung über die Korruption der heutigen politischen Elite bis hin zu den Kosten der Klimakrise.

Zum Marsch in Nairobi riefen Dutzende von Jugendorganisationen auf. Einer der Wortführer ist Peter Moll, Gründer und Chef einer NGO namens Stand Up Shout Out. Der 26-Jährige, der seinen Nachnamen von einem österreichischen Grossvater geerbt hat, sagt: «Natürlich versuchen wir auch in Kenia, den Klimaschutz voranzubringen. Doch das Potenzial hier ist begrenzt. Viel wichtiger ist internationales Lobbying, damit wir nicht länger die Konsequenzen des anderswo verursachten Klimawandels tragen müssen.»

Dann gehts los. Hunderte junge KenianerInnen setzen sich in Bewegung, mit Trillerpfeifen und Transparenten bewaffnet marschieren sie durch die Innenstadt. Der Verkehr steht still, und für einmal sind daran nicht nur die viel zu vielen Fahrzeuge schuld, die täglich die Strassen Nairobis verstopfen. Der Marsch zieht am Energieministerium vorbei, am Parlament, am Regierungssitz und endet beim Umweltministerium, wo einer hohen Beamtin (der Minister soll angeblich schon auf dem Weg nach New York sein) ein Statement überreicht wird.

Die meisten DemonstrantInnen repräsentieren allerdings eine urbane, studentische Elite. Das zeigt sich in den Forderungen an die Regierung, saubere Energiequellen oder effizienten öffentlichen Verkehr zu fördern. Die immer öfter auftretenden Dürren im Norden des Landes wurden hingegen zwar als Begründung herangezogen, dass die Klimakrise «real» sei. Mit ihnen wurde aber nicht die Forderung verbunden, dass die Regierung die daraus resultierenden Hungerkrisen verhindern müsse. Dabei ist die kenianische Umweltbewegung durchaus imstande, die Regierung in Schach zu halten: AktivistInnen verhinderten dieses Jahr ein Kohlekraftwerk, das nahe der Küstenstadt Lamu erbaut werden sollte und Kenias Ausstoss klimaschädlicher Gase versiebenfacht hätte.

Norwegens Millionenzahlung

In New York wurde derweil zwar verkündet, dass Norwegen 150 Millionen US-Dollar an Gabun zahlen wird, um die Primärwälder zu schützen. Doch hat das mehr mit Ablasshandel als mit Gerechtigkeit zu tun: Das nordeuropäische Land, das mit Erdöl reich geworden ist, bezahlt das zentralafrikanische Land, damit es die Klimasünden kompensiert.

Möglicherweise ist der Gipfel zur «Finanzierung nachhaltiger Entwicklung», der am Erscheinungstag dieser WOZ ebenfalls in New York stattfindet, für die Menschen im Globalen Süden etwas ergiebiger. Denn die Welt ist nicht nur bei den Klimazielen im Hintertreffen, sondern auch bei den nachhaltigen Entwicklungszielen, die bis 2030 erreicht werden sollen. Jährlich müssten dafür fünf bis sieben Billionen US-Dollar investiert werden.

Auf einigen Transparenten auf Nairobis Strassen stand denn auch gross «WTF». Hier war das für einmal nicht das Akronym für «What the Fuck», sondern für «Where’s the Finance?» – wo bleibt das Geld?

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