Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Die Rede des Gärtners

Michelle Steinbeck treibt die Investigation voran

Von Michelle Steinbeck

Was bisher geschah: Ich verbringe ein paar Wochen in Italien in einer ehemaligen Jagdresidenz, die nun einer russischen Oligarchin gehört, die gerne Kunst hat. Bereits nach kurzer Zeit zeigen sich Schimmelflecken im Paradies: Die nettesten Angestellten stellen sich als Faschisten heraus – und die Villa als Geisterhaus. Von da an schlafe ich schlecht und versuche, den unaufgeklärten Fall eines Mordes an einer jungen Hausangestellten von 1947 zu lösen. Und nebenbei die Hierarchien im Haus aufzuweichen.

In meiner investigativen Rolle komme ich mit allen Leuten in Kontakt; ich ging sogar in den Schönheitssalon im Dorf, weil ich hörte, die Kosmetikerin wüsste da etwas. Während sie mir Haare ausriss, erzählte sie Folgendes: Der Mord von damals sei weder ein Eifersuchtsdrama noch ein Verbrechen aus Leidenschaft, sondern vielmehr ein politischer Mord gewesen. Die Frau, die in der Villa gearbeitet habe, sei mit dem Tablett in den Salon getreten, wo gerade eine wichtige Diskussion stattfand: eine Verschwörung, den Faschismus wiederauferstehen zu lassen und die Bauernsyndikate zu zerschlagen. Sie hätte das nicht hören sollen – deswegen musste sie weg.

Das Gerücht, dass sie schlicht zu schön und zu freizügig war und deshalb hatte sterben müssen, quasi natürlicherweise, verbreitete sich dann wie von selbst. Niemand habe je den Hausherrn denunziert, schliesslich hingen sie alle von ihm und seinem Reichtum ab.

Ich hefte mich den Gärtnern an die Fersen, pflanze Kohlsetzlinge und lese Weintrauben, räume nach dem Sturm Bäume aus dem Weg; so erfahre ich nach und nach die Geheimnisse des Ortes: wer nachts heimlich nach Trüffeln gräbt, wie beim Weinfest eine Kiste verschwunden ist («Wir haben den Wein aufgezogen, wir haben ihn gelesen, aber probiert haben wir ihn nie»), wer wieder von heute auf morgen gekündigt hat – ein Luxus, den sich aber nur die amerikanischen Küchenchefs und die australischen Praktikantinnen leisten können. Die Lokalen sind seit Generationen auf diesen Betrieb angewiesen, und umgekehrt unterhalten sie ihn und kennen ihn besser als die Besitzerin selbst – «mein Grossvater hat diese Strasse gebaut». Während sie am Pool Nannys mit Limonade bedienen, ist ihnen jegliche Benutzung verboten. Viele sind noch nie ins Ausland gereist.

So wie das Olivenöl im Restaurant als hausgemachte Bioqualität verkauft wird, tatsächlich aber aus dem Plastikkanister stammt («das billigste, das du im Supermarkt finden kannst»), so ist es etwa mit dem Versprechen vom diversen Zusammenleben auf Augenhöhe auf dem Landgut. Zum letzten Abend unseres zusammengewürfelten Kollektivs laden wir das Personal ein, der Obergärtner kommt allein. Wir überbieten uns gegenseitig im Komplimentspiel – jede erklärt der Person zu ihrer Linken, warum sie sie liebt. Der englische Autor hält eine Rede auf unsere Gruppe: «Niemand von euch ist sehr wichtig, und niemand von euch ist sehr reich. Und doch seid ihr so … wertvoll. Das habe ich noch nie erlebt, das hat mein Leben bereichert.» Als der Gärtner an die Reihe kommt, hält er unverhofft eine so flammende, passende Rede auf den Musiker neben sich, dass sich alle unwichtigen Künstlerinnen die Augen reiben. Bevor er geht, sagt er: «Das Spiel gefällt mir. Das mache ich nun mit meinen Freunden. Wer die Rede hält, bei der am meisten weinen, gewinnt.»

Michelle Steinbeck ist Autorin. Sie schreibt an einem Krimi.

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