Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Lockdown oder Essen

Die Coronaquarantäne stellt die Menschen in den Favelas vor ein Problem: Wenn sie nicht arbeiten, verlieren sie ihr Einkommen. Statt auf den Staat zu warten, organisieren sie sich nun lieber selbst. Ein Streifzug.

Von Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro

«Das Coronavirus ist kein Grippchen»: Hilfsorganisationen verteilen Seife und Desinfektionsmittel in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro. Foto: Leo Correa, Keystone

Das Taxi kommt aus dem Tunnel und hält am Eingang zur Rocinha im Westen Rio de Janeiros. Das Viertel mit rund 100 000 EinwohnerInnen ist die grösste Favela Brasiliens, ihre zumeist unverputzten Häuser ziehen sich dicht an dicht einen steilen Berghang hinauf. Sie wirken wie ineinander verschachtelt; Freiflächen oder Grün sind inmitten des Häuserlabyrinths nicht auszumachen.

Bereits der Anblick verdeutlicht das Problem in Zeiten der Coronapandemie: Es mangelt an Platz in der Rocinha, die eine Bevölkerungsdichte von 70 000 Menschen pro Quadratkilometer aufweist. Zum Vergleich: In Zürich leben auf der gleichen Fläche durchschnittlich 4500 Menschen. Unter diesen Umständen ist es schwierig, das Gebot der physischen Distanz einzuhalten. Die Gassen und Treppchen im Innern der Favela sind zumeist so schmal, dass man bei jedem Gang in engen Kontakt mit anderen Menschen kommt.

Homeoffice: ein Fremdwort

In den Häusern und Wohnungen selbst drängen sich die Familien auf einigen Dutzend Quadratmetern. Dass drei Generationen zusammenleben und drei oder vier Menschen in einem Zimmer schlafen, ist nicht unüblich. Auch deshalb ist es praktisch unmöglich, immerfort in den eigenen vier Wänden zu bleiben, wie es Brasiliens Behörden nun dringend raten.

Rio de Janeiros Gouverneur Wilson Witzel hat wie die meisten anderen Länderchefs und Bürgermeisterinnen Brasiliens das öffentliche Leben grösstenteils lahmlegen lassen. Alle Unternehmen und Geschäfte, die nicht der Lebensmittelversorgung dienen, sind geschlossen. Sämtliche Veranstaltungen wurden abgesagt, der Fernbusverkehr eingestellt, der öffentliche Nahverkehr ausgedünnt. EuropäerInnen kommen nicht mehr ins Land, und Sonnenhungrige werden der Strände verwiesen.

«Für die meisten Menschen in den Favelas ist es ein Problem, wenn sie nicht mehr auf die Strasse gehen dürfen», sagt Magda Gomes. «Denn wenn sie tagsüber nicht arbeiten, essen sie abends nichts.» Mit «sie» meint die Mitbegründerin des Kollektivs Rocinha Resiste (Rocinha leistet Widerstand) die Millionen FavelabewohnerInnen, die im informellen Sektor tätig sind. Menschen, die sich als Strassen- oder Strandverkäuferinnen, Autowäscher, Bedienungen oder Haushaltshilfen durchschlagen, als Uber-Fahrer, Essenszusteller oder Kosmetikerinnen. Sie arbeiten auf eigene Rechnung und erhalten weder Arbeitslosengeld noch eine Lohnfortzahlung im Abwesenheitsfall. Homeoffice ist für sie praktisch ein Fremdwort.

Die aktuelle Situation stellt sie vor ein Dilemma. Einerseits haben viele Angst vor dem Coronavirus und würden gerne daheim bleiben. Andererseits fürchten sie, ihren Kindern dann kein Essen mehr auf den Tisch stellen zu können.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro versucht, diesen Konflikt politisch auszunutzen, und stellt sich vordergründig auf die Seite der Armen. Er ruft die Bevölkerung dazu auf, wieder ihrem Alltag nachzugehen, die Geschäfte sollen öffnen, die Wirtschaft dürfe nicht stillstehen. Denn sonst, so die präsidiale Logik, gäbe es verbreitet Verelendung, Hunger und Gewalt, was weitaus schlimmer wäre als ein paar Tausend Covid-19-Tote. Bolsonaro schafft damit einen falschen Widerspruch zwischen dem Kampf gegen das Virus und dessen wirtschaftlichen Kosten: Die ökonomischen Folgekosten würden ja noch weitaus höher ausfallen, wenn man den Kampf nicht führen würde.

«Coronagutscheine» für die Armen

In der Rocinha zeigen Bolsonaros Worte derweil Wirkung. Über der Hauptstrasse hängt zwar ein Transparent: «Bleib zu Hause». Dennoch sind zahlreiche Geschäfte geöffnet, es ist ein ständiges Kommen und Gehen, MotorradtaxifahrerInnen bringen BewohnerInnen in hoher Frequenz die Favela rauf und runter.

Einige der FahrerInnen tragen Handschuhe und sagen, dass sie keine Helme an ihre Fahrgäste ausgeben würden, damit diese sich nicht gegenseitig ansteckten. Sie berichten aber auch, dass seit zwei, drei Tagen in der Favela wieder mehr Leben herrsche als noch am Anfang der Quarantäne Mitte März. Ähnliches hört man in Rio auch aus anderen Favelas, in denen insgesamt 1,4 Millionen Menschen leben und damit rund ein Fünftel der Stadtbevölkerung.

Unweit des Motorradtaxistands hat ein Herrencoiffeur geöffnet; drei Angestellte schneiden den Kunden Haare und Bärte. Keiner von ihnen trägt Mundschutz oder Handschuhe, einzig ein Spender mit Alkoholgel steht herum. Einer der Coiffeure, er ist Ende dreissig, sagt, der Inhaber des Salons habe entschieden zu öffnen, weil er sonst die Miete nicht zahlen könne. Er selbst arbeite, weil er für das Einkommen seiner Familie alleine zuständig sei. Seine Frau habe im Schönheitssalon in einem Shoppingcenter gearbeitet, das geschlossen worden sei. «Wir haben zwei Kinder», sagt er.

Der Mann wirkt ratlos und verunsichert. Irgendwie müsse es ja weitergehen, meint er. Er könne nicht untätig zu Hause sitzen und warten, bis kein Geld mehr da sei. Lockdown oder Essen, das sei für ihn die Alternative. Er hofft nun auf die umgerechnet 110 Franken, die die Regierung drei Monate lang an Angestellte und ArbeiterInnen in prekären Arbeitsverhältnissen und im informellen Sektor zahlen will. Als «Coronagutschein» wird die Hilfe bereits bezeichnet.

Das Dilemma der Armen verdeutlicht einmal mehr die neofeudale Gesellschaftsordnung Brasiliens. Die erste Coronatote in Rio de Janeiro war eine 63-jährige Hausangestellte aus einem Armenviertel an der Peripherie. Ihre Chefin im Reichenviertel Leblon hatte sich während der Ferien in Italien mit dem Virus infiziert. Sie übertrug es auf die Hausangestellte, der keine andere Wahl geblieben war, als zur Arbeit zu erscheinen, um ihr Einkommen nicht zu verlieren.

«Die Menschen in der Favela befinden sich zwischen Baum und Borke», sagt Magda Gomes. Die 26-jährige Schwarze ist eine der wichtigsten Stimmen in der Rocinha. Sie gibt am Telefon Auskunft, weil ihr ein Treffen zu riskant war. Dies auch, weil AusländerInnen in der Rocinha nicht mehr gerne gesehen werden. Eine AnwohnerInnenorganisation hat TouristInnen, die vor der Coronakrise täglich durch die Favela zogen, sogar den Zutritt verboten.

Covid-19 hat in Brasilien ohnehin bislang den Ruf, eine Reichenkrankheit zu sein. Das Virus kam mit BrasilianerInnen ins Land, die Ferien in Europa gemacht hatten; die Covid-19-Fälle häuften sich zunächst in den wohlhabenden Vierteln São Paulos.

Nun werden aus den Favelas von Rio die ersten fünf Erkrankten gemeldet; die Rocinha ist nicht darunter. Aber niemand kann sagen, wie hoch die Dunkelziffer ist, weil nicht genug getestet wird. Damit ist eingetreten, wovor Gesundheitsminister Henrique Mandetta schon vor Wochen gewarnt hatte. Er sagt auch, dass eine Ausbreitung des Coronavirus in den Favelas des Landes schnell zu unkontrollierbaren Zuständen führen könnte. Angesichts dieser dramatischen Einschätzung ist die Regierung dort bislang erstaunlich abwesend. Es sind die BewohnerInnen selbst, die etwas tun.

Drogengangs ergreifen die Initiative

Magda Gomes ist seit Tagen schwer beschäftigt. Ihr Kollektiv hat in der Rocinha Hilfe für 350 bedürftige Familien organisiert. Sie sollen drei Monate lang eine sogenannte Cesta Básica erhalten, ein Paket mit Grundnahrungsmitteln: Reis, Bohnen, Kaffee, Zucker, Seife und Öl. Ausserdem lege man Alkoholgel dazu, sagt Gomes. Finanziert habe man die Aktion über Spenden; umgerechnet dreissig Franken koste ein Hilfspaket.

Die EmpfängerInnen sind etwa Familien, die Getränke auf der Strasse verkauften. Ihnen brachen von einem Tag auf den anderen die Einnahmen weg. Sie lebten von der Hand in den Mund, dann war plötzlich wegen der Quarantäne nicht mal mehr die Hand da. Die Familien erhielten die Hilfe, nachdem man sie kontaktiert habe, berichtet Gomes. So verhindere man Menschenansammlungen wie neulich vor einem Gebäude der Stadtverwaltung, als das Gerücht umging, dort würden Lebensmittel verteilt.

Es ist Magda Gomes wichtig, dass die Aktion von Rocinha Resiste Nothilfe ist. Eigentlich geht es ihrem Kollektiv darum, den Staat stärker in die Verantwortung zu nehmen. Die jahrelange Vernachlässigung habe beispielsweise dazu geführt, dass die hygienischen Verhältnisse in der Rocinha – so wie in allen Favelas – katastrophal seien. Das Abwasser fliesst stinkend in offenen Kanälen den Hügel hinunter. Die Müllabfuhr kommt nicht regelmässig, es bilden sich Abfallberge, und an fliessendem Wasser mangelt es auch, weil die Pumpen, die es die Favela hinaufbefördern, nicht richtig gewartet werden.

Die Coronakrise wird durch bereits existierende Krankheiten verschärft. Im April beginnt in Rio de Janeiro die Denguesaison. Das lebensgefährliche Fieber, dessen Erreger von Moskitos übertragen wird, breitet sich in den Favelas wegen der hohen Bevölkerungsdichte viel stärker aus als anderswo. Und dann ist da noch die Tuberkulose. Die Lungenkrankheit betrifft vor allem den unteren Teil der Rocinha, in dessen schattigen Gassen einem Feuchtigkeit und Schimmel regelrecht in die Nase kriechen. Covid-19 ist für die FavelabewohnerInnen nun eine weitere gefährliche Plage.

Hilfsaktionen wie diejenige von Rocinha Resiste sind jetzt in zahlreichen Favelas angelaufen. Sie werden von BewohnerInnenvereinigungen, NGOs und politischen Gruppen organisiert. Und sie sind meist mit Informationskampagnen verbunden. Lautsprecherwagen fahren durch die Strassen, Transparente werden aufgehängt, Plakate geklebt. «Mach dich schlau, Bewohner!» heisst es auf einem Plakat des Kollektivs Roça im Favelakomplex Maré. «Das Coronavirus ist kein Grippchen.»

In manchen Favelas haben sogar die Drogenkommandos die Initiative ergriffen. In einem Aufruf des Terceiro Comando Puro heisst es, die Leute sollten besser zu Hause bleiben. «Wenn du ohne Grund auf der Strasse erwischt wirst, stirbst du nicht am Coronavirus, sondern an Schlägen.» Einige Drogengangs sollen den HändlerInnen in den Favelas sogar verboten haben, die Preise zu erhöhen.

Tereza Onã arbeitet in der Favela Nova Holanda für die NGO Redes da Maré. Diese hat ebenfalls eine Verteilungsaktion mit Hilfspaketen für 6000 arme Familien gestartet. Von den 140 000 BewohnerInnen leben 55 Prozent unter der Armutsgrenze und 9 in extremer Armut. Onã sagt, die Coronakrise erhöhe die Verwundbarkeit der Favelas weiter. In solch einer Krise werde deutlicher denn je, wer in der Gesellschaft Zugang zu Gesundheit, Informationen und Schutz habe und wer nicht. «Aber wir alle erfüllen unsere Pflicht», sagt Onã. «Wir bekämpfen das Virus mit Aufklärung. Und den Hunger mit Lebensmitteln. Nur der Präsident tut nichts.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch