Von oben herab : Nackt

Nr.  41 –

Stefan Gärtner über die Pornopartei SVP

Es ist ja gar nicht wahr, dass das sog. Volk nicht mehr gefragt würde, und darum wissen wir jetzt, dass 39 Prozent der SVP-Kundschaft eine Intimvollrasur beim Partner oder der Partnerin erwarten und nur 20 bzw. 25 Prozent derer, die grün oder sozialdemokratisch wählen. Das hat «20 Minuten» herausgefunden und gern mitgeteilt.

Man mag geahnt haben, dass die SVP hinter der Fassade aus sauberer Schweiz und Recht und Ordnung die eigentliche Pornopartei ist, denn ohne Porno lässt sich der Umstand, dass sich das Intimrasieren derart durchgesetzt hat, nicht erklären, genauer: ohne die Pornofizierung der Gesellschaft. Es ist vermutlich kein Zufall, dass der blanke Schritt eine sozusagen neoliberale Erscheinung ist, während in den sozialdemokratischen Jahren Menschen, die sich beim Vollzug filmen liessen, so aussahen, wie es heute schon fast einem Fetisch entspricht. In einem schlechten Roman, der mir mit elf oder zwölf in die Finger fiel (nee: den Mutti mir arglos geschenkt hatte, weil er im örtlichen Schreibwarenladen auslag), ging es an einer Stelle um «das dunkle Dreieck zwischen ihren Beinen», und ich sage nicht zu viel, wenn ich sage, dass wenig in meinem Leben so schön schockierend gewesen ist. Das Schamdreieck war der Urreiz, war der Sex selbst, der freilich noch, sit venia verbo, lange harte Jahre auf sich warten liess.

Man muss das Intimrasieren, das bereits antike Hochkulturen kannten und welches zu den Vorlieben gehört, deren Grund noch nichts über ihren Wert sagt, nicht ablehnen, um nicht zu sehen, was nicht zu übersehen ist: Der enthaarte Intimbereich ist das Nackte hinter dem Nackten, ist der Strip, wenns eigentlich nicht mehr weitergeht. «Die Intimgesellschaft», heisst es wiederum bei Byung-Chul Han, «ist eine psychologisierte, entritualisierte Gesellschaft. Sie ist eine Gesellschaft des Geständnisses, der Entblössung und der pornografischen Distanzlosigkeit.» Deshalb halten die Leut’ ihr Natel auch nicht mehr ans Ohr, sondern vor den Mund, damit jeder und jede höre, was ehedem privat war, und was das Haar einmal verbarg, liegt jetzt so offen da wie der Mensch, den die «digitale Welt» (Sascha Lobo) und der «Darstellungskapitalismus» (Jürgen Roth) zum Sehen und Gesehenwerden nötigen. In Hans geheimnisloser «Transparenzgesellschaft» gibt es nichts mehr zu verbergen, wie ja auch alle immer weniger anhaben, und was sie anhaben, ist Schrott, weil sie eigentlich lieber nackt sein wollen. Sonst sieht man ja die Tattoos nicht.

Der Körper, den der klassische Faschismus nur als Statue, als Oberfläche und Gewalttat dachte und den die Heutigen, statt ihn zivilisiert und bestenfalls geschmackvoll zu verhüllen, so verbissen verzieren, modifizieren, bearbeiten, bemalen, ist so haarlos, wie es Statuen eben sind, und die Gewalt, die hier schläft, unterhält eine dialektische Verbindung zu jener kindlichen Unschuld, auf die mindestens der haarlose weibliche Unterleib anspielt. Die männliche Rasur dient dagegen der optischen Vergrösserung des Geschlechtswerkzeugs, und also trifft, ganz wie es real existierender Pornografie (und Faschismus eben auch) eingeschrieben ist, männliche Grösse auf weibliche Bereitschaft, trifft Gewalt auf als jungfräulich Imaginiertes, und wer will, hat hier wieder eine «imperiale Lebensweise» (Ulrich Brand/Markus Wissen) mehr.

Erlaubt ist, was geil ist, aber kein neuzeitliches Blankziehen ohne Pornofizierung, die als kapitalistische Funktion zu erkennen Han nicht schwerfällt: «Der Kapitalismus verschärft die Pornografisierung der Gesellschaft, indem er alles als Ware ausstellt und der Hypervisibilität ausliefert. Angestrebt wird die Maximierung des Ausstellungswertes. Der Kapitalismus kennt keinen anderen Gebrauch der Sexualität.» Und die SVP, voilà, nichts anderes als Kapitalismus.

Was zu beweisen war.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe