Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

Wer versteht die neue Sprache der Erregung?

Warum Authentizität nicht zum Porno passt. Wo die feinen Unterschiede zwischen Frauenporno und Porno liegen. Und was das mit der Lust zu tun hat.

Von Sarah Schaschek

Chroniques sexuelles d'une famille d'aujourd'hui: ein Film von Jean-Marc Barr und Pascal Arnold

Es gab einmal eine Zeit, da hatte die feministische Bewegung einen klaren Gegner und ein klares Ziel: Der Gegner hiess Pornografie, und das Ziel war deren Vernichtung. Zur gleichen Zeit hatte die Pornoindustrie eine klare Vorstellung von ihrem Publikum und davon, was es wollte: Es war männlich und sah gern in Grosseinstellung, wie Frauen penetriert werden. So weit die Legende.

Wer vergangene Woche die Stufen zum Kino Moviemento in Berlin-Kreuzberg erklomm, erblickte ein anderes Gesicht der Pornografie. Auf dem Pornfilmfestival, das seit 2006 in Berlin stattfindet, liefen alle möglichen Filme über Sex, nur nicht über solchen, der ins klassische pornografische Schema passen würde. Und wenn man sich die Klassiker der Retroreihe anschaute, zerbröselte auch die Idee, dass es je ein Schema gab.

In tiefen Kinopolstern versunken, konnte man andere Menschen dabei betrachten, wie sie sich fesseln, reiben, fingern, beissen, ficken. Schwule, Lesben, Transen, Alte, Ökos, Asexuelle, jede Art des Begehrens wurde für leinwandtauglich erklärt. Es gab Studien über Sexualität in der Familie, über Fernbeziehungen, bei denen Skype eine entscheidende Rolle spielt, und über Männer, die auf Frauen stehen, aber lieber schwul wären. Das Rahmenprogramm bot japanische Fesselkurse und Anleitungen zum Pornoselbermachen.

Die Kunst in der Pornografie

Niemandem würde beim Blick ins Festivalprogramm der Gedanke kommen, dass Pornografie für Männer gemacht sein könnte. Im Gegenteil: Die Arbeiten der FilmemacherInnen sind mehrheitlich feministisch motiviert. Sie entspringen einem Feminismus, der die Reformierung von Pornografie, nicht ihre Abschaffung fordert. Es ist ihr Verdienst, dass es schwieriger geworden ist, Pornografie mit Frauenhass gleichzusetzen, auch wenn die Filme, die hier gezeigt werden, nicht repräsentativ sind und konventionelle Pornos nach wie vor den Markt dominieren.

Die Reformpolitik war effektiv, aber sie hat auch neue Problemfelder geschaffen. Es gibt inzwischen so viele Pornogenres wie Kochrezepte, und immer, wenn jemand ein bisschen mehr Salz reinstreut, meldet er ein neues «authentisches» Genre an. Der lesbische Sex im Kino Moviemento, das betonen sie hier immer gern, ist wahnsinnig gut rübergebracht. Aus diesem Grund gibt es in vielen Filmen Interviewsequenzen, in denen die DarstellerInnen über ihre Erfahrung sprechen – wenn die Filme nicht gleich als Dokumentarfilm gekennzeichnet sind. Das Festival leidet mittlerweile derart an einem Authentizitätszwang, dass es zwar viele schöne Studien über Sexualität zeigt. Das Festival muss sich jedoch immer häufiger die Frage gefallen lassen: Wo bleibt die Pornografie?

Man kann das als den alten Streit um die Kunst in der Pornografie abtun. Man kann auch argumentieren, dass Pornografie sich eben wandelt. Aber damit nähme man die Kritik nicht ernst, die wissen will, ob Pornos nicht einmal dazu da waren, die Zuschauenden zu erregen.

Ein Genre, das dieses Dilemma schon länger kennt, ist die sogenannte Frauenpornografie. Frauenpornos wurden mit einem klaren politischen Ziel erfunden: der weiblichen Lust, die auf dem Bildschirm oft vernachlässigt wird, endlich Ausdruck zu verleihen. Geprägt wurden sie in den achtziger Jahren von Regisseurinnen wie Candida Royalle und Annie Sprinkle. Ihre berühmteste deutsche Vertreterin ist Petra Joy. In der Schweiz macht seit 2009 ein Frauenduo namens Glory Hazel mit pornografischen Retrocollagen auf sich aufmerksam. Die Künstlerinnen Sabine Fischer und Sandra Lichtenstern schnippeln dafür ästhetisch interessante Sequenzen aus Pornoklassikern zusammen, vertonen sie neu und bringen das Ganze als Kurzfilmremixe heraus.

Feministischer Eifer

Die meisten Frauen mögen keine Frauenpornos. Sie sagen, dass es darin zu viel Handlung gibt und zu wenig knallhartes Ficken. Das trifft zwar bei keiner der genannten Regisseurinnen zu, aber das Klischee (weiches Licht und langes Vorspiel) hält sich hartnäckig. Vielleicht klingen die Titel wie «Free Love», «Feeling It, Not Faking It!» zu sehr nach politischer Agenda, nach Gesundheitsschuhen in einer Welt, in der man High Heels trägt. Frauenpornos leugnen ihren Ausgangspunkt nicht, dass Frauen anders Lust empfinden als Männer und man deshalb andere Bilder zeigen muss.

Die Sache wäre nicht weiter tragisch, trügen diese Filme nicht den Begriff «Frau» im Namen. Frauenpornos implizieren vor allem eins: dass Pornos (ohne Attribut) von Männern für Männer gemacht werden. Frauen haben eine andere Lust, sie ertragen keine Darstellung von Gewalt, Macht, Erniedrigung, sie wollen gleichberechtigten Sex und bitte keine Cumshots (sichtbare Samenergüsse)!

Verwechselt wird dabei der Unterschied zwischen dem, was auf dem Bildschirm passiert, und dem, was mit den Zuschauerinnen geschieht. Ein Porno hat, um genau zu sein, mit Sex wenig zu tun. Wie echt oder künstlich in einem Film herumgefummelt wird, ist nicht entscheidend. Kein Porno wird dafür gedreht, den DarstellerInnen Spass zu machen (wenn er das trotzdem tut, umso besser). Ein Porno ist ein Seherlebnis und damit Lust zu produzieren ein Kunststück. Er muss eine Geschichte erzählen, die im Kopf funktioniert.

Heroisch und kompliziert

Die wenigsten Sexfantasien kommen ohne Macht aus. Um Macht zu inszenieren, kommt es aber nicht so sehr darauf an, was man zeigt, sondern vor allem wie. Was beim Porno häufig als gewaltsam wahrgenommen wird, ist gar nicht der harte Sex, sondern das unerbittliche Starren aus einer erniedrigenden Kameraperspektive. Was am Porno Spass macht, ist also banalerweise seine Konvention: die gut ausgeleuchtete Penetration, die Haare, die beim Oralsex aus dem Gesicht gestrichen werden, der Zoom auf den geöffneten Mund. Das haben auch queere Pornos begriffen und sich zu eigen gemacht.

Wer konventionelle Einstellungen vermeidet – wie viele Filme auf dem Festival –, verweigert seinen ZuschauerInnen einen Teil der Lust. Die Absicht dahinter ist so heroisch wie kompliziert: Denn alternative Sexfilme suchen nichts weniger als eine neue Sprache der Erregung – ohne dabei altbekannte Muster männlicher Macht und weiblicher Erniedrigung anzuwenden. Ihr Risiko bleibt, dass sie deshalb nicht funktionieren.

Mit Authentizität – vor allem der weiblichen Lust – hat das nichts zu tun. Die Lust am Schauen ist bei Frauen wie bei Männern an ähnliche Konventionen gebunden. Das Festival mag den Mut haben, diese Konventionen neu zu definieren. Es sollte dabei jedoch eine Grundidee nicht vergessen, die Jürgen Brüning, ihr Initiator, so zusammenfasst: «Pornos vermitteln Illusionen, um Leute zu erregen.»

Sarah Schaschek hat 2012 an der Rheinischen Friedrich-Willhelms-Universität Bonn eine filmwissenschaftliche Dissertation über die Wiederholung in der Pornografie geschrieben.

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