Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Wer mitmacht, wird zur Schlampe

Von Pornografie über Magersucht bis zur Hausarbeit: Die Abwertung des Weiblichen geht tief. Die britische Journalistin Laurie Penny schaut dort hin, wo es wehtut. Trotzdem macht ihr Buch Mut.

Von Bettina Dyttrich

Weiblichkeit muss frau kaufen: Das gelte für transsexuelle Frauen genauso wie für alle anderen, schreibt Laurie Penny.

«Pornografie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis» – erinnert sich noch jemand? Debatten über Pornografie sorgten in den siebziger und achtziger Jahren für Wirbel und Streit in der Frauenbewegung. Damals, als Porno noch auf Sexshops, einschlägige Kinos und das Spätabendprogramm weniger Fernsehsender beschränkt war. Heute ist Porno überall – aber eine politische Debatte darüber gibt es nicht mehr. Dass einige Frauen eine Welt ohne Porno forderten, trägt höchstens noch zum schlechten Image des Feminismus bei – die waren doch alle verkniffen, lustfeindlich und humorlos!

Laurie Penny sieht das anders. Die britische Journalistin und Bloggerin ist mit Jahrgang 1986 eine Generation jünger als die Feministinnen von damals. Und sie ist sauer. Ihr erstes Buch, «Fleischmarkt», sieht dünn aus, aber das täuscht.

Penny ist in einer Welt aufgewachsen, die von Porno geprägt ist, wie es sich vor dreissig Jahren wohl niemand vorstellen konnte. «Ich kenne einen jungen Mann», schreibt sie, «der bei seinem ersten sexuellen Erlebnis mit einer Frau entsetzt feststellen musste, dass sie nicht von ihm erwartete, dass er vor dem Orgasmus seinen Penis rauszieht und ihr ins Gesicht spritzt. Die Pornos, die er gesehen hatte, hatten ihm vermittelt, dass alle Frauen das so wollen.»

Was hat das mit Lust zu tun?

Laurie Penny fordert kein Pornoverbot. Das wäre heute ohne Internetverbot ja auch gar nicht möglich. Ausserdem ist sie keine, die glaubt, Verbote lösten Probleme. Aber sie spricht aus, was schon lange niemand mehr in dieser Deutlichkeit sagte: Was soll das, was 99 Prozent der heterosexuellen Pornos zeigen, mit Lust zu tun haben? «Wenn in der zeitgenössischen Pornografie überhaupt Gesichter zu sehen sind, so sehen sie nicht aus, als hätten sie viel Spass. Die Allgegenwärtigkeit dieser auf öde Weise brutalen Interpretation von Pornografie kann für junge Menschen extrem verwirrend sein.» Nicht nur für den erwähnten jungen Mann, sondern vor allem auch für junge Frauen: Wenn sie sich so geben, wie es scheinbar erwartet wird – sexy, verführerisch, verfügbar –, ist das vernichtende Urteil nicht weit: «Schlampe!»

Die moralische Empörung, «das schadenfrohe Entsetzen über weibliche Promiskuität», sei nicht das Gegenteil der Pornografisierung, sondern ein Bestandteil von ihr, ist Penny überzeugt. «Wenn über Frauen von heute und ihre Sexualität berichtet wird, so wird sie meist mit einer Art Hurerei in Verbindung gebracht.»

Laurie Penny hat ihre feministische Theorie gelesen. Trotzdem hat «Fleischmarkt» nichts mit den oft hochtheoretischen Veröffentlichungen des akademischen Feminismus zu tun. Das Buch kommt aus der Praxis. Penny hat viele Frauen und einige Männer interviewt, und sie erzählt von eigenen Erlebnissen mit komischer Direktheit: etwa wie sie «als mürrische Vierzehnjährige genötigt wurde», an einer Schul-Playbackshow «mit künstlichen Brüsten aus Toilettenpapier» ein Video des blutjungen Popstars Britney Spears nachzumachen. Noch persönlicher wird es im zweiten Kapitel. Die Genauigkeit, mit der Penny Magersucht beschreibt, lässt es bald erahnen: Sie war selbst betroffen. Betroffenheitsliteratur ist das trotzdem nie. Dazu ist ihr Schreiben viel zu wütend und viel zu politisch – wie sie auch die Magersucht als hochpolitisches Thema betrachtet: Kaum sei ein Mädchen sich selbst bewusst, lerne es, «dass dieses Selbst exzessiv ist und beschränkt werden muss». Heute hat sie die Magersucht überwunden: «Ich weigere mich, mich so klein zu machen, dass ich in das enge und erstickende Korsett passe, das die Gesellschaft für junge Frauen bereithält.»

«Das Fleisch radikal akzeptieren»

Pennys zentrale These: Die spätkapitalistischen Gesellschaften fürchten und hassen den weiblichen Körper. Weil Verhütungsmittel akzeptiert seien, sei es nicht mehr möglich, Frauen über die Sexualität zu kontrollieren. Darum habe sich die Kontrolle «ins Materielle» ausgedehnt, «in die physische und semiotische Struktur von Geschlecht und Körperlichkeit an sich». Dagegen fordert Penny, «das Ungeordnete, Fliessende und das Fleisch radikal zu akzeptieren» und sich Schönheitsnormen zu verweigern. Sie spricht sich jedoch (anders als ein Teil der Frauenbewegung von früher) gegen das Feiern einer «weiblichen Essenz» aus: «Weiblichkeit als Tatsache und als Ideologie liegen zu weit auseinander, um in irgendeiner ‹weiblichen› Körperlichkeit zusammenzufallen.» Entsprechend deutlich äussert sie sich gegen die Feindseligkeit gegenüber Transsexuellen. Weiblichkeit sei «eine Lebensweise, die käuflich erworben werden kann und muss». Das gelte für alle Frauen; Transfrauen machten bloss den Mechanismus sichtbar – und würden dafür verachtet.

«Fleischmarkt» endet mit einem wütenden Kapitel über Hausarbeit, das nicht nach schnell umsetzbaren Lösungen sucht, sondern einfach die Misere benennt. Trotzdem macht das Buch Mut. Es zeigt, in welche Richtung eine neue feministische Bewegung gehen könnte: Es braucht Diskussionen und Aktionen zu Ökonomie UND Identität, zu Arbeit UND Sex und Sprache und vielem mehr – oder, um es altmodisch marxistisch zu sagen: zum Unterbau UND zum Überbau.

Pennys Blog: pennyred.blogspot.com

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