Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Politik unter Wasser

Von Bjoern Schaeffner

Eigentlich hätte Techno ihn abfackeln wollen, den ganzen kommerziellen Rockstarzirkus. So richtig klappte das jedoch nicht. Feier-Bling-Bling und Peaktime-Zack-Zack sind an der Tagesordnung. DJs verkörpern leider allzu oft das Einzelkämpfertum unserer Zeit.

Das Duo Drexciya aus Detroit hatte ganz anderes im Sinn, und darum widerfährt ihm in der alternativen Clubszene immer noch grösstmöglicher Respekt. Gerald Donald und James Stinson schenkten der Welt zwischen 1992 und 2002 einen Schatz an Electroperlen – und machten gleichzeitig politische Kunst. Es ist der Versuch, die Erbsünde der USA zu thematisieren: die Sklaverei. Der Erzählraum von Drexciya ist eine utopische Unterwasserwelt. Es geht um die Nachfahren ungeborener Sklavenbabys, die unter Wasser atmen lernten.

Drexciya gaben sich kämpferisch, ähnlich wie ihre Weggefährten von Underground Resistance – eben ein «sonic warfare». Doch neben dem politischen Kampf war da immer auch die Heilsuche. DJ-Visionäre wie Jeff Mills spähten ins Weltall, und Drexciya gingen rückwärts über Bord – um im Meeresgraben Tiefe zu finden. Ihre Tracks klingen nach Wasserwelt: blubbernd, flüssig, offen. Und auch als Künstler tauchten sie ab. Sie verschwanden in der Anonymität, hinter der Maske, hinter ihrem eigenen Werk. James Stinson starb 2002 überraschend, es war das Ende von Drexciya.

Das Zürcher Label Gentrified Underground um den DJ Nicola Kazimir rückt nun Politik, Konzept und Ästhetik von Drexciya ins Licht. Gerald Donald spielt ein Liveset unter dem Pseudonym Arpanet. Zeichner Abdul Qadim Haqq präsentiert seinen Comic «Book of Drexciya. Volume 1» – eine Europapremiere. Das für den Turner Prize nominierte Künstlerkollektiv The Otolith Group zeigt seine Videoarbeit «Hydra Decapita». Wir finden uns auf dem Sklavenschiff «The Zong» wieder. Dessen Kapitän warf 1781 133 Menschen über Bord, um die Versicherungssumme für die Fracht einzustreichen. Einmal flimmert in der Projektion dieser Text auf: «Waren Drexciya ein Mausoleum für ihre Toten?»

«Bubble Chamber» in: Zürich, Upstate, Flüelastrasse 54, Ausstellung von Abdul Qadim Haqq, 15. November bis 23. Dezember 2019; Zürich, Mikro, Sihlquai 125, DJ-Set von Arpanet und Videoperformance von The Otolith Group, Sa, 16. November 2019.

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