Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Verzicht reicht nicht

Ruedi Widmer will grün fliegen und wählen

Von Ruedi Widmer

Sollen wir wirklich dreissig Jahre nach dem Mauerfall dem Sowjetkommunismus in Form der Zürcher Ständeratskandidatin Marionna Schlatter den Einzug ins Bundeshaus gestatten? Warum nicht? Bei Schlatter meint ja nur die SVP-Gemeinde, sie sei eine Kommunistin; in Wahrheit ist sie eine Grüne. Zum Glück wissen die rechten JüngerInnen nicht, dass die Grünen viel gefährlicher für die Finanzelite sind als irgendwelche KommunistInnen aus der Mottenkiste. Eine so kompetente Kommunistin wie sie wird wohl bis weit in die Mitte gewählt. Wenn nicht, soll sie gleich im Dezember zur Bundesrätin gemacht werden. Bern einfach!

Es ist ja gerade der Erfolg der Grünen, der uns zurzeit möglicherweise vor dem Durchmarsch des Rechtsextremismus schützt. Der Klimakollaps kommt vielleicht gerade im richtigen Moment, wenn man so etwas Pietätloses sagen darf.

Aber hier möchte ich auch meine Bedenken anmelden: Bei den Grünen sind ja immer auch noch einige ExponentInnen mit diesem unsäglichen Ecopop-Gedanken dabei. In der grünen Idee schlummert quasi auch die mit Umweltschutz begründete Abschottung. Das ist die Kehrseite. Natürlich sind die allermeisten Grünen nicht so, aber der Schollenbezug ist theoretisch nicht allzu weit entfernt. Zumindest ist diese explizite Gefahr bei den Grünliberalen weniger stark ausgeprägt. Diese Truppe, die man nicht gerne wählt, weil sie zwischen Umweltschutz und Steuersenkung mäandert, ist mir, solange es nicht um Finanzpolitik oder Sozialpolitik geht, bezüglich ihrer Aufgeschlossenheit gegenüber technischen Lösungen gar nicht so unsympathisch wie manchen in meiner Umgebung.

Wir haben ja beim Klimawandel auch ein Problem, das sich nicht einzig mit Verzicht lösen lässt: Wenn der Flugverkehr gestoppt wird, ist das ganz im Sinne der finanzstarken Faschisten und Nationalistinnen, die die Chance wittern, uns in unseren Nationalstaaten einzusperren, notfalls auch mit Hinweis auf den Klimawandel (das kommt schon noch, die SVP hat ihre Chance einfach noch nicht begriffen). Deshalb plädiere ich für einen Marshallplan im Bereich Flugantriebe. Der Stromflug vielleicht weniger, aber umso mehr der Wasserstoffflug ist technisch machbar und sollte so schnell wie möglich markttauglich gemacht werden.

Der Austausch von Menschen, Waren und Gedanken hat erst die WeltbürgerInnen geschaffen, die viele von uns heute sind, auch Greta Thunberg. Und WeltbürgerInnen mit der Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Kulturen und Ländern sind notabene die Einzigen, die theoretisch die Fähigkeit haben, das hochkomplexe Ökosystem der Erde noch vor dem Schlimmsten zu bewahren. Wenn auch die von Teilen der WeltbürgerInnenschaft initiierte Globalisierung grosse und oft unnötige Umweltzerstörungen verursacht, wären 193 nationale Alleingänge in der Ökobilanz wohl nicht besser.

Der auch von Linken und Grünen (jetzt unter Flugscham) fleissig frequentierte interkontinentale Flugverkehr sollte also mittelfristig, anders als der europäische Kurzstreckenzubringerverkehr, der per Schiene erfolgen kann (die Fluggesellschaften können ja Züge und Streckenkonzessionen kaufen), in irgendeine umweltfreundlichere Form überführt werden. Zum interkontinentalen Flugverkehr gibt es keine ernsthafte Alternative, im Gegensatz zum Europaflugverkehr, zu Fleisch, Kohlekraftwerk, Auto, Langstreckengütertransport per LKW, zur Armee oder zur Ölheizung. Einzig das Internet erleichtert den Gedankenaustausch auf weite Distanzen, aber das Internet ist ja in vielerlei Hinsicht die Superenttäuschung des 21. Jahrhunderts.

FDP- und Gletscherinitiative-Politiker Ruedi Noser und Gegenkandidat von Schlatter stimmt meinen Ausführungen intellektuell sicher zu, handelt aber politisch nicht danach. Deshalb wähle ich Marionna Schlatter.

Ruedi Widmer ist sonst lustig und Cartoonist in Winterthur.

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