Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Köppel in die Kränze

Ruedi Widmer über Schawinski, Greta-Hater und SUVs

Von Ruedi Widmer

Die Wahlen stehen vor der Tür, was man einerseits an brillenbemalten Plakaten bemerkt, aber auch am rätlichen Hinausschieben von störenden Initiativen wie der Konzernverantwortungsinitiative, die da und dort Ständeratswahlen, zum Beispiel im Stand Zürich, behindern könnten. Deshalb wird jetzt Kandidat Ruedi Noser (FDP), der sich gerne mit seiner Unterstützung der Gletscherinitiative schönfärbt und der geistige Anschubfinanzierer dieser Verschiebung ist, von einigen meiner Facebook-FreundInnen nicht mehr gewählt. Man muss aber aufpassen mit solchen Aktionen, sonst kommt noch Köppel in die Kränze. Tiana Angelina Moser und Marionna Schlatter liegen nach Umfragen zu weit zurück.

Nicht wenige Manne und Froue lehnen aus Greta-Gründen die «widersprüchliche» Wissenschaft mit ihren Mikroskopen und Teleskopen ab, sind aber stark von Horoskopen beeindruckt und lassen sich gerne von diesen führen. Wann kommt endlich das ETH-Verbot?

Ich frage mich, ob die eidg. und bundesdeutschen Greta-Hater nicht auch gerne am Silvester 2015/16 beim Kölner Hauptbahnhof ein bisschen das in echt gemacht hätten, was sie in diesen Tagen so in Facebook reinschreiben. Ob sie nicht selber auch gerne mal ein bisschen «Tiere» wären, wie sie es damals jenen muslimischen Flüchtlingen vorwarfen. Sie denken vielleicht, die dürfen gegenüber dem anderen Geschlecht aus dem Vollen schöpfen, aber (Gleichberechtigung!) wir älteren verdienten Männer, die schon immer da waren, nicht? Schliesslich haben wir schon so viel in die AHV eingezahlt!

Bei den KlimademonstrantInnen sehe ich in erster Linie Menschen, die den Schritt in die geistes- und naturwissenschaftlichen Gymnasien getan haben. Ich fahre täglich in Winterthur Velo, und täglich muss ich bei einer breiten Strasse warten, bis ich sie überqueren kann, weil sehr viele Autos durchfahren. Schon gut jedes vierte ist ein brandneues SUV-Modell mit glitzernden Chromfelgen. Und in vielen dieser Wagen sitzen gut situierte Herrschaften aus Anwaltskanzleien und Bankhäusern, aber es gibt auch eine erhebliche Zahl jener, die nicht so aussehen, als ob sie SVP wählten oder die Grünen, sondern als ob sie gar nicht wählten. Leute, oft auch beruflich aufgestiegene Zugewanderte, denen ihr Auto als Statussymbol viel bedeutet und die deswegen auf manch andere Annehmlichkeit verzichten. Da gäbe es wenig Verständnis für die gut situierten, gut schweizerischen GymnasiastInnen vom Rychenberg, die sich moralisch ihr Velo leisten und vom steigenden Meeresspiegel künden.

«Gäbe» deshalb, weil ich sicher bin, dass die Klimadiskussion ausserhalb von akademischen und politischen Kreisen bis jetzt gar nicht geführt wird, ja völlig unbekannt ist. Das wird ein heisses Eisen, wenn man eines Tages jene tiefergelegten BMWs verbieten will, die junge Männer, oft Secondos, mit ihren Lehrlingslöhnen hegen und pflegen. Immerhin streben die Klimaparteien Mitsprache von AusländerInnen auf Gemeindestufe an. Die wenigen politisch interessierten tiefergelegten Schweizer wählen natürlich SVP, aber ich weiss nicht, wie viele der politisch interessierten ausländischen Motorfans dann wirklich die ausländerfreundlichen Parteien wählen, wenn sie ihnen ihr Auto verbieten.

Wenn sich Roger Schawinski beeilt, schafft er den Schritt vom entlassenen Fernsehtalker zum Ständeratskandidaten für Zürich noch ganz knapp. Vielleicht nimmt er seinem Hassgschpusi Köppel und dem Konzern-Noser noch die Krätze … äh, Kränze weg. Ich habe meinen Wahlzettel noch nicht eingeworfen, sondern ich warte immer noch auf Last-Minute-Kandidatinnen und -Kandidaten. Meist kommen ja die interessanten Leute bei Partys und Einladungen immer erst dann, wenn die langweiligsten schon wieder heimgehen. Wer möchte gerne von mir gewählt werden? Nur ernst gemeinte Angebote.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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